Die verborgene Bundeslade

R Ö M E R 3,24-26



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Neues Testament

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EINLEITUNG

Diese Arbeit ist aus einem Unbehagen gegenüber der christlichen besonders der reformierten Theologie entstanden. Denn die offizielle Theologie trachtet danach, das Männliche zu verherrlichen, während alles, was an weiblich erinnert, möglichst verdrängt und ausgeschaltet wird. Röm.3,24-26 ist dafür ein schönes Beispiel: Um seine Theorie über die Rechtfertigung zu erklären, greift Paulus ein in der Gemeinde bekannter Hymnus auf, aus dem er einen Teil zitiert. In diesem Fragment ist von Jesus Christus als Sühnopfer die Rede, welches uns von unserem Verhaftetsein in der Sünde erlöst. Mit diesem Opfer, in dem sich Gott selber manifestiert, ermöglicht Gott eine neue Schöpfung.

Der Hintergrund dieses Gedankens ist die alttestamentliche Vorstellung vom Treueverhältnis Gottes zu seinem Volk. In dieser alttestamentlichen Vorstellung wird Gott als Ehemann, Ankläger und Richter vorgestellt, das Volk als ehebrecherische Ehefrau. In Ezechiel 16 macht Gott seinem Volke unglaubliche Vorwürfe, beschimpft und bedroht sie, während von der Gegenseite kein Wort fällt. Denn das Volk in Gestalt der Ehefrau hat gar kein Recht, etwas zu sagen, sich zu verteidigen. Folgt man Jeremia 18, so wünscht sich Gott sein Volk als tote Masse, die er nach eigenem Gutdünken formen und gestalten kann. Als er die Eigenständigkeit des Volkes wahrnimmt, kommt er in Rage, reagiert mit Krieg und Zerstörung.

In Römer 3,25 taucht mit Christus als Hilasterion noch eine andere Idee auf: Heutige Exegeten sind sich darin einig, dass sich Römer 3,25 auf III. Moses 16 bezieht. In diesem alttestamentlichen Kapitel ist von einem Versöhnungsritual die Rede, wobei der Hohepriester Opferblut gegen die Lade sprengt. Die Lade ist mit einem Sühnedeckel zugedeckt. Dieser Sühnedeckel heisst auf Hebräisch Kapporeth, auf Griechisch Hilasterion. Der Sühnedeckel kommt im Alten Testament ohne die Lade aber nicht vor. Und so ist es nahe liegend, dass die Autoren des Hymnusfragments (Römer 3,25-26a) auch die Lade mitgemeint haben müssen. Jedenfalls ist es eigenartig, dass Paulus ausgerechnet nach "Hilasterion" korrigierend eingreift, indem er zwei Wörter durch sein "im Glauben" ersetzt. Könnte da nicht ein Bezug zur Lade gestanden haben, die Paulus zu verdrängen sucht?

Nun, was ist die "Lade"? Zunächst ist die "Lade" einmal ein Symbol der Grossen Mutter, darauf haben C. G. Jung und Erich Neumann ausgiebig berichtet. Nach alttestamentlichen Zeugnisse stand die Lade seit der Einweihung des Jerusalemer Tempels im Allerheiligsten (I. Könige 8). Alljährlich wurde nach priesterlicher Quelle einmal im Jahr das Sühneritual vollzogen (III. Mose 16). Der Hohepriester besprengte den Sühnedeckel mit Opferblut und liess das übrige Blut auf den Boden fliessen. Der priesterliche Text verstand den Sühnedeckel als Boden, auf dem Jahwe seine Füsse setzte (Jesaja 6). Andererseits deckt der Sühnedeckel die nach oben offene Lade (II. Könige 8) zu. Somit symbolisiert der Sühnedeckel eine Trennung zwischen Gott im Himmel und der Lade als Muttergottheit auf Erden. Wem nun das Opferblut galt, Jahwe im Himmel oder der "Lade" auf Erden, bleibt in III. Mose 16 unentschieden. Ursprünglich galt das Blut der Lade und damit der Muttergottheit, darauf weist die Überantwortung des restlichen Blutes an die Erde. Darin ist die Vorstellung, dass das Blut zur Mutter zurückkehrt enthalten, doch die Entsühnung als Rechtsprechung wird von Jahwe im Himmel erwartet. Diese Vorstellung kommt ja auch in I. Mose 4 zum Ausdruck: Auch hier hat die Erde das Blut Abels empfangen (V. 11). Das Blut Abels aber schreit aus der Erde zu Gott im Himmel um Rechtssprechung an. Ursprünglich liegt aber auch die Entsühnung im Bereich der Mutter Erde, wie aus einer älteren Vorstellung in V. Mose 21 hervorgeht: Hier ruft das Blut des Ermordeten nicht zu Gott im Himmel, sondern eine junge Kuh wird geschlachtet, um die Erde zu entsühnen. Kühe waren aber im Alten Orient immer Manifestationen der Grossen Mutter.

In Römer 3,25 klingt noch die Ambivalenz zwischen dem richtenden Gott und der ursprünglichen Version der Sühnevorstellung, wonach das Blut der Grossen Mutter überantwortet wird, nach. Paulus überwindet diese Vorstellung zugunsten der neuen göttlichen Heils- und Schöpfertat. Doch die Überwindung des Paulus ist nur Schein, denn die neue Schöpfung ist ohne die archaische Mutter nicht vorstellbar, die unbewusst, nur im Begriff "Sühnedeckel" durchschimmert. Eigentlich hängt die neue Schöpfung von der Grossen Mutter ab, die sich durch das Opfer beschwichtigen lässt.

Nun stellt sich aber die Frage, wer hat denn ein Interesse daran, das Kreuzesgeschehen auf diese Art zu interpretieren? Gott der Heil spendende, gütige Richter und sein Gegenpol, die verschlingende Mutter entspricht klar dem patriarchalen Bewusstsein. Und so ist es nicht von ungefähr, dass Römer 3,24-26 zu den Hauptaussagen unserer offiziellen Theologie gehört, einer Theologie die bis heute ausschliesslich von Männern gedacht und beschrieben wurde. 

Die Aussage in Römer 3,25 ist mythisch. Und wie Mircea Eliade gezeigt hat, funktioniert der Mensch nach mythischen Vorbildern. Der Mensch wird von den numinosen Grössen wie ein Computerprogramm gesteuert. Horst E. Richter hat gezeigt, dass der Europäer eine ausgesprochen narzisstische Struktur besitzt, und sich im Laufe der Neuzeit mit Gott identifiziert hat. Doch diese Aussage hat ihre Konsequenz, denn wenn der abendländische Mensch sich mit Gott identifiziert, dann hat er auch das gleiche psychische Muster wie dieser. Und so ist sein Schaffen und Wirken immer begleitet von dessen Schattenproblematik, dessen ungeheuren Zerstörungswut. So hat der Europäer Länder und Kontinente erobert in derselben Zerstörungswut altorientalischer Grosskönige. In gleicher Weise zerstörte er Einheimische, Millionen von Menschen. Er schaffte und schafft seine Welt, in dem er sie durchleuchtet und zerstört. Und mit ihr zerstört er seine eigene Lebensgrundlage.

ÜBERSETZUNG VON RÖMER 3,24-26

Gerechtfertigt werden sie umsonst durch seine Gnade, durch die Erlösung in Christus Jesus. Ihn hat Gott öffentlich hingestellt als Sühneopfer - im Glauben - in seinem Blute; zum Erweis seiner Gerechtigkeit um der Vergebung der vergangenen Sünden willen, durch die Geduld Gottes: Zum Erweis seiner Gerechtigkeit in der jetzigen Zeit; damit er gerecht sei und den rechtfertigt, der an Jesus glaubt.

1. EXEGESE

Dieser Abschnitt ist für mich nicht besonders wichtig, soll aber der Leserin, dem Leser zeigen, dass ich die Thesen der offiziellen Theologie kenne.

In diesem Kapitel folge ich vor allem dem Römer-Kommentar von Ulrich Wilckens: Das zentrale Thema im Römerbrief ist die Gerechtigkeit Gottes". Paulus führt dieses Thema in Römer 1,17 ein:

Denn in ihr wird Gottes Gerechtigkeit kundgemacht - aufgrund des Glaubens für den Glauben, wie es in der Schrift heißt: Wer aus Glauben gerecht ist, wird das Leben haben

Paulus eröffnet hier sein Thema mit der positiven Gott-Mensch-Beziehung als Kundgabe der Gerechtigkeit Gottes, die dem sündigen, aber gläubigen Menschen Gerechtigkeit schafft. Dabei zitiert er Habakuk 2,4 aus dem Alten Testament.

Bevor Paulus auf diese positive Beziehung weiter eingeht, erläutert er die negative Gott-Mensch-Beziehung unter dem Zorn Gottes. Der Zorn Gottes wird durch die Sünde des Menschen verursacht (Römer 1,18-3,20). Dabei sind alle Menschen, Juden wie Heiden, Sünder:

Alle haben gesündigt und gehen der Herrlichkeit Gottes verlustig" (Römer 3,21)

Heiden sind ungehorsam, weil sie die Schöpfung anbeten statt durch diese Gott erkennen. Die Juden tun dasselbe, spielen sich aber vor den Heiden als Richter und Lehrer auf. Ihren Mangel an Glaube kompensieren sie mit der Beschneidung, die ihnen ohne den Glauben aber nichts nützt (Römer 2). Gott straft Unglaube mit Ungehorsamkeit, und dies ist gleichbedeutend mit sittlicher Zuchtlosigkeit (1,24.26-31). Paulus endet das Kapitel in 3,20b mit der Feststellung, dass es durch das Gesetz zur Erkenntnis der Sünde kommt " (3,20b).

In Römer 3,24 ist von Gerechtigkeit Gottes als neues Heilshandeln Gottes die Rede. Sie ist in der jetzigen Gegenwart offenbar, unabhängig vom Gesetz (V. 21), aber längst schon von der Heiligen Schrift bezeugt (3,21). An dieser Gerechtigkeit haben sowohl Juden wie Heiden teil aufgrund ihres Glaubens an Jesus Christus.

