Römer 3,24-26, der kleine Text im Neuen Testament sehe ich als KurzfassungBundeslade biblischer Theologie. Das Nachdenken über Römer 3,24-26 und über verwandte Texte und Bilder sind Gegenstand meiner Aufsätze in dieser Homepage.

Römer 3,24-26 bildet meines Erachtens auch die symbolische Struktur theologischen Denkens. Aber nicht nur das! Mir scheint, man könne am Beispiel dieses Textes die Grundstruktur unseres abendländischen Bewusstseins darstellen: Im Zentrum steht das Ideal, die Erlösung durch das Opfer Jesus Christus. Dieses Opfer findet seine Verklärung in Gott. Es ist nun nicht von ungefähr und auch nicht unwesentlich, dass sowohl Gott wie auch das Opfer in Gott als männliche Grössen dargestellt sind.

V O R W O R T

V O R W O R T

Die Erlösung durch Jesus Christus in Römer 3,24 gilt theologisch als neue Schöpfungstat, die den Menschen unter dem göttlichen Gesetz befreit. Dabei wird ein wesentlicher Teil vergessen, den Adressaten des Opfers. Wem muss das Opfer dargebracht werden, damit die neue Schöpfung erfolgen kann? Der Text gibt scheinbar keine Antwort. Doch verdrängt kommt der Adressat im Begriff "Sühne" (Hilasterion) zum Vorschein. Als Sühne wird das Opfer Jesus Christus bezeichnet. Der gleiche Begriff Hilasterion (= Sühne) wird in der griechischen Fassung des Alten Testaments auch für den Sühnedeckel auf der Bundeslade im Allerheiligsten verwendet.

Heutige Exegeten sind sich aufgrund diesen Begriffs einig, dass sich Römer 3,24-26 auf III. Mose 16 bezieht. III. Mose 16 beschreibt das Versöhnungsritual vor der Bundeslade im Allerheiligsten des Jerusalemer Tempels. Das Allerheiligste darf nur der Hohepriester aus dem Stamme Levi betreten und dort das Versöhnungsritual vollziehen. In meinem Aufsatz zu Römer 3,24-26 zeige ich, wie die Bundeslade als weibliches Symbol zu verstehen ist. Die Lade repräsentiert die Grosse Mutter in ihrem verschlingenden und gebärenden Aspekt, der unter dem Sühnedeckel Hilasterion (= Sühne, Sühnedeckel) unter Verschluss gehalten wird.

Doch in Römer 3,24-26 geht es nicht nur um die Verdrängung der Grossen Mutter sondern auch um ein zentrales Ereignis, das in der christlich patriarchalen Tradition mit allen Mitteln verdrängt wird - um das Ereignis des leeren Grabes, das offenbar nur Frauen gesehen haben. Denn "Lade" und "leeres Grab" sind dieselben Symbole, sind identisch. Wenn ein Bote Gottes oder Jesus Christus über dem leeren Grab erscheint, dann ist das Allerheiligste, das nur der Hohepriester aus dem Geschlecht Levi betreten darf, überflüssig. Gott hat sich nicht mehr dem Hohenpriester manifestiert sondern den Frauen, die zum leeren Grab gingen. Das Thema der Frauen am Grab in der christlichen Tradition ist besonders in meinem Aufsatz "Auferstehung" beschrieben. Dieser Aufsatz orientiert sich an einem Bild des spätmittelalterlichen Malers Fra Beato Angelico.

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Ein eindrücklicher Text ist der 1. Auftritt der Rockoper Jesus Christ Superstar. Er ist für mich ein Paradebeispiel christlicher Theologie: Judas, der analytische Denker spielt seine Überlegenheit gegenüber Jesus aus - und scheitert! Wie in Römer 3,24-26 kommt auch hier wie zufällig die Lade (Chest) vor. Die Symbolik, die Judas in seiner Sprache benutzt, orientiert sich am Licht. Das Licht ist patriarchalisch gedeutet, wird mit männlich identifiziert. Das Licht, ein Symbol des Ichs und des Bewusstseins, versickert dann ins Unbewusste und erhält dort eine Eigendynamik. Diese Eigendynamik bringt ihrerseits Symbole hervor, die nicht ins Denken des Judas passen wollen.

