'Symbole der Wandlung'

von C. G. Jung, kommentiert von Esther Keller-Stocker

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1. Einleitung

C. G. Jung stellt im Buch «Symbole der Wandlung» seine Theorie vom menschlichen Bewusstsein und seine Beziehung zum Unbewussten dar. Als Grundlage dienten ihm die Schriften einer jungen Amerikanerin, die er Frank Miller nennt. Nach der Diagnose eines Psychiaters war sie an Schizophrenie erkrankt. Die Texte übernahm C. G. Jung aus einer psychiatrischen Fachzeitschrift von 1906. Miss Miller selber hat er nie persönlich gekannt.

In seinem Buch trägt er viel schriftliches Material zusammen, um seine These vom kollektiven Unbewussten und den Archetypen zu stützen. Es sind Texte und Bilder aus verschiedenen Jahrhunderten und Kulturkreisen. Wichtige Figuren, die in seinem Buch vorkommen sind etwa:

Mithras Hiob Dr. Faust
Mithas Hiob Dr. Faust

Die erste Fassung seines Buches kam 1911 heraus, da war C. G. Jung 36 Jahre alt. Er selber schreibt, dass mit diesem Geburtsdatum seine zweite Lebenshälfte begonnen hatte. Und in der zweiten Lebenshälfte erhält das Leben häufig eine neue Ausrichtung.

1.1. Der Schöpfungsmythos

Die junge, knapp 20-jährige Miss Miller beginnt ihre Aufzeichnungen mit der Schilderung einer ausgedehnten Europa-Reise um 1900. Auf dieser Reise zieht sie sich immer mehr in zurück und gibt sich ihren Betrachtungen hin über die an ihr vorüberziehenden Landschaften und den einheimischen Bräuchen. Vor Sizilien freundete sie sich mit italienischen Marineoffizieren an und unterrichtet sie spasseshalber in Englisch. Eines Nachts hört sie einen der Offiziere singen. C. G. Jung meint, man könne nun annehmen, dass Miss Miller über diesen Italiener, der nachts voll Inbrunst auf der Schiffsbrücke singt, ins Schwärmen geriet. Doch sie kommentiert das Ereignis mit keinem Wort. Stattdessen regt sie sich über die Bettler auf, die sie am folgenden Tag in den Strassen von Catania antrifft.

Pfarrkirche in Gerolzhofen, Anfang 17. Jh.

Auf ihrer weiteren Europareise beschlich die junge Frau eine gewisse Unruhe. Für C. G. Jung ist dies ein Indiz dafür, dass ihr der Marineoffizier mehr beeindruckt hat, als sie wahrhaben wollte. Sie konnte kaum mehr schlafen und träumte von einem Schöpfer, der zuerst den Ton, dann das Licht und zuletzt die Liebe erschuf. Dabei erschallen Milliarden von Sternen im Chor zum Lobe dieses Schöpfers. Sie schreibt ein Gedicht, das ein paar Monate später fertig war.

Als der Ewige zuerst den Ton schuf,
entsprang eine Myriade Ohren zu hören.
Und durch das ganze Weltall,
da grollte ein Echo tief und klar:
«Allen Ruhm dem Gott des Tons!»

 Als der Ewige zuerst das Licht schuf,
entsprang eine Myriade Augen zu sehen.
Und Ohren, die hören und Augen, die sehen,
Erhoben aufs neue einen mächtigen Chor:
«Allen Ruhm dem Gott des Lichts.»

Als der Ewige zuerst die Liebe schuf, entsprang eine Myriade Herzen ins Leben,
Ohren füllten sich mit Musik, Augen mit Licht, erschallen mit Herzen,
übervoll mit Liebe weithin: Allen Ruhm dem Gott der Liebe.

C. G. Jung hält fest, Miss Miller befinde sich während der Europareise in einem introvertierten Zustand und liesse sich ganz von ihren Tagträumen leiten. Diese Träumereien nennt C. G. Jung subjektives Denken. Da sie den italienischen Seemann verdrängt hatte, träumte sie an dessen Stelle von einem Schöpfer, der von Myriaden von Sternen besungen wird.