In Römer 1,3 stellt Paulus die Auferstehung Jesu Christi in den Vordergrund: Jesus sei der irdischen Abstammung nach aus dem davidischen Geschlecht, aber seine Machtstellung als Sohn Gottes erhalte Jesus kraft des Heiligen Geistes. Diese Gottessohnschaft bestehe seit der Auferstehung Jesu von den Toten. Demgegenüber betont Paulus in Römer 3,24-26 das Opfergeschehen Jesu Christi, welches für die Rechtfertigung des Menschen grundlegend sei. Um diese Idee zu betonen, greift er einen Hymnus auf, den er teilweise zitiert:

ihn hat Gott öffentlich hingestellt als Sühne - ?? -
in seinem Blute, zum Erweis seiner Gerechtigkeit um der Vergebung der vergangenen Sünden willen durch die Geduld Gottes

Was nach als "Sühne" gestanden hat, ist nicht mehr zu eruieren, Paulus hat anstelle des alten Wortes "im Glauben" hinzugefügt. Dass Römer 3,25.26a ein Hymnusfragment ist, zeigt sich an den vielen präpositionalen Wendungen und am gehäuften unpaulinischen Wortschatz. Begriffe wie protithestai (öffentlich hinstellen), Hilasterion (Sühnedeckel) sowie wie Vorstellung von der "Vergebung der vergangenen Sünden" stammen aus der jüdischen Liturgie. Im Hymnusfragment bedeutet der Opfertod Jesu Christi die einmalige Vergebung vergangener Sünden, für Paulus manifestiert sich im Opfertod nicht die Vergebung von Sünden sondern eine neue Heilsphäre, in dem der sündige aber gläubige Mensch aufgenommen ist (V. 24.26b-c). Ein weiterer traditionelle Begriff ist apolutrosis (Erlösung) (V. 24). In der Forschung ist es nicht eindeutig, ob die Aussage von der "Erlösung durch Jesus Christus" zum Hymnusfragment gehört oder paulinisch ist. Apolutrosis ist ein Synonym von lutrosis und geht auf die hellenistische Vorliebe für Komposita zurück. Apolutrosis wie lutrosis bedeuten im hellenistischen Sprachgebrauch "Freilassung von Kriegsgefangenen von Sklaven" und "von zum Tode verurteilte Verbrecher gegen ein Lösegeld". In der Septuaginta, des griechisch geschriebenen Alten Testaments, kommt apolutrosis nur in Dan. 4,34 vor und bedeutet Erlösung. Erlösung ist auch im Sinne Deuterojesajas zu versteht als Verhältnis Gott zu Israel: Gott ist der Erlöser seines Volkes, die Erlösung selbst ist freie Gnadentat Gottes. "Erlösung Israels aus der ägyptischen Knechtschaft" wird in der Septuaginta mit lutrosis wiedergegeben ebenso wie die "Erlösung der Sünden" in Ps. 129,8. Im Neuen Testament kommen beide Begriffe, apolutrosis und lutrosis, im Sinne von endgültiger Erlösung und Befreiung vor: "Der Mensch erwartet von Gott Erlösung als entscheidende endzeitliche Heilstat".

Der wichtigste traditionelle Begriff in Römer 3,24-26 ist Hilasterion: Hilasterion ist substantiviertes Neutrum von hilasterios. Das Adjektiv bedeutet "zur Sühne gehörend". Hilasterion bedeutet "Sühnemittel, Sühnegabe, Sühneopfer, Sühnedenkmal" und allgemein "Sühne". In der Septuaginta wird der Sühnedeckel auf der Bundeslade, die Kapporeth, durchwegs mit to hilasterion übersetzt. Zur Zeit des Neuen Testaments befand sich aber weder die Bundeslade noch der Sühnedeckel im Allerheiligsten des Jerusalemer Tempels. Die Lade war seit der Zerstörung des 1. Jerusalemer Tempels 584 v. Chr. verschwunden. Doch in der im Exil entstandene Priesterschrift ist ein Versöhnungsritual vor der Lade mit dem Sühnedeckel darauf festgehalten. Auch Philo von Alexandria nennt die Deckplatte der Bundeslade hilasterion (Mang 1,56). In der hellenistisch-römischen Welt bezeichnet hilasterion eine der Gottheit dargebrachte Weihe- und Sühnegabe, meist in der Gestalt einer geweihten Stele.

Zusammenfassend kommen in Hilasterion drei verschiedene Aspekte zusammen, es meint einmal den Ort des Geschehens, dann das Opfer und zugleich auch den Opferer. Die Ambivalenz von Opfer und Opferer ist im Hebräerbrief ausführlich gestaltet: Hier fällt "Opfer" und "Opferer" (Hohepriester) in Gestalt von Jesus Christus zusammen. Doch nun stellt sich die Frage, wem muss das Opfer für die neue göttliche Heilsordnung dargebracht werden? Nach den Erläuterungen von Römer 1-3 könnte man zum Schluss kommen, dass das Sühneopfer dem zürnenden Gott gilt. Doch diese Vorstellung, welche in der mittelalterlichen Scholastik von Anselm von Canterbury vertreten wurde, wurde in unserer Zeit von Rudolf Bultmann als "germanischer Einfluss" abgelehnt. Heutige Exegeten übersetzen deshalb hilasterion abstrakt mit "Sühne", einem luftigen Begriff, als ob damit eine Antwort gegeben wäre.

 

Ihn hat Gott öffentlich hingestellt als Sühne (Römer 3,25a1)

Gott selber stellt das Sühneopfer auf - für die ganze Welt sichtbar. Es ist wie ein Aufatmen: Aller Welt ist diese Tat als Gottestat offenbar. Kompensatorisch dazu wird aber ein anderer Aspekt noch mehr in die Verborgenheit gedrängt, die Lade unter dem Sühneopfer. Das Sühneopfer wirkt nun wie ein Kleid respektive wie eine Maske, hinter die man nicht mehr sehen darf. Nicht mehr sehen darf, welche Macht letztlich hinter all den theologischen Erläuterungen steht: Die Lade als Manifestation der Grosse Mutter. Der Einwand unserer Exegeten, die Bundeslade habe zur Zeit Christi gar nicht mehr existiert, ist nicht stichhaltig, versucht nur einmal die Grosse Mutter zu verdrängen. Denn wenn in Römer 3,25 die „Lade“ weg ist, heisst das psychologisch noch lange nicht, dass sie als Urmacht aus dem kollektiven Unbewussten verschwunden ist. „Weg“ heisst hier nur, "weg" aus dem Bewusstsein und deshalb bildet die Lade den unbewussten Mutterkomplex, den das Ich-Bewusstsein zu bekämpfen sucht.

2. THEOLOGISCHE AUSSAGE DES HYMNUSFRAGMENTS

2.1. Traditionelle Vorstellungen

Theologisch beinhaltet das Hymnusfragment die alttestamentlichen Vorstellung von der Treulosigkeit des Bundesvolkes, welche den Zorn Gottes auf sich zieht. Durch die Treue Gottes wird jedoch der Rest des Volkes gerettet.

Der Sühnegedanke kommt in Hosea 6,2 (LXX) vor und ist eng gekoppelt mit Auferstehung: 

Kommt, lasst uns umkehren zu Jahwe; 
denn er hat zerrissen, er wird uns heilen;
er hat geschlagen, er wird uns verbinden.
Nach zwei Tagen wird er uns neu beleben,
am dritten Tag uns wieder aufrichten

Bei Deuterojesaja bewirkt der Gottesknecht durch sein Leiden und Sterben den stellvertretenden Sühnetod für die Welt. Von ihm heisst es:

Darum soll er erben unter den Großen, und mit den Starken soll er Beute teilen, dafür dass er sein Leben in den Tod dahingab und unter die Übeltäter gezählt ward, da er doch die Sünde der Vielen trug und für die Schuldigen eintrat (Jesaja 53,12)

Zu Beginn des Makkabäerkrieges starben Märtyrern: Der Priester Eleazar und eine Mutter mit ihren sieben Söhnen, für den rechten Gottesglauben. Dieser Märtyrertod wurde als Sühneopfer für das Volk verstanden:

Durch das Blut jener Frommen
und ihren zur Sühne dienenden Tod
hat die göttliche Vorsehung das
vorher schlimm bedrängte Israel gerettet
(IV. Makkabäer 17,22)

Das vierte Makkabäerbuch, das die Ereignisse schildert, entstand zur Zeit der frühen Christen. Vielleicht bestand eine Beziehung zwischen diesem Text und dem Hymnus im Römerbrief, zumal der makkabäische Text grosse Ähnlichkeit mit unserem Hymnusfragment zeigt, so wird Blut der Opfer ebenfalls als "tou hilasteriou" bezeichnet.

2.2. Vorstellungen um die Bundeslade

Hilasterion in Römer 3,25 bezieht sich hauptsächlich auf den Kult des jom kippur (Versöhnungstag), dessen Ritual in III. Mose 16 beschrieben wird: Jedes Jahr tritt der Hohepriester in das Allerheiligste, um Opfer darzubringen: Ein Stieropfer für seine eigenen Sünden und für die seines Hauses), ein Ziegenbockopfer für das Volk:

So schaffe er Sühne für das Heiligtum wegen der Unreinheiten der Israeliten und wegen all der Übertretungen, mit denen sie sich versündigt haben, und dasselbe tue er für das heilige Zelt, das bei ihnen weilt inmitten ihrer Unreinheiten

Der Jerusalemer Tempel ist infolge der Versündigung des Volkes in die Sphäre von Schuld und Unheil gekommen und muss jährlich von dieser unheilvollen Sphäre durch ein stellvertretendes Opfer gesühnt werden. Mit ihm werden Hohepriester und die ganze Priesterkaste gesühnt. Und da nach der priesterlichen Auffassung Israel ein Volk von Priestern sein soll, ist letztlich auch das ganze Volk in dieser Sühnetat mit einbezogen.  Genaue Angaben über die Lade und dem Sühnedeckel ist uns von den Theologen der Priesterschrift überliefert. Diese Theologen befanden sich während der Abfassung ihrer Schriften im fernen Babylon. In ihre Darstellung von der Lade dürften auch eigene Vorstellungen eingeflossen sein. Auf alle Fälle gehörten ursprünglich Lade und Sühnedeckel nicht zusammen. In der jetzigen Version stehen zwei Keruben bei der Lade, ihre Flügel bildeten für Jahwe einen Thronsitz. Jahwe soll sich einmal im Jahr, am Versöhnungstag, entweder auf den Sühnedeckel oder zwischen die Flügel der Keruben gesetzt und von dort aus zum Hohenpriester, als Vertreter des Volk Israel, gesprochen haben. Die Lade hatte entsprechend Jesaja 6 die Funktion des göttlichen Fußschemel. Interessant ist die Bezeichnung der Lade als Titel Jahwes. "Die Lade Jahwes der Heerscharen, der über den Keruben thront" veranlasste Exegeten anzunehmen, dass die Lade seit der Salomonischen Zeit der Thronsessel Jahwes gewesen sei. Gegen diese Version wehrt sich Hugo Gressmann:

.... man muss sich nur vor dem Irrtum hüten, als ob die Kapporeth oder gar der Kasten als Thron aufgefasst worden sei. Ein Sessel ist nicht vorhanden, und auf dem Kasten zwischen den nach oben ausgebreiteten Flügeln der Kerube hätte die leibhaftige Gottheit nur stehen oder höchstens hocken können"