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Der Baumfäller von HodlerZwischen 1976 und 1985 studierte ich mit einem längeren Baby-Pause an der Universität  in Zürich reformierte Theologie. Was mich an der Theologie tief verletzte, war ihre ausgesprochen patriarchale Prägung. Auf der Suche nach Interpretationsmöglichkeiten stiess ich auf die Schriften von C. G. Jung. Nach C. G. Jung hat der Archetyp der Grossen Mutter eine grosse Bedeutung im kollektiven Unbewussten. Das kollektive Unbewusste wird als unbewusste Kompensation zum unserem kollektiven Bewusstsein betrachtet. Der Jungianer Erich Neumann beschreibt in seinem Buch "die Grosse Mutter" ausführlich die Symbolik der Grossen Mutter. Zu ihrer Symbolik gehört nicht nur die konkrete Frau, Mutter, Grossmutter, Tochter sondern auch Tugenden und Untugenden wie Weisheit, Liebe, Faulheit und Gehässigkeit. Zum untere Aspekt der Grossen Mutter gehört alles mit Gefässcharakter wie Krug, Sarg, Haus, Schiff usw. In einer weiteren Dimension symbolisiert die Grosse Mutter aber auch Meer, Ozean, Welt, Natur und ganz allgemeine steht sie für Materie. Erich Neumann betrachtet die Grosse Mutter auch als der Urozean, aus dem das göttliche und menschliche Ich entstanden sei. Trotz der Faszination, die diese Bücher auf mich hatten, fehlte mir in diesen Büchern die Hinterfragung des Archetyps des Grossen Vaters. Die Bücher brachten mich weiter, aber gleichzeitig musste ich erkennen, dass sie genau so das Patriarchat und den Archetyp des Grossen Vaters verklären.

Für mich stellt sich dann die Frage, wie geht das kollektive Ich, welches sich vorwiegend männlich erfährt, mit der unbewussten Grossen Mutter um? Wie reagiert ein solches Ich auf die Grosse Mutter? Da dieses kollektive Ich die Grosse Mutter nicht als Innenwelt erleben kann, projiziert er sie nach aussen, auf die Welt, Natur und Materie. Das Ich durchforscht, analysiert und nimmt diese Welt aussen in Besitz. Parallel schreitet die Zerstörung unserer Welt voran, ohne dass uns dies wirklich belastet. Denn die Grosse Mutter gehört zum blinden Fleck unseres Bewusstseins wie die Bundeslade in Römer 3,25 und Oaken Chest bei Judas in Jesus Christ Superstar.

Für mich tun sich da Parallelen auf zwischen unserem kollektiven Ich und dem alttestamentlichen Gott. Wie im Alten Testament die Symbolik von Ich und Grosser Mutter funktioniert, kann am Eheverhältnis Jahwes zu seiner Frau gezeigt werden: Die Ehefrau erscheint in den Symbolen des mütterlichen Archetyps, einmal als Volk, dann als Land (Judäa, Israel) oder als Stadt (Jerusalem, Samaria). Der alttestamentliche Gott hat in diesem Ehebund die absolute Macht. Die Ehefrau ist auf Gedeih und Verderben den Launen und dem Rechtsdünkel Jahwes ausgeliefert. Ihr Aufbegehren, ihre Eigenständigkeit werden von Gott mit Gehässigkeit und Zerstörung beantwortet. Die Unterordnung der Ehefrau Gottes ist dabei so zentral, so bedingungslos, die Gehässigkeit Gottes so erbarmungslos, dass ich mich fragen muss, ob der angedrohte Tod für die Frau nicht eher als Erlösung von ihrem Gebieter erscheinen musste denn als Bestrafung?

Aber wen bekämpft Jahwe eigentlich? Ich denke, es geht gar nicht um die Ehefrau sondern Töpfer in der Hocke mit seinen Gefässen um den blinden Fleck in Jahwe selber. Jahwe ist bekanntlich der Schöpfer unserer Welt, er bildete die Welt nach seinen Vorstellungen, also bekämpft er in seiner Ehefrau etwas, das zu ihm gehört. Dieser Verdacht verhärtet sich in der Tatsache, dass sie als eigenständige Grösse niemals zur Sprache kommt. Es wird alles immer aus SEINER Optik gesehen. Und alles was nicht in sein ideologisch überhöhtes Ich gehört, wird mit unbarmherziger Genüsslichkeit gedemütigt und zerstört. Notdürftig wird das göttliche Verhalten in einen moralischen Kontext gepresst. Doch zeigt II. Samuel 24, dass es um göttliche Willkür geht, der das Volk nur knapp entrinnt.

Jahwe und seine Ehefrau erscheint als mythisches Urbild unserer abendländischen Zivilisation. Wie Jahwe steht unser kollektives Ich einer stummen Welt, einer stummen Natur einer stummen Materie gegenüber. Natur und Welt sind uns geeignete Projektionen unserer unbewussten Grossen Mutter. Sie soll unsere Bedürfnisse abdecken, sich unseren Vorstellungen anpassen und bei Katastrophen, die der Mensch verursacht ist, wird die Schuld auf sie als Mater-ie geschoben.

Unser Ich strebt natürlich das Gute an, das Gute in seinem spezifischen Sinne, während das Zerstörerische unsere Ideale schattenhaft begleitet und unsere Lebensgrundlagen vernichtet.

Literaturhinweis

Bildnachweis

Letzte Revision: 09.03.2010
Text 27.12.1999


Text und Gestaltung: Esther Keller-Stocker, Horgen (Schweiz)
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