In diesem Zusammenhang unterscheidet C. G. Jung zwei Arten von Denken, das «objektive Denken» und das «subjektive Denken». Das objektive Denken ist anstrengend und orientiert sich an den äusseren Begebenheiten, die der Mensch wahrnimmt und denkerisch verarbeitet, um so auf die entsprechende Situation zu reagieren. Dann überlegt er sich, wie das objektive Denken entstanden sein könnte und stellt sich vor, wie die Urmenschen sich in Gruppen mit Lauten unterhalten hatten. Ihre Laute hatten sie aus der Umwelt übernommen. So brüllte der Urmensch wie der Donner oder wie der Löwe, schnalzte mit der Zunge, turtelte mit seiner Angebeteten usw. - Der Urmensch ahmte also Naturlauten nach, um sich bemerkbar zu machen und auf seine Umwelt zu reagieren. C. G. Jung untermauert seine These mit einem Text von Anatole France. Dieser schreibt:

Und was ist Denken? Und wie denkt man? Wir denken in Wörtern; das allein ist sinnenhaft und führt zur Natur zurück. Man bedenke, ein Metaphysiker hat zur Erstellung des Weltsystems nur den perfektionierten Schrei der Affen und der Hunde. Was er tiefsinnige Ergründung und transzendente Methode nennt, besteht darin, Stück um Stück, in willkürlicher Anordnung, die Laute aneinanderzureihen, die in den Urwäldern Hunger, Angst und Liebe hinausschreien und mit denen sich allmählich Sinngehalte verknüpfen, die man für abstrakt hält, wo doch nur die Verbindung erschlafft ist. – Man befürchte nicht, dass diese Folge gedämpfter, abgeschwächter kleiner Schreie, die ein philosophisches Werk ausmachen, uns zuviel Wissen über das Universum vermittle, so das wir darin nicht mehr leben könnten.

Die Naturlaute entwickelten sich zu Sprachen und abstrakten Denkmodellen, die nach langer Entwicklung und Tradition zur heutigen Wissenschaft und Technik führten. C. G. Jung nennt dieses Denken objektiv, weil der Mensch sich mit diesem Denken in der Sprache ausdrückt, mit anderen kommuniziert und sich mit diesem Denken den Bedingungen der Aussenwelt stellt. Das objektive Denken hat uns ungeahnte Erfolge gebracht, etwa in technischer Hinsicht. Es ist aber ein neues, modernes Phänomen. Denn in der Antike herrschte das subjektive Denken vor. Anfänge von Naturwissenschaften gab es zwar, waren aber in mythischen Gedanken eingehüllt. Die Menschen beschäftigten sich mit Göttern und Dämonen. Die Natur hatte magische Wirkung auf den Menschen, die Haine, Meere, Flüsse, Berge waren voll von Geistern und Feen. Es ist ein Denken, das heute in Träumen und in der Kunst vorkommt.

Seengeheuer Ketos von Piero di Cosimos
Das Seeungeheuer Ketos von Piero di Cosimos, um 1515

Daraus folgert er: Das geistige Training in den europäischen Schulen hat den Menschen von der numinosen Macht der Natur und den Geistern isoliert und das objektive Denken ermöglicht.

Dann kommt C. G. Jung auf die Libido zu sprechen. Sigmund Freud nennt sexuelles Verlangen «Libido». Dazu meint C. G. Jung, Sexualität ist zwar ein sehr starker Trieb, aber es gibt auch andere starke Triebe wie Hunger, Durst, Macht etc. Deshalb kann man nicht alle psychische Probleme auf den Sexualtrieb reduzieren. Die Libido definiert er als «gesamte psychische Energie».

Libido =
Psychische Energie




Sexualität
Hunger
Durst
Erhaltungstrieb
Brutinstinkt
unbewusst

Tritt der Mensch in eine Krise, ist die persönliche Libido blockiert und regrediert, belebt die Zeit der Kindheit, in der die Eltern eine wichtige Rolle spielten. Doch auch aus dem Unbewussten drängen sich Inhalte ins Bewusstsein. Unter dem Unbewussten versteht C. G. Jung unsere Instinktwelt. Das Unbewusste ist wie das Wort sagt nicht-bewusst, wir wissen also nicht, was das Unbewusste ist. Anhand der Symbole kann aber folgendes erschlossen werden:

  • Das Unbewusste beinhaltet die Summe aller durchschnittlichen Erfahrungswerte in all ihrer Entwicklungsstufen. Diese Erfahrungswerte sind als Energie gespeichert und steht allen Menschen als Disposition gleichermassen zur Verfügung, und drückt sich spontan in Seelenbildern aus.
  • Zwischen unserem Bewusstsein und dem Unbewussten findet ein ständiger Austausch statt. Dabei projizieren wir häufig Seelenbilder nach aussen und nehmen sie als äussere Gegebenheiten wahr.
  • C. G. Jung bezeichnet das Unbewusste auch als den Geist, der durch all die Entwicklungen der Welt, der Erde, der Lebewesen und der Menschen hindurchgeht. Und sich auch in diesen Entwicklungen manifestiert.
  • So wie wir an unserem Knochengerüst Überbleibsel von den ältesten Tieren haben, so bewahrt das Unbewusste uralte Verhaltensstrukturen. (Ausfürlich in GW 9I)
Welt aussen