Der Titel "die Lade Jahwes der Heerscharen, der über den Keruben thront" ist recht kompliziert und musste spät eingefügt worden sein. Einige Exegeten gehen auch davon aus, dass Jahwe und "Lade" seit jeher identisch gewesen seien. Doch die Lade wird im Alten Testament durchwegs "aaron" bezeichnet, also mit einem Wort, das angeblich etymologisch unbekannt ist. Demgegenüber gehe ich davon aus, dass aaron auf die hethitische Staatsgöttin zurückgeht, die im Laufe der Zeit verdrängt wurde. Und deshalb vertritt aaron eine selbständige Gottheit, die sekundär mit Jahwe identifiziert wurde. Darauf weist auch eine alttestamentliche Überlieferung, die auf eine Tradition zurückgeht, die im Nordreich gebildet wurde. Danach wurde Joseph in Ägypten (I. Mose 50,26) einbalsamiert und zog in einem Sarg, welcher aaron bezeichnet wird, mit durch die Wüste (II. Mose 13,19), um in Sichem bei "seinen Vätern" beerdigt zu werden (Jos. 24,32). Hugo Gressmann sieht eine enge ideologische Verbindung zwischen dem Ahnenkult um Josef und Jahwe in der Lade. Da Josef als mumifizierter Toter nach dem ägyptischen Totenkult mit Osiris identisch war, kann auch Jahwe in der Lade als abgewandelte Version des ägyptischen Osiriskultes gedeutet werden. Darauf weist auch, dass die Lade wie ein ägyptisches Prozessionsheiligtum getragen wurde. Als Sarg des Osiris ist der Kultsarg Manifestation der Himmelsgöttin Nuth, die abends den Sonnengott Amun-Re aufnimmt und am Morgen wieder gebiert. In der Nacht ist Amun-Re identisch mit Osiris. Jahwe, welcher in vorköniglicher Zeit mit der Lade in den Krieg zog, um den Tod zu bringen, bringt ihn ebenfalls in die Nähe von Osiris, welcher als Totengott in der Unterwelt waltete. 

Die Kerubim stammen aus dem mesopotamischen Kulturbereich. Wenn die Keruben bei der Lade sich aber tatsächlich bereits seit Salomon im Jerusalemer Tempel befanden, dürfte die ursprüngliche Idee auf Ägypten zurückgehen, und hier sind es die zwei Schwestern Isis und Nephthis, die mit ihren Flügeln Osiris auf dem Thron beschützten. Erst im Laufe ab dem 8. Jahrhundert vor Christus ist der Einfluss der Assyrer gross genug, um die Bräuche in Palästina zu verändern und die beiden Göttinnen durch ihre Mischwesen zu ersetzen. 

Die Geschichtsbücher des Alten Testaments kann als redaktionelle Bearbeitungen verschiedener Vorstellungen betrachtet werden und so spricht nichts dagegen, dass Jahwe nicht nur auf der Lade thront sondern in einem anderen Text wie Joseph auch in "aaron" als Lade oder Sarg liegt:

Da brachten die Priester die Bundeslade an ihren Ort, in den Hinterraum des Tempels, in das Allerheiligste, unter die Flügel der Keruben. Die Keruben nämlich breiteten die Flügel über den Ort, wo die Lade stand, und bedeckten so die Lade und ihre Stangen von oben her. (I. Könige 8,11f.)

Nach diesem in seiner Vorstellung urtümlichen Text, war die Lade nach oben offen. Und beiden Keruben breiteten ihre Flügel schützend über den offenen Sarg aus.

Die Sonne hat Jahwe an den Himmel gesetzt.
Er selbst hat erklärt, im Dunkel wohnen zu wollen.
So habe ich nun ein Haus gebaut, dir zur Wohnung.
Die Sonne hat eine Stätte, dass du da thronest ewiglich.

Diese Stelle erinnert an den ägyptischen Sonnengott Re-Amon, von dem es heisst:

Du hast dich befestigt, sehr sehr weit sehr sehr fern,
Du hast dich gezeigt im Himmel in deiner Einsamkeit
Jeder Gott auf Erden,
ihre Arme sind im Lobpreis bei deinem Ausgang.
Du erglänzt und sie sehen,
sie erheben sich, ihre Arme gebeugt in Ehrfrucht vor deinem Machterweis

In Ägypten stand der Sonnengott Re in enger Beziehung zu Osiris: Nacht für Nacht wurde er zu Osiris, um sich am anderen Morgen wieder von ihm zu trennen. Da der ägyptische Einfluss auf die syrisch-kanaanäische Stadtstaaten groß war und diese ihren Staat entsprechend dem Vorbild Ägypten einrichteten, erhielt auch Jahwe als Staatsgott in Anlehnung an den ägyptischen Re solare Züge.

In der Fachliteratur wird die alttestamentliche Lade auch mit Kultgegenständen vorislamischer Beduinen verglichen. J. Morgenstern zeigt in seiner Analyse, dass diese Kultgegenstände Muttergottheiten gehörten. Ihr Ursprung sieht er ebenfalls in Ägypten, wie eines seiner Beispiele zeigt, der Umzug der Göttin Bastet mit den Katzen: In vorislamischer Zeit gab es in Ägypten Umzüge, in denen eine alte, nackte Frau mit vielen Katzen in einem Kasten durch die Strassen gezogen wurde. In islamischen Zeiten wurde diese Frau durch einen alten Mann ersetzt.

2.3. Alttestamentliche Sühnevorstellungen

Bei der Zerstörung des ersten Jerusalemer Tempels gingen Lade und Keruben verloren. Der Hohepriester soll im Zweiten Tempel am Versöhnungstag das Opferblut an den Vorhang gesprengt haben, der das Allerheiligste vom Heiligtum trennte. Eine andere Version spricht davon, dass das Blut an einen Stein, welcher die Lade ersetzte, gesprengt wurde. Die Feier der Versöhnung wurde Ende der Hasmonäerzeit kalendarisch auf den 10. des siebten Monats festgelegt (Levitikus 16,29). III. Mose 16 sind zwei unabhängige Traditionsstränge zu unterscheiden: Einmal ist von der Opferung eines Jungstieres die Rede, mit dem der Hohepriester Aharon entweder sich selber, "sein Haus" (V. 6,11) oder das Heiligtum mit seinen Einrichtungen (V. 16,33) sühnt. Mit Aarons "Haus" ist wohl die gesamte Priesterschaft gemeint, die infolge ihrer Tätigkeit im Tempel in unbeabsichtigter Weise das Heiligtum verunreinigte, was einen sühnenden Akt forderte. Der Strang der Sühneopfer-Böcke ist sekundär dazugekommen. Er sollte die Sühne auf das ganze Volk ausdehnen entsprechend der priesterlichen Forderung "das ganze Volk soll ein Königtum von Priestern sein". Eine urtümlichere Version, wonach das Blut des Opfertieres vor der Lade ausgegossen wird, ist in I. Sam. 6,14 bezeugt. Hier sind es aber keine Stiere oder Ziegenböcke, die geopfert werden sondern zwei einjährige Kühe. Ewald Roellenbleck hat darauf hingewiesen, dass keinem männlichen Gott weibliche Tiere geopfert wurden. Demnach ist das in I. Sam. 6 bezeugte Kuhopfer ein weiterer Beweis für den ursprünglich weiblichen Charakters der Lade. Weiter weist E. Roellenbleck darauf hin, dass auch das Blutmotiv im Alten Testament in den Bereich der Großen Mutter gehört: So heisst es in Dt. 12,23ff. etwa:

Nur halte dich daran fest, dass du das Blut nicht issest, denn das Blut ist die Seele, und du sollst die Seele nicht mit dem Fleisch essen. Du sollst es nicht essen, auf die Erde sollst du es ausschütten wie Wasser.

Nach E. Roellenbleck geht das Besprengen des Blutes an die Deckplatte zurück auf den älteren Brauch, wonach das Opferblut in die Erdspalte oder in den Erdschlund abgeflossen. Das Opferblut wurde demnach der chthonischen Muttergottheit übergeben. In diese Richtung weist auch Dt. 21,1-9, wonach der von einem Unbekannten Ermordete durch eine Kuh, dem Opfertier der Großen Mutter, gesühnt werden musste: Ihr wird am Bache eines unbesäten Ackers das Genick gebrochen, wobei ihr Blut auf den jungfräulichen Ackerboden (V. 4) versickerte.

3. ZUM HYMNUSFRAGMENTS

3.1. Die Frauen am Grab und die Lade

Das Hymnusfragment in Römer 3,25.26a, das Paulus in seiner Argumentation mit einbezog, orientiert sich, wie gezeigt, an der Liturgie des Jerusalemer Tempels und dürfte von hellenistischen Juden gedichtet worden sein. Denn nur bei ihnen kann man die nötige Distanz zum offiziellen Kult voraussetzen, um liturgische Vorstellungen auf das Kreuzesgeschehen Jesu hin abzuändern.

Doch weshalb ist im Hymnus nicht vom Kreuz sondern vom Sühnedeckel die Rede? Ich denke, dies hat etwas mit der Verdrängung der Frauen am Grab Jesu zu tun. Nach der patriarchalen Norm der Antiken und besonders des antiken Judentums waren die Frauen am Grab weder als Zeuginnen noch als Autoritätspersonen akzeptiert. Und die konkrete Ausgrenzung der Frauen im öffentlichen Leben bedingt auch eine rigorose Verdrängung der Frauen auf der psychischer Ebene der Männer. Traten nun die Frauen am Grab als Verkünderinnen des Auferstandenen auf, gerieten sie automatisch in den patriarchalen Schatten jener Gesellschaft. So begannen die Jünger sowohl auf eigenen inneren als auch auf sozialen Druck hin die Frauen auszuschalten und für sich selber die Autorität zur Verkündung zu beanspruchen. Das "leere Grab" wurde als Ausgangspunkt beibehalten. Es verband sich im kollektiven Unbewussten mit der nächst ähnlichen Vorstellung, nämlich mit der Bundeslade im Allerheiligsten des Jerusalemer Tempels. Damit sind die konkreten Zeuginnen ausgeschaltet, an ihrer Stelle tritt die Grosse Mutter im Symbol der Bundeslade. Die Bundeslade wurde ihrerseits spätestens mit dem Einschub "im Glauben" von Paulus, auch verdrängt. Die Grosse Mutter ist im Text nur noch durch den "Sühnedeckel" sichtbar.

3.2. Das Urelternmotiv

Das einmalige Sühneopfer Jesu Christi wird in unserem Hymnusfragment (Römer 3,25.26b) mit dem alttestamentlichen Treuebund zwischen Jahwe und seinem Volk Israel in Verbindung gebracht. Im alttestamentlichen Treuebund wird Jahwe symbolisch als Ehemann, das Volk Israel als Ehefrau vorgestellt. Dieses Motiv entspricht dem Archetyp der Ur-Elter, wie ihn Erich Neumann in "Ursprungsgeschichte des Bewusstseins" beschreibt. Auf der archaischsten Stufe ist der Archetyp der Ur-Eltern ungeschieden. Erst im Ich-Bewusstsein fällt dieser Archetyp in zwei Teile auseinander. Die urtümlichste Teilung ist die Unterscheidung in hell und dunkel. Hell und dunkel kann dann auch in je einer Geschlechtszugehörigkeit eine weitere Identität erfahren. In prähistorischer Zeit wurde zumindest in der westlichen Hemisphäre "hell" in ihrer Manifestation als "Sonne" und "Feuer" mit der Grossen Mutter, "Dunkelheit" als Bär und Menschenschädeln mit "männlich" assoziiert. Seit Beginn der historischen Zeit, seit ca. 3000 vor Chr. hat sich diese Zuordnung gewandelt: Männlich wurde in Gestalt von Sonnen- und Gewittergötter mit hell assoziiert, weiblich rückte immer mehr ins Dunkle, Abgründige, Unheimliche. Der lichte Gott ist das numinose Vorbild, mit dem sich das kollektive Ich identifiziert. Was das kollektive Ich auch übernimmt ist aber auch die Schattenproblematik seines numinosen Vorbildes. Da diese Schattenproblematik meist unbewusst ist, wird sie auf das weibliche Gegenüber projiziert.

Im Alten Testament ist die Grosse Mutter ihrer numinosen Grösse beraubt und in der Vorstellung des Volkes Israel auf die menschliche Ebene beschränkt. Im typischen Muster von Gott - Volk, oben - unten, Recht - Unrecht wird nun das Volk Israel zur Projektionsscheibe des negativen Aspektes Gottes. Sie wird zur Ursache des Scheiterns an einer gedeihlichen Beziehung und niemand soll merken, dass Gott mit seinem pompösen, allmächtigen Getue seine Ängsten, seine Muttergebundenheit und die Verdrängung seiner Sexualität kaschiert. Doch die Verdrängung kann er nur in seinem wilden Eifer durchsetzen. Durch Feuer und Brand gerät die Welt ausser den Fugen, Schuld daran hat das treulose Volk, obwohl der Verursacher Gott ist, Gott als Manifestation des nachzuahmenden Überichs - und es ist nicht von Ungefähr, dass heute die Welt durch die von der westlichen Zivilisation entfesselte Energie aus den Fugen gerät.

Nach Römer 3,25.26a ist das Verhältnis von Gott und seinem Volk durch das Opfer Jesu Christi "stabilisiert". Bei Paulus ist durch das Opfer Jesu Christi das Verhältnis der ganzen Menschheit auf einen neuen göttlichen Schöpfungsakt gestellt. Die unter dem "Sühnedeckel" verborgene Lade weist aber darauf hin, dass dieser neue Schöpfungsakt nur mit dem Todesaspekt der Grossen Mutter möglich ist.

4. III. MOSE 16

Römer 3,25 hat III. Mose 16 zum Vorbild. Betrachtet man III. Mose 16 genauer, so erkennt man, dass dieses Ritual erstens verschiedene Rituale zusammenfasst und zweitens dem Todesaspekt der Grossen Mutter gewidmet ist. Denn der Text beschreibt das Blutopferritual an die Bundeslade. Auch ist auffällig, dass die umständlichen Bezeichnungen der geopferten Tiere "Stier, Sohn vom Rind" (V. 3) und die "zwei Ziegenböcke von Ziegen" (V. 5) als die Jungen von Muttertieren vorgestellt sind. Erst sekundär wurden die Bezeichnungen der Opfertiere mit Jahwe, einem männlichen Gott, in Beziehung gebracht.

Im Text III Mose 16 fällt auch die Redewendung auf, wonach der Priester "anstelle seines Vaters" das Opfer darbringen soll. Im Vergleich zu den beiden Bezeichnungen der Opfertiere dürfte hier ursprünglich anstelle des Vaters die Mutter gestanden haben.

"Ein Stier, ein Sohn vom Rind (phar ben-baqar, V. 3)
"Zwei Ziegenböcke von Ziegen" (schenaj sairej eziim, V. 5)
"Anstelle seines Vaters" (thachath abiiw, V. 32)

Im Folgenden werde ich nun auf diese drei Wortkombinationen genauer eingehen:

4.1. "Gesegnet sei die Frucht deines Schosses"

Zunächst vergleichen wir die Bezeichnungen der beiden Opfertiere mit ähnlichen Wortkombinationen aus einem anderen liturgischen Text, nämlich aus den Segenssprüchen in V. Mose 27 und 28:

Gesegnet sei die Frucht deines Schosses (bäthän),
gesegnet sei die Frucht deines Ackers,
gesegnet sei die Frucht deines Viehs,
der Wurf deiner Rinder,
und die Zucht deiner Schafe.
(V. Mose 28,4)

Bäthän wird in meinem Wörterbuch mit "Leib, Bauch, Mutterleib, Inneres" übersetzt. In V. Mose 28 steht der Begriff in der Parallele zu "die Frucht deines Ackerbodens", und Ackerboden wird auf der ganzen Welt mit der Grossen Mutter in Zusammenhang gebracht. Weiter heisst es "gesegnet sei die Frucht deines Viehs, der Wurf deiner Rinder". Dass nur weibliche Tiere werfen können, ist ja trotz der allgemeinen Bezeichnung "Rind" auch klar. 

In diesen drei Parallelen "die Frucht deines.... " geht es also eindeutig um Geburten. Somit ist der Segensspruch an eine Frau gerichtet und nicht an einen Mann:

Gesegnet ist die Frucht deines Schosses
Gesegnet ist die Frucht der als weiblich gedachten Ackerboden (adamah)
Gesegnet ist die Frucht der weiblichen Tiere

Weiter heißt es:

Gesegnet sei dein Korb und dein Backtrog (V. 5)

"Korb" und "Backtrog" sind seit jeher Attribute einer Frau, um ihre Familie zu ernähren.

Die Segenssprüche finden sich wieder in der ursprünglichen Form im Neuen Testament: So begrüsst Elisabeth die schwangere Maria mit den Worten:

Gesegnet bist du unter den Frauen,
und gesegnet ist die Frucht deines Leibes. (Lukas 1,42)

Vor dieser Begrüssung wird berichtet, wie der Engel Gabriel der Maria erscheint. Sein Gruss entspricht dem der Elisabeth:

Sei gegrüsst, du Begnadete! Der Herr ist mit dir.
Sie aber erschrak über das Wort und sann darüber nach, was das für ein Gruss sei.
Da sprach der Engel zu ihr: Fürchte dich nicht, Maria!
Denn du hast Gnade bei Gott gefunden.
Und siehe, du wirst schwanger werden und einen Sohn gebären; und du sollst ihm den Namen Jesus geben. (Lukas 1,26-31)

Der Gruss des Engels erinnert an die zahlreichen Stellen im Alten Testament, in denen ein Engel einer Frau begegnet und ihr einen Sohn verheisst: Solche überirdische Begegnungen kennen wir bei Sarah (I. Mose 18), Hagar (I. Mose 16), Hannah (I. Samuel 1) und der "Frau des Manoah" (Richter 13). Diese Engelsgeschichten gehen auf das Motiv des Fremden zurück, welches in alten Stammesgeschichten weit verbreitet war: Ein Fremder zeugt mit einer Frau ein Kind, einen Sohn, welches später Stammeshäuptling wird. Solche Erzählungen stammen aus Zeiten, in denen die Vaterschaft eines irdischen Mannes unbekannt war. In jenen Zeiten wurde die Geburt eines Mädchen als Reproduktion der Mutter empfunden. Die Fähigkeit der Mutter, ein männliches Kind zu gebären, wurde Wunder erfahren. Dieses Wunder musste etwas mit einer göttlichen Instanz zu tun haben. Beliebt waren Erzählungen vom Mondgott, welcher die Frau im nächtlichen Baden im Fluss oder im See schwängerte. Dieselbe Faszination der numinosen Zeugung und die Geburt des Kindes ist noch in unserer Seele begründet wie Esther Harding in "Frauenmysterien - einst und jetzt" beschreibt.

Die Segenssprüche in V. Mose 27 und 28 hält Gerhard von Rad für "kultisch geprägtes Formular", das in der vorexilischen Bundeserneuerungsfeier verwendet wurde. Nach Lothar Perlitt lässt sich im Alten Testament eine solche Bundeserneuerungsfeier erstmals beim Propheten Hosea nachweisen, allerdings in seiner patriarchalen Umdeutung. Bei Hosea geht es um den Ehebund zwischen Jahwe und Israel. Israel ist dabei als Beduinenstamm gedacht, welcher von Jahwe wie von einem Fremden heimgesucht wird. In der jetzigen Fassung erinnert die Episode an die Herrschaft Mots (= Tod), des Wüstengottes, welcher während der Sommermonate alles Leben zerstört. Das Motiv entspricht der sogenannten "Todeshochzeit", in dem der weibliche Partner durch die gewaltige Übermacht des männlichen Partners stirbt. Doch im Hoseabuch wird diese Wertung verdreht, Jahwe als gewaltiger Wüstling wird zum guten, lebensspendenden Gott, welcher mit seinem wüsten Treiben "bloss" die Treulosigkeit seiner Ehefrau bestraft.

Die Segenssprüche in Deuteronomium 28 erscheinen, wie gesagt, bei Lukas in ihrem urtümlichen Form. Da stellt sich die Frage, woher Lukas diese urtümliche Formel hat? Nun, allgemein fällt auf, dass in den Evangelien Motive auftauchen, die in der antik jüdischen Tradition nicht vorkommen und somit aus anderen religiösen Kreisen stammen müssen. Und da diese Motive häufig frauenfreundlich sind, denken Forscherinnen und Forscher an eine geheime weibliche Tradition, die in die Evangelien eingeflossen sind. Zu dieser Tradition äussert sich zum Beispiel Morton Smith:

Welche Arten von Geheimnissen gab es in der griechisch-römischen Welt? Als ich anfing, mich umzusehen, fand ich sie überall. Kinder hatten immer welche und liebten sie - lieben sie immer noch...... Am einen Ende der sozialen Skala im Altertum stand das kaiserliche Regierungssystem mit seinen Geheimnissen, den arcana imperii, die nur dem Kaiser und seinen vertrauten Ministern bekannt waren. Am anderen standen die geheimen Vereinigungen der Sklaven, deren Mitglieder sich einander mittels unauffälliger Zeichen und Losungswörter bemerkbar machten. Nach den Sklaven kamen die Frauen, und ihre Welt war damals wie heute weithin ein geheimer Bereich, zu dem nur wenige Männer Zugang hatten. Aber auch in der Welt der freien Männer war Geheimes allüberall - in der Politik, in geschäftlichen Organisationen, im Handwerk und Gewerbe. Die Geheimnisse des ärztlichen Berufes werden heute noch vom alten „hippokratischen Eid“ gehütet. (Morton Smith, Auf der Suche nach dem historischen Jesus, S. 95f.)

Die Überlieferung weiblicher Geheimlehren, die in den Evangelien auftauchten, weisen auch auf die Bedeutung der Frauen zu Beginn der christlichen Bewegung.