Geist
durch
alle
Entwicklungs-
stadien
Menschheitsgeschichte

Tierwelt

Erde

Weltall

Mensch

Tiere

Sonne, Wind

Anhand bestimmter Seelenbilder kann man auf Komplexe schliessen, die sich im Unbewussten gebildet haben. C. G. Jung nennt solche unbewusste Komplexe «Archetypen», etwa der Archetyp des Grossen Vaters. Dieser manifestiert sich je nach individuelle Persönlichkeit oder Kollektiv in verschiedenen Bildern. Als Beispiel nimmt er den aztekischen Kriegs- und Sonnengott. Dieser ist als Mann dargestellt, hat aber einen Jaguarkopf und Hörner und ist mit einem Federbusch geschmückt. In der linken Hand hält das Gottwesen einen Schild und einen Lorbeerzweig und in der anderen Hand einen Stab. Die Füße haben gespaltene Klauen, den Ziegenfüßen ähnlich. Auf dem Rücken sind so etwas wie Fledermausflügeln zu sehen und bauchseitig ein hässliches Gesicht mit aufgerissenem Rachen, das scharfe Zähne zeigt. - Seelenbilder sind in menschlichen Kulturen die einigende seelische Basis und werden als Gottheiten dargestellt.

Huitzilopochtli - aztekischer Kriegs- und Sonnengott
Codex Telleriano-Remensis

Wie sich Seelenbilder spontan aus dem Unbewussten manifestieren, zeigt C. G. J ung anhand seines Geisteskranken in der Psychiatrie in Zürich, der immer wieder von «der Röhre an der Sonne» sprach. Dann traf C. G. Jung einen schwarzen Kranken aus einem völlig anderen Kulturkreis. Auch dieser erwähnte «die Röhre an der Sonne». C. G. Jung betont, dass seine Patienten ihre Vorstellung spontan und ohne religionsgeschichtlichen Kenntnissen äusserten. Das heisst, die Idee muss aus einer dem Menschen gemeinsamen Ursprung stammen, nämlich aus dem kollektiven Unbewussten (S. 131ff.). Für seine These fand er auch einen antiken Text aus dem Mithraskult. Da heisst es:

Ähnlicher Weise wird sichtbar sein auch die sogenannte Röhre, der Ursprung des diensttuenden Windes. Denn du wirst von der Sonnenscheibe wie eine herabhängende Röhre sein.
ὅμοίως δἐ καὶ ὁ καλούμενος αὐλὀς, ἡ αρχἡ τοῦ λειτουργοῦντος ἀνεμου,
ὂψει γἁρ ἀπὁ τοῦ δίακου ὡς αὐλὸν κρεμάμενον
(S. 132)1.

Maria

Die Vorstellung war aber auch im 15. Jahrhundert bekannt: Ein Bild zeigt den Heiligen Geist als Taube. Und ein Schlauch aus dem Himmel befruchtet die Mutter Gottes. Daraus folgert C. G. Jung: Ob in der Antike, im Mittelalter oder in der Neuzeit, das Bild vom Sonnenpenis taucht in bestimmten Situationen spontan aus dem Unbewussten auf.

Obumbratio Mariae. Rheinischer Wirkteppich (Ende 15. Jh.)

Bei Miss Miller sind zunächst die Symbole des Grossen Vaters dominant. So assoziiert sie mit dem Schöpfergott, mit Licht, Sonne und Universum. Als introvertierter Mensch wird die Europatour zu einer inneren Reise, sodass zu den äusseren Ereignissen mythische Bilder, Seelenbilder auftauchen2 : So sind Meer und Nacht zwar aussen sichtbar, aber auch typische Symbole für das Unbewusste. Und da singt ein attraktiver italienischer Seemann in der Nacht! Im Unbewussten wird er zur unerreichbaren Animus- und Gottes-Figur, wie sie ihn dann in ihrem Gedicht beschrieb. «Meer» und «Nacht» findet sich in ihrem Gedicht übersteigert als «unendlicher Raum» mit Myriaden von «Ohren» und «Augen» wieder. Dass ein solch schwarzes Universum depressiv macht, ist verständlich und weist auf ihre ausweglose Situation hin, auf ihre Sehnsucht nach trauter Zweisamkeit und erfüllter Liebe.

Literaturhinweis

  1. Übersetzung von Albrecht Dieterich,
    «eine Mithrasliturgie», 1910
  2. Erich Neumann nennt diesen Weg einen «archetypischen Mysterienweg»