Marion Giebel hat ihrerseits darauf hingewiesen, dass Frauen in antiken Mysterienkulten häufig eine sehr einflussreiche Rolle gespielt haben, eine Rolle, die ihnen im öffentlichen Leben versagt blieben. So schreibt Marion Giebel:

Wir können, was die Rolle der Frauen wie der Sklaven angeht, in den Mysterienkulten allgemein eine Aufhebung gesellschaftlicher Schranken konstatieren. In der Inschrift der Agrippinilla lernten wir eine Frau als Oberhaupt eines privaten Bakchos-Mysterienvereins kennen, zusammen mit den Sklaven aus ihrer Familie als Eingeweihte. Die Dame aus der Mysterienvilla, die Mutter des Redners Aischines als Weihepriesterin des Sabazios - überall treffen wir Frauen als aktive, ja leitende Mitglieder von Mysterienvereinigungen an. Ausgeschlossen von der politischen Tätigkeit und den meisten Funktionen des Staatskultes konnten die Frauen sich hier entfalten, sie konnten die ihnen eigene Religiosität einbringen, und so ist es nur folgerichtig, dass sie auch im frühen Christentum - das ihnen ja als eine Privatreligion wie die Mysterien entgegentrat - sogleich eine aktive Rolle spielten. (Marion Giebel, Das Geheimnis der Mysterien, S. 103f.)

Anhand der Apostelgeschichte und den paulinischer Schriften hat Luise Schottroff solche Frauengemeinschaften und Frauenbewegungen nachgewiesen und gezeigt, wie Frauen als religiöse Lehrerinnen auftraten. Auch weist die Autorin ausdrücklich darauf hin, dass Frauen einen grossen Einfluss auf den Inhalt der Evangelien hatten.

Meines Erachtens gehört auch die Verheissung des Engels und der Gruss Elisabeths an Maria zum Repertoire eines geheimen weiblichen Mysterienbundes. Diese weiblichen Mysterienbünde waren massgebend an der Verkündigung des Auferstandenen (vgl. Apg. 1,14; 12,12ff.) beteiligt. Nach dem Tode Jesu verwendeten Frauen das Motiv von der Begegnung des Engels mit Maria der Mutter Jesu zur Gestaltung seiner Vorgeschichte. Lukas war der einzige, der sie in sein Evangelium aufgenommen hatte.

Mehr als 500 Jahre früher benutzte der Deuteronomist die Segenssprüche Kapitel 27 und 28 dazu, seine eigene, patriarchale Theologie einzubringen. Er setzt den Text unter das moralische Raster Jahwes: 

Jahwe wird dich zu einem heiligen Volke für sich machen, wie er dir geschworen hat, wenn du die Gebote Jahwes, deines Gottes, hältst und in seinen Wegen wandelst. Dann werden alle Völker der Erde sehen, dass du nach dem Namen Jahwes genannt bist, und werden sich vor dir fürchten.
(Dt. 28,9f.)

Die Forderung Gottes an das Volk Israel, auf dem Wege Jahwes zu wandeln, hat zum Ziel, Grösse und Macht zu erlangen. Doch es geht nicht um die Grösse und Macht des Volkes Israel sondern um die Grösse und Macht Jahwes. Damit gesteht er gleichzeitig ein, dass sich sein Machtbegehren nicht ohne Israel verwirklichen lässt.

Die an sich wahrhaft heilspendenden Segenssprüche sind wie die Zehn Gebote eingebettet im destruktiven Aspekt Jahwes, eingebettet in Krieg und Zerstörung. Das ganze zerstörerische Gewicht Jahwes lastet auf dem Volkes und dieses Wissen ist im tückischen Hintergedanken festgehalten, dass das Volk Israel die Gesetze gar nicht halten kann - gar nicht halten soll, weil sonst die archaische, nicht zu begründende göttliche Wut nicht mehr legitimiert werden kann. Die Irreführung durch Jahwe ist ein typisches Motiv und taucht in den alttestamentlichen Geschichtsbüchern immer wieder auf.

Ein schönes Beispiel für die numinose Willkür Gottes ist die Erzählung von Volkszählung durch David. Jahwe hat David zu dieser Volkszählung verführt:

Und der Zorn Jahwes entbrannte abermals gegen die Israeliten und er reizte David wider sie, indem er sprach: Geh hin, zähle Israel und Juda (2. Sam. 24,1)

David lässt auf Geheiss Jahwes das Volk zählen, was seinen Gott prompt veranlasst, gegen das Volk, nicht gegen David, mit Pest und Hungersnot loszuziehen. In den Plagenerzählungen (2. Mose 7-11) ist es ebenfalls Jahwe, welcher das Herz des Herrschers verstockt, um ihn und sein Volk vernichten zu können.

Darnach sprach Jahwe zu Mose: Gehe zum Pharao; denn ich habe sein und seiner Leute Herz verstockt (2. Mose 10,1)

Auch im Neuen Testament gedenkt Jesu dieses göttlichen Zuges: "Und führe uns nicht in Versuchung" (peirasmos; Mt. 6,13; Lk. 11,4).

Da Jahwe auch in den Segenssprüchen (V. Mose 27.28) genau weiss, dass das Volk seine Gebote nicht hält, genauer seiner Willkür nicht entfliehen kann, verflucht er es genüsslich:

Verflucht bist du in der Stadt und verflucht auf dem Felde ....
(Dt. 28,16)

Betrachten wir noch kurz V. Mose 27: Hier erzählt Mose, wie Jahwe Israel das Land, wo Milch und Honig verheisst und sie dorthin bringt. Doch statt wie einst Abraham, weitgehend friedlich sich mit den Einheimischen zu arrangieren, wurde das Land nun grausam erobert und schamlos geplündert. Auf ausdrücklichem Geheiss Jahwes wurde an der Bevölkerung den Bann vollzogen, d.h. alle Menschen umgebracht - Heute nennt man das Völkermord! Die Verfluchung in den Segenssprüchen sollen zwar den Menschen zu gemeinschaftsförderndem Verhalten erziehen. Doch im jetzigen Kontext hat man das Gefühl, die Verbote suchen zwanghaft der Zerstörungswut Jahwes einen positiven Sinn abzugewinnen. 

Doch nun kehren wir wieder zu den Stier- und Ziegenbock-Opfer in III. Mose 16 zurück:

4.2. Das Stieropfer

Im Alten Testament ist das Stieropfer eng mit der Lade verknüpft. Es kommt in 2. Samuel 6,13 und 1. Könige 8,5 vor. Beide Stellen gehen auf 1. Samuel 6 zurück. Dort sind aber keine Stiere als Opfer erwähnt sondern zwei einjährige Kühe.

Zum Kuhopfer ist kurz zu sagen, dass im magisch-mythischen Bewusstsein die Grosse Mutter die Welt nach ihrem Abbild gebiert. Die Welt als von der Grossen Mutter geboren wird entsprechend dem göttlichen Abbild als Kuh dargestellt. Als Idee vom Göttlichen ist sie vollkommen und rein. Die Welt verunreinigt sich aber durch menschliche Verfehlen und muss zerstört werden. Diese Zerstörung wird am göttlichen Abbild, der Kuh, vollzogen. Ihre Zerstörung bedeutet die Rücknahme der Schöpfung durch die Grosse Mutter, die die Welt in den Geburten der Kälber bereits wieder neu erschaffen hatte.

Im Alten Testament erfolgt eine Umdeutung vom Kuhopfer zum Stieropfer, die sich in den drei Texten Erster Samuel 6, Zweiter Samuel 6 und Erster Könige 8 nachvollziehen lässt: In Erster Samuel 6 ist, wie gesagt, eindeutig von Kühen die Rede, in Zweiter Samuel 6,6 ist im Zusammenhang mit dem Aufzug der Lade nach Jerusalem nur einmal kurz von "Rindern" die Rede, die die Lade umwerfen wollten. In Zweiter Samuel 6,13 erscheint ein Rind und ein gemästetes Kalb als Tieropfer. Gerade die neutrale Bezeichnung "Rind" in den zwei letzten Stellen, welches zusammen mit dem Kalb erwähnt ist, lassen noch an die zwei einjährigen Kühe erinnern, die je ein Kalb zur Welt gebracht haben. In 2. Samuel 6,17 bringt David Brand- und Heilsopfer dar. Im jetzigen Text steht, David habe vor Jahwe die Opfer dargebracht. Da aber in diesem Zusammenhang auch die Lade erwähnt wird, das Opfer der beiden Kühe von 1. Samuel 6 vor der Lade mit. Doch in 2. Samuel reichen zwei Opfer nicht mehr aus, sie müssen durch eine Vielzahl von weiteren Opfern ersetzt werden. Spiegelt sich doch eine Unsicherheit? Will man nicht, weil das Kuhopfer verdrängt ist, viele Tiere opfern, um das aus der Verdrängung entstandene Schuldgefühl loszuwerden? Dieser Gedanke bestätigt sich in 1. Könige 8, denn hier ist nicht mehr von Rindern und Kühen die Rede, stattdessen von Unmengen Schafe und Rinder, die geopfert:

und opferten Schafe und Rinder, so viel, 
dass man sie nicht zählen noch berechnen konnte (V. 5).

Um bei der Verdrängung der Grossen Mutter ihrer Strafe zu entgehen, opfert man ihr soviel man kann. Diese Verschiebung ist typisch für das Patriarchat.

Wann fand diese Verschiebung statt? Fest steht, dass die Geschichtsbücher Josua bis 2. Könige nach der Zerstörung des Jerusalemer Tempels nach 584 v. Chr., in der Exilszeit, entstanden sind. Sie besassen Dokumente, die bis ins Zehnte Jahrundert v. Chr. reichten. Dieses Textmaterial wandelten sie ihrem eigenen Gusto um, so dass man heute davon ausgeht, dass die hier geschilderten Ereignisse weitgehend als Produkt der exilischen Redaktoren zu betrachten. Die Verdrängung der Kühe und die gleichzeitige Zunahme der Tieropfer widerspiegeln also in erster Linie den Konflikt des exilischen Redaktors im 5. und 4. Jh. v. Chr.

In diesem Zusammenhang möchte ich noch auf den Menschenopfer der Grossen Mutter kurz eingehen. Nach James Frazer "der Goldene Zweig" soll in vorgeschichtlicher Zeit überall auf der Welt ein König oder Häuptling nach Ablauf einer gewissen Zeit der Grossen Mutter geopfert worden sein. Darob können sich heutige Autoren empören (zum Beispiel Bernhard A. Lietaer in seinem Buch "Mysterium Geld", das ich gerade lese). Doch denke ich in diesem Ritus ist noch das Wissen um den aggressiven Aspekt des Archetyps vorhanden, dem man auf alle Fälle Rechnung tragen muss. Das vernunftbegabte Patriarchat hat dieses Wissen verloren, dafür werden die grausamsten Kriege geführt an Millionen von Menschen - und das ist ja eine Art Opferung, der unbewusste Opfersinn des Patriarchats!

4.3. Das Ziegenopfer

In III. Mose 16, von dem wir ausgegangen sind, wird das Opfertier "ein Jungstier, das Junge eines Rindes" ergänzt von "zwei Ziegenböcke von Ziegen" "Scha'ire aizim" (V. 5). Scha'ir bedeutet "Ziegenbock" und Ez bedeutet Ziege. Das Wort ist in diesem Text jedoch nicht richtig vokalisiert, aizim Pluralform von az. Az bedeutet "Macht, Stärke" oder oz: Stärke, Kraft, Macht; Schutz, Zuflucht ist.

In der priesterlichen Opferliteratur im ganzen III. Mosebuch kommen sowohl Ziegenböcken wie auch Ziegen als Opfergaben vor: Wenn der "Fürst" unabsichtlich sündigt, soll er ein Ziegenbock opfern (III. Mose 4,23). Wenn "einer aus dem gemeinen Volk" unabsichtlich gesündigt hat, soll eine Ziege (III. Mose 4,28; Numeri 15,27) Sühnopfer sein. Auch wenn jemand sich im Schwur vergangen hat, soll er ein weibliches Schaf oder ein weibliches Lamm darbringen (III. Mose 5,6). Das weibliche Schaf respektive das Lamm kann auch durch eine Turteltaube oder eine gewöhnliche Taube ersetzt werden (III. Mose 5,7). Die Taube lässt aufhorchen, denn diese war im ganzen Alten Orient das Begleittier der Grossen Mutter. Dies wäre ein weiteres Indiz, dass in III. Mose 16 ursprünglich der Grossen Mutter geopfert wurde.

In III. Mose 3,13 und III. Mose 17,4 wird dem Jahwe vor das Heilige Zelt eine Ziege dargebracht. Das Heilige Zelt ist wie die Lade, das Allerheiligste respektive der Tempel überhaupt ein Symbol der Großen Mutter. Der symbolische Charakter des Zeltes wird noch betont durch die Ergänzung "am Eingang des Zeltes": "Der Eingang des Zeltes" ist wie ein Spalt, wie die vaginale Öffnung der Göttin -. ein Motiv aus dem Alten Orient, das heute ganze Bände füllt.

Die Betonung des "Eingang des Zeltes" mutet sich wie ein Nachhall einer Fruchtbarkeitsgöttin an. Solche Fruchtbarkeitsgöttinnen waren nackt als Terrakotta-Abbildungen im ganzen Orient weit verbreitet. Das Heilige Zelt will bewusst an die Beduinentradition Altisraels anknüpfen und diese in den Jahwe-Glauben integrieren. Urtümlich schützte das Zelt den Menschen vor dem Unbill der Wüste. Die Menschen erlebten die Wüste mit ihren Gefahren diffus in Dämonen und Göttern. In ihnen kam auch die gleissenden Sommerglut zum Ausdruck. Dieser gegenüber erscheint das mütterliche Ziegenfell-Zelt am Tage wie eine zerbrechliche Kosmosmacht. Doch abends breitet sich das dunkle Zelt über den ganzen Himmel aus, um die Welt in sich zu bergen und durch ihre Kühle zu regenerieren.

Die Schlachtung einer Ziege, wie sie im III. Mose 3,13 und 17,4 erwähnt ist, soll die kultische Verunreinigung des Zeltes und deren Bewohner, die sich während einer Zeit angehäuft hat, auslöschen. Der Autor des III. Mosebuches übernimmt diese Vorstellung und ordnet sie ausdrücklich seinem Gott Jahwe zu.

Im Alten Testament gibt es auch Anzeichen einer Auseinandersetzung zwischen Beduinenstämmen und kriegerischen Horden altorientalischer Grossreiche, die in die unwirtlichen Gegenden vordrangen und die Beduinen vernichteten. Bei solchen Feldzügen wurden auch Frauen und Mädchen vergewaltigt. Solche Militärs aus altorientalischen Staaten verehrten ausdrücklich eine Sonnengottheit (Ägypter, Hethiter) oder einen kosmosschaffenden Gott mit solaren Zügen (Mesopotamien). Aus der Perspektive der Beduinen wurden diese Militärs mit der dämonischen Macht der glühenden Hitze der sommerlichen Wüstensonne und Chaos identifiziert. Die Beduinen gaben der durch diese Macht erfahrene Aggressivität und sexuelle Gier etwa in Gestalt eines Ziegenbockes Ausdruck. Aus alttestamentlichen Texten schimmern noch Ereignisse durch, nach denen Frauen und Mädchen dem Feind ausgeliefert wurden, um den Stamm zu retten. So zum Beispiel Jephthas Tochter (Richter 12), aber auch die Bereitschaft Lots, seine Töchter (Gen. 19,8) an die Bewohnern von Gomorrha auszuliefern, ganz zu schweigen von der Tat des Leviten in Richter 19. Bei den alttestamentlichen Propheten hatte sich eine Umwertung der Werte vollzogen. Die dämonische Macht, die sengend und brennend Land und Volk verwüstet, wurde integriert in eine heilvolle Gottesgestalt. Das Motiv der ursprünglichen Todeshochzeit in sein Gegenteil verkehrt: Hier steht nicht mehr das Schicksal des Mädchens in den Vordergrund, sondern ihr Schicksal wurde als Metapher auf das Volk Israel projiziert und uminterpretiert und unter das ethischen Raster des altorientalischen Staatsgottes Jahwes gestellt. Nach diesem ethischen Raster wird dem Volk Israel der Untreue gegenüber Gott bezichtigt und durch ihn bestraft. In der Exilszeit erfährt dieses Motiv eine neue Wende. So greift der Jahwist die urtümliche Version von der Bedrohung der Frauen auf und stellt sie unter den besonderen Schutz Jahwes (I. Mose 12,16ff.; I. Mose 18).

4.3.1. Das Ziegenblut an den Türpfosten

Eine interessante Erzählung ist II. Mose 12,5-8 vor: Da soll ein fehlloses, männliches, einjähriges Lamm geschlachtet werden aus den Schafen oder Ziegen sollt ihr es nehmen.

Und ihr sollt es aufbehalten bis zum vierzehnten Tage dieses Monats; dann soll die ganze Gemeinde Israels es schlachten um die Abendzeit. Und sie sollen von dem Blute nehmen und die beiden Türpfosten und die Oberschwelle an den Häusern, in denen sie es essen, damit bestreichen, das Fleisch aber sollen sie in derselben Nacht noch essen; am Feuer gebraten sollen sie es essen, und ungesäuertes Brot mit bittern Kräutern dazu

Da "Haus" wie "Zelt der Grossen Mutter zugeordnet ist, ist "Türpfosten" ist wie "der Eingang ins Zelt" symbolisch als Öffnung der Grossen Mutter zu verstehen. In unserem Text wird das Ziegenböckchen geopfert, um mit seinem Blut die "Türpfosten" zu bestreichen, was bedeutet das?

Im jetzigen Text wird das Opfer neben einer Terebinthe (V. 19), dem typischen Baum der Vegetationsgöttin, dargebracht.

Im ersten Jahrtausend vor Chr. war es üblich, die Vegetationsgöttin nur noch abstrahiert darzustellen. Die hölzernen Türpfosten (Ex. 12,5), kommen der abstrahierender Tendenz jener Zeit entgegen und versinnbildlichen die Grosse Mutter und zwar in ihrem verschlingenden und gebärenden Aspekt. Sie verschlingt mit dem Mund das Opfer und gebiert aus ihrem Schoss das Neugeborene. Eine allgemein bekannte Darstellung kennen wir aus der altägyptischen Ikonographie: Die Himmelsgöttin, in dessen Mund der Sonnengott Re-Atum fährt und am Morgen aus ihrem Scham wieder hervorzukommen.

Der Ritus in II. Mose 12 beschreibt die männlichen Urangst, im Geschlechtsakt vom mütterlichen Urschoss verschlungen zu werden. Um dieser Bedrohung zu entgehen, wird ein Lamm stellvertretend geopfert. Zu dieser Interpretation passt, dass im Alten Testament das Lamm vom Bräutigam als Hochzeitsgeschenk mitgebracht wird, z.B. kommt Simson mit einem Lamm zu seiner Frau, um in ihre Kammer zu gehen (Richter 15,1). In I. Samuel 19,13-26 lässt Michal David durch das Fenster vor Saul entfliehen, während eine Ziegenhaardecke auf dem Bett der Michal lag. Dabei ist wohl das Fell des Ziegenböckleins gemeint, das David der Michal als Hochzeitgeschenk mitgebracht hatte. Auch in der Gideonserzählung ist das Motiv des Ziegenbock-Opfers noch fassbar, denn Gideon bringt dem Engel Jahwe ein Ziegenböcklein dar. Darauf brach Feuer aus dem Felsspalt und verschlang das Böckchen. Da das Feuer aus dem Innern des Felsen kam, kann dies als Theophanie der Grossen Mutter gedeutet werden.

Das Feuer, in dem das Opfer gebraten werden soll, ist häufig Sinnbild für sexuelles Begehren. Wenn ein Böcklein an den Türpfosten geschlachtet und dann im Feuer gebraten wird, kann das Feuer als sexuelles Begehren der Grossen Mutter verstanden werden, welches das dabei den ihr unterlegene Mann zerstört. In dem uns überlieferten Text wird das Böcklein angesichts Jahwes geschlachtet, welcher als nächtlicher Dämon in der Stadt herumschweift. Offenbar begehrt er die Grosse Mutter, die ihn aber mit dem Blut des Lammopfers von seinem Vorhaben abschreckt. Die Mutter zeigt magisch-rituell, dass sie nicht bereit ist, weil die "Türpfosten bluten". Da das Blut aber von einem Ziegenböcken kommt, ist der Ritus als apotropäisches Mittel zu verstehen, der dem Dämon sagen will: Rühr mich nicht an, sonst ergeht es dir wie dem Ziegenböckchen!

Wenn das Passaopfer in der Plageerzählung als männliches Opfer vorgestellt ist, kann auch das Moment der Eifersucht des Dämons ins Spiel gebracht werden, wie etwa in Exodus 4,24, wo Jahwe den Mose im Zelte Zipporas töten will. Zippora nahm ein scharfes Messer und schnitt ihrem Sohn die Vorhaut ab und hielt sie Mose vor die Lenden (V. 25). Hier dürfte der freudsche Ur-Vater-Komplex eine Rolle spielen: Die Frau gehört dem Vater, und der Sohn, welcher sich an die Frau vergreift, wird vom Vater getötet.

4.3.2. Das weibliche Lamm in der Scheltrede Nathans
(II. Samuel 12)

König David begehrte einst die schöne aber verheiratete Bethseba und zeugte mit ihr ein Kind. Um die Tat zu vertuschen, rief er ihr Ehemann Urija von der Front in der Hoffnung, dass dieser ebenfalls mit Bathseba verkehre. Doch Urija war an das Kriegsverbot gebunden und schlief vor der Haustüre. Auf seine Weigerung hin schickte ihn König David erbost an die vorderste Front gegen die Ammonitern (2. Samuel 11). Urija starb wie gewünscht und David ehelichte dessen Frau Bethseba. Doch nun trat der Prophet Nathan David entgegen und erzählt ihm eine Parabel von einem Lämmchen, das von einem armen Mann käuflich erworben und wie das eigene Kind gross gezogen wurde. Als in der Nachbarschaft Besuch eintraf, holten sie das Lamm und schlachteten es zur Feier. Diese Erzählung sollten die Taten Davids rügen, besonders seinen Befehl, der Urija in den Tod schickte. Doch der Bezug der Parabel zum Ereignis kann nicht mehr nachvollzogen werden, zumal das Lamm ausdrücklich ein weibliches Lamm (kabaschah) ist. Nur ein kleiner Hinweis im Krieg gegen die Ammonitern lässt eine Lösung offen. Nach 2. Samuel 11 zog nämlich die Lade Gottes mit in die Schlacht. Urja kämpfte also unter dem Schutze der Lade (aaron). Der Begriff Aaron dürfte auf die hethitischen Sonnengöttin von Aruna zurückgehen. Diese scheint im israelitischen Stämmebund eine grosse Rolle gespielt zu haben und auch von beduinischen Stämmen mit ihrer ursprünglichen beduinischen Muttergottheit gleichgesetzt worden zu sein, die sich als Mutterschaf manifestierte (Auch Ascherah erscheint in Schafgestalt). Eine bedeutende alttestamentliche Erzählung kennen wir ja von Rahel (= Mutterschaf), von dem Robert von Ranke den Namen Israel ableitet (Isch-Rahel = Mann des Mutterschafes).

Dass in 2. Samuel 11, dessen Ereignis im 10. Jahrhundert vor Christus spielten, die Lade eigentlich die hethitische Sonnengöttin von Aruna meinte, geht auch aus der Tatsache hervor, dass Urija ausdrücklich als Hethiter erwähnt wird und als solcher im altisraelitischen Verband gegen die Ammonitern mitzog.

In dem redaktionell stark abgeänderten Text 2. Samuel 11 beschreibt eine kriegerische Tragödie der altisraelitischen Anhänger der Sonnengöttin von Aruna gegen die Ammonitern, während sich David im sicheren Jerusalem vergnügte. Die Parabel des Propheten Nathans in 2. Samuel 12 beschreibt aber eher einen späteren Konflikt, der in dieser Schärfe selten so klar zu Tage kommt: Die Parabel beschreibt nämlich Jahwe in seinem ambivalenten Charakter. Jahwe selber hat nach prophetischen Aussagen ein Mädchen gefunden oder käuflich erworben (z.B. Ezechiel 16). In Gestalt eines Grosskönigs hat er sie geehelicht und sie zu Tode bedroht. Anders als die vorexilischen Propheten erscheint das Mädchen hier als Lämmchen in rührender Harmlosigkeit. Und diese Harmlosigkeit setzt ein Motiv voraus, wie es der Jahweist in der späteren Exilszeit beschreibt.

4.3.3. Az: Macht, Stärke (II. Samuel 6)

Das Substantiv az im jetzigen Text III. Mose 16,5 kann auch "Macht, Stärke" heissen (oz "Stärke, Kraft, Macht; Schutz, Zuflucht"). In der Erzählung vom "Einzug der Lade in Jerusalem" (2. Samuel 6) ist ebenfalls von az/oz die Rede und zwar in der femininen Form uzza (die Mächtige). In diesem Text steht Uzza im engen Verhältnis zur Lade.

Die Lade stand nach 2. Samuel 6,2 auf der Anhöhe der Stadt Kirjat Jearim. Diese Stadt soll auch Baala geheissen haben. Baala heisst "Herrin", "Göttin". Mir scheint es daher nahe liegender, Aaron (= Lade) mit baala(t) (= Herrin) gleichzusetzen. Der Deuteronomist, welcher jeden Hinweis auf weibliche Gottheiten zu eliminieren suchte, machte aus Baala Baalim und daraus einen Ortsnamen, welchen er mit Kirjath-Jearim verband. Dies entspricht alttestamentlicher Tendenz, aus ehemals heiligen Namen und Gegenstände eine Ortschaft zu machen. Auffallend ist hier auch der umständliche Name, der Jahwe mit der Lade verbindet (6,2), "der Name Jahwes der Heerscharen, der über den Keruben thront". Dieser umständliche Namen setzt die Keruben im Allerheiligsten im Jerusalemer Tempel voraus (I. Könige 6,23ff.). Er wurde also in 2. Samuel 6,2 sekundär eingefügt.

In 2. Samuel 2 kommt mit der Lade ein Priester namens Uzza vor. Dies dürfte ein weiterer Versuch sein, die Göttin zu verdrängen, denn Uzza heisst "die Mächtige" und passt zu baala(t) (= Herrin, Göttin). Und so kennen wir auch aus der arabischen Literatur die berühmte Al-Uzza, die bereits in assyrischen Schriften erwähnt wurde und demzufolge auch dem deuteronomistischen Autor bekannt war.

Dass Uzza auf den Namen einer Göttin weist, geht auch aus der Notiz in 2. Könige 21,18, dem "Garten Uzzas" hervor. Nach der uns überlieferten Version wurden die Könige Manasse und Amon im Garten, dessen Besitzer Uzza geheissen haben soll, beerdigt. Doch weshalb sollen zwei Könige auf dem Grundstück eines Privaten beerdigt worden sein? Meines Erachtens geht es hier eher um das staatliche Areal der Königsgräber, welches unter dem Schutz der "Lade"-Göttin steht. Dass ist naheliegend, wenn man bedenkt, dass die "Lade"-Göttin im altisraelitischen Stammesverband als mächtige Kriegs- und Todesgöttin (I. Samuel 4-6) gewesen war und während der Königszeit mit dem Sarg (Lade) und anderen Traditionen identifiziert wurde.

Eine solche Tradition kennen wir vom "Sarg Josephs", der von Ägypten nach Sichem transportiert wurde (Jos. 24, 32). Da Joseph aber nach ägyptischem Brauch einbalsamiert wurde und in den Sarg (aaron) gelegt wurde, ist er identisch mit den Totengott Osiris. In diesem Falle verkörpert die ägyptische Todesgöttin Nut den Sarg, der im Alten Testament mit aaron (Lade) gleichgesetzt ist. Nach Psalm 132,8 fand sie in Jerusalem ausdrücklich ihre ewige Ruhe fand. Und von daher ist es auch naheliegend, dass die Könige als Repräsentanten des einstigen altisraelitischen Stammesverbandes in ihrer Obhut die ewige Ruhe fanden.

5. EXKURS:
DIE MATRIZENTRISTISCHE STRUKTUR IM AT

Bevor ich auf "an deines Vaters statt" (III. Mose 16,32) eingehe, möchte ich auf die Frage der matrizentristischen Struktur, die im Alten Testament noch durchschimmert, nachgehen:

Leo Frobenius hat in "das unbekannte Afrika" zwei unterschiedliche Kulturformen beschrieben, die er auf dem afrikanischen Kontinent vorgefunden hatte, eine Bauern- und eine Hirtenkultur. Die afrikanische Bauernkultur sei tellurisch und streng patriarchalisch. Der Sohn folge seinem Vater in der Hierarchie, während die Frau im Gebären von Kindern zum "Vollmenschen" werde. Gegenüber dieser tellurisch patriarchalen Struktur sei die afrikanische Hirtenkultur "chthonisch-matriarchal". Das Familienzentrum bilde die Frau, denn:

die Frau verarbeitet die Häute zu Leder; sie hütet und melkt das Vieh, sie errichtet im Nomadenleben Zelt und Hütte; sie näht, flickt, spinnt, webt; dabei verrichtet sie noch die ganze Küchenarbeit vom Wasserholen bis zur Speisevorlage. Der Mann aber ist nur Krieger und Jäger. Im übrigen spielt er, besonders wenn er irgendwo versagt, eine recht kümmerliche Rolle und wird von den Bedjafrauen am Roten Meer ebenso wenig geachtet und dem eigenen Bruder in allen Ausdrücken der Zutunlichkeit und Fürsorge des Herzens untergeordnet wie bei den primitiven Berbern der westlichen Hamiten (S. 43).

Ähnliche Strukturen wie sie Leo Frobenius für Afrika zu Beginn dieses Jahrhunderts beschreibt, habe ich in alttestamentlichen Texten vorgefunden: Die altorientalischen Stadtstaaten mit ihrem bäuerlichen Hinterland sind nach altorientalischen Texten klar patriarchalisch strukturiert. Anders verhält es sich mit den altorientalischen Beduinen. Im Alten Testament wird den altorientalischen Beduinenstämmen eine patriarchale Genealogie verpasst (z.B. I. Mose 5), die nach der heutigen Fachliteratur zu beurteilen, erst im 6. und 5. Jahrhundert vor Chr. durch die Redaktoren des Priesterkodex eingefügt worden. Einzelne Väter wie Abraham, Isaak und Jakob sind schon vorher entstanden, aber mit Sicherheit nicht vor dem Exil, also nicht vor 584 v. Chr. Andererseits ist auffallend, wie matrizentristische Strukturen ähnlich der afrikanischen zum Vorschein kommen, wie näher ein alttestamentlicher Text an beduinische Traditionen herankommt. An solchen Stellen treten plötzlich Frauen selbständig an die Öffentlichkeit, wie es in einer patriarchalen Struktur unmöglich ist und schon gar nicht in einer patriarchalen Struktur, wie es den alttestamentlichen Redaktoren vorschwebt.

Einige bereits bekannte Beispiele dafür seien hier wiederholt: Gideon versteht sich als "Sohn seiner Mutter" (Richter 8). Und der Sohn Gideons, Abimelech, wurde König von Sichem, nicht weil er Gideons Sohn war sondern der Sohn seiner Mutter (Richter 9). In den Abrahamsgeschichten wurden notdürftig Mutterclane mit dem Patriarchen Abraham in Verbindung gesetzt: So war etwa Isaak gar nicht der Sohn Abrahams sondern der Sohn Jahwes respektive der Sohn eines der drei Fremden, die Abraham und Sarah besucht hatten (I. Mose 18). Dies zeigen schon die Begriffen pqd (I. Mose 21,1) und isq: Pqd bedeutet "Fürsorge" aber auch "Heimsuchung" (Gottes) und Isq Lachen und vor allem Geschlechtsverkehr haben. Pqd ist im Satz von I. Mose 21,1 als fürsorgliches Geschehen Gottes zu verstehen, doch im Hinblick auf die Bedrohung, die in I. Mose 18 durchschimmert, ist pqd auch als göttliche Heimsuchung zu verstehen. Sarah nennt ihren Sohn dann Isaak(-El) (I. Mose 21,6), was in der Zürcher Bibel mit "Lachen" übersetzt wird, doch eigentlich "der aus dem Geschlechtsverkehr Hervorgegangener" heisst.

Ein anderes Beispiel, in dem eine Frau einem Gott begegnet ist die Erzählung von Hagar an der Quelle El Roi (I. Mose 16):

So nennt Hagar Gott: Du bist der El-Roi (Gott des Schauens). Denn, sprach sie, wahrlich, hier habe ich den nachgeschaut, der mich erschaute (V. 14). 

Eng mit dem "Gott hat mir nachgeschaut" ist die Geburt Ismaels verbunden (V. 15). Es ist auch hier Gott, d.h. ein unbekannter Mann, der ein Kind zeugt.

Die dritte Frau Abrahams, Keturah, wird in der Genealogie ausdrücklich als Stammmutter genannt. Wenn hier Abraham als der Vater ihrer Kinder bekannt gewesen wäre, hätte man ihn doch als Stammvater angefügt.

Epha, Epher, Hanoch, Abida und Elda; alle diese sind Söhne der Ketura (I. Mose 25,4)

Auch die Frauen Esaus, dem Bruder Jakobs, sind nach Robert von Ranke und Raphael Patai unabhängige Stammesmütter:

Die Chronisten des Buches Genesis benannten Edoms drei Stammmütter nach dem Hörensagen. Eine von ihnen ist sicherlich Basemat gewesen, aber an die beiden anderen erinnerte man sich entweder als Jehudit und Machelat oder als Adah und Oholibama. Basemat kann "wohlriechend" bedeuten. Oholibama bedeutet soviel wie "mein Zelt ist erhöht" und Adah "Versammlung". Bei "Oholibamah die Chiwiterin" handelt es sich wahrscheinlich um eine Fehllesung von Horiterin.

In Gen. 36,10-14 werden die Söhne Esaus - ebenso wie in Gen. 35,23-6 die Söhne Jaakobs - mit ihrer matrilinearen Abstammung aufgezählt. Jaakobs Söhne hatten vier Stammmütter, nämlich Leah, Rachel, Bilhah und Silpah. Vielleicht weil Esau nur drei hatte, fügte der Chronist eine weitere hinzu - Timnah, die Schwester von Lotan (Lot) -, um eine Parallele herauszustreichen. Die früheren Konföderationen scheinen den zwölf Zeichen des Tierkreises entsprochen zu haben.

Wie Ernest Bornemann in "das Patriarchat" gezeigt hat, konnten sich in matrilokalen Strukturen verheiratete Frauen einen Fremden zum nächtlichen Partner wählen. Diese freie Wahl ist im altorientalischen Patriarchat restriktiv eingedämmt. Andererseits wurde das männliche Begehren in der sakralen Kultprostitution ausgelebt.

Im Alten Testament gibt es auch Hinweise einer Sitte, wonach ein Vater oder ein Ehemann seine Tochter (I. Mose 19,8) respektive Ehefrau (I. Mose 12; 18; 20; Richter 19) bedrohlichen Elementen ausliefert, um sich selber zu schützen. Bei dieser Sitte dürfte es sich um eine Übergangssituation von der matrilokalen zur patriarchalen Struktur gehandelt haben, denn die Beduinenfrauen bedeuteten den patriarchalen Kulturbewohner als sexuelles Freiwild. Um an dieses heranzukommen, tötet man einfach ihren männlichen Begleiter. Ein Beispiel hiefür ist die Vergabe der Sarah an König Abimelech von Gerar mit dem Vorwand, sie sei Abrahams Schwester. Als Abraham vorgeworfen wird, Sarah sei ja seine Ehefrau, erwiderte er:

nur nicht die Tochter meiner Mutter; so konnte sie mein Weib werden (Gen. 20,12 Zürcher Bibel)

Der Redaktor stellt die ursprüngliche Bedrohung Abrahams durch das ihm bekannte Eherecht einigermassen plausibel wieder her. Doch die matrilineare Struktur kommt darin zum Ausdruck, dass Sara und Abraham die gleiche Mutter haben, nicht aber den gleichen Vater und von daher Geschwister sind.

Wie die Erzählungen in I. Mose 11; 20 zeigen, ist es nicht mehr die Frau, die ihre Partner auswählt, sondern sie wird von ihrem Ehemann an einen mächtigen, ihn bedrohenden Mann ausgeliefert. Dies entspricht dem patriarchalen Verständnis des Autors dieser Erzählung, dem Jahwisten (5./4. Jahrhundert vor Chr.) aber auch dem patriarchalen Verständnis unserer Exegeten, die sich im alttestamentlichen Vaterkult sonnen und in den Heiligen Schriften leider nichts an Frauenpower finden. Sie pochen auf die Vätergenealogie, Abraham, Isaak und Jakob, und dies obwohl gerade ihre Kreise solche Vätergenealogien immer jünger ansetzen müssen. Da ist sogar die Rede, dass diese alttestamentlichen Texte ins 2. Jahrhundert vor Chr. stammen müssten. Traditionen, in denen Abraham, Isaak und Jakob in die Zeit der Könige von Israel und Juda reichen, sind nicht auszumachen. Im Gegenteil scheint während der Könige der beiden biblischen Ländern eine matrizentristische Struktur parallel zum patriarchal organisierten Königtum bestanden zu haben. Ein schönes Beispiel hierfür ist die Legitimation des neu gefundenen Gesetzesbuch zur Zeit der Reformation Josias um 620 a. (II. Könige 22): Bei der Renovation des Jerusalemer Tempels soll das alte Gesetzbuch gefunden worden sein. Um dieses Gesetzesbuch zu legitimeren, eilte der König mit seinen wichtigsten und höchsten Staatsbeamten stracks zur Prophetin Hulda, in unserem jetzigen Text erscheint die Prophetin Hulda wie irgendeiner Kammerzofe. - Im Vergleich stelle frau sich mal vor, unsere Bundesräte eilen bei der Legitimierung ihrer Beschlüsse zur Haushälterin des Bundesratspräsidenten, um die Vorlagen von ihr absegnen zu lassen. Das ist einfach undenkbar und so muss ich davon ausgehen, dass keiner am königlichen Hof ausser sie befugt war, das Gesetzesbuch Jahwes zu legitimieren. Sie war also keine Zofe sondern musste ein Amt innegehabt haben, das dem einer Nationalratspräsidentin ähnlich war. Was die Prophetin Hulda vor den Höchsten des Landes gesagt hatte, wissen wir nicht. Denn im Nachhinein legte der Redaktor der Prophetin seine eigene Rede in den Mund.

Wie heutige Exegeten mit alttestamentlichen Texten umgehen, die auf die matrizentristische Struktur hinweisen, mag das folgende Beispiel zeigen:

Die Autoren Erhard S. Gerstenberger und Wolfgang Schrage wundern sich in ihrem Buch "Frau und Mann" über das freizügige Verhalten einer Sunamitin, die von sich aus den Propheten Elisa auf dem Dach ihres Hauses einquartierte (II. Könige 4):

Der Prophet Elisa, ein mittelloser, wandernder Gottesmann kehrt regelmäßig bei einer reichen Familie in Sunem ein (V. 8). Genauer gesagt: Die Hausfrau legt großen Wert darauf, ihn bei sich zu Gast zu haben. Sie ist es auch, die ihrem alternden Mann (V. 14) den Vorschlag macht, dem heiligen Besucher ein nettes, ruhiges Gästezimmer einzurichten (V. 9f.). Erstaunlich, dass nach Meinung der Erzählers die einfache Mitteilung an den Ehegatten genügt, um den Plan entscheidungsreif zu machen und in die Tat umzusetzen. Es taucht nicht der leiseste Verdacht auf, die reiche Dame könnte sich auf geschickte Weise Zugang zu einem Liebhaber verschaffen wollen; nicht einmal im Zusammenhang mit der Ankündigung der Geburt eines Sohnes (V. 16f.) wird dieser Gedanke laut. Als dann der schon herangewachsene Sohn plötzlich stirbt (V. 20), liefert die Sunamitin ein noch auffallenderes Beispiel ihrer inneren und äußeren Unabhängigkeit. Sie gibt ihrem Mann Anweisung, sofort einen Sklaven und ein Reittier bereitzustellen, sie müsse dringend den Propheten Elisa aufzusuchen (V. 22). Man stelle sich vor: Der einzige Sohn liegt tot im Haus, und die Mutter will verreisen! Ist in dieser Situation dem Ehepartner gegenüber nicht ein klärendes Wort fällig? Der Mann der Sunamitin wird als äußerst gutmütig oder gar als schwachsinnig geschildert. Er braust nicht auf, jagt seine Frau nicht aus dem Haus, damit sie die Klagefrauen bestellt und die Beerdigung des Toten in die Wege leitet, nein, er fragt ganz harmlos: "Was willst du denn bei ihm? Heute ist doch weder Neumond noch Sabbat?" (V. 23). Das klingt so, als ob er sich an Feiertagen mit Ausflügen seiner Gattin schon abgefunden habe und nur noch ein wenig verwundert feststelle: Muss sie denn gerade jetzt auch noch fort? Der Gipfel an Nicht-Solidarität aber (das gilt auch unter der Voraussetzung, dass der Ehemann noch nichts vom Tode des Jungen weiß) ist die Antwort der Sunamiten: "Schon gut!" oder "Auf Wiedersehen" (V. 23, schalom). Mehr nicht, dann spricht sie nur noch mit dem Sklaven (V. 24) und reitet davon.

Dazu kann ich nur sagen: Das ist eine typisch patriarchale Interpretation einer vorgegebenen matrizentristischer Struktur. Der Ehemann der Sunamitin muss weder alt noch schwachsinnig gewesen sein, sondern ihr gehörte alles, und ihr Mann war offensichtlich nicht befugt, ihr in irgendeiner Weise dreinzureden. Er musste auch von der Liebesaffäre gewusst haben, denn an den von ihm erwähnten Neumond und Sabbat fanden orgiastische Feste statt (vgl. Hosea 1-2, bes. 2,11-13).

Die beiden Autoren, Erhard S. Gerstenberger und Wolfgang Schrage kommen bei ihrer Untersuchung zum folgenden Ergebnis:

Nun ist die Geschichte von der dominierenden Sunamitin nicht die einzige dieser Art im AT. Die Liste der Texte, die der Frau eine weitgehende Freizügigkeit in den Kontakten mit der Außenwelt einräumen, sie also nicht auf Küche und Frauengemächer beschränken, ist recht stattlich. Hierher gehört 1. Sam. 25, die Erzählung von der energischen Abigail und ihrem großspurig haltlosen Mann Nabal. V. 25 geht so weit, eine weibliche Kritik am Herren der Schöpfung festzuhalten: "Er ist, was sein Name sagt, ein Dummkopf; der ist mit Dummheit geschlagen". Von der Frau Manoas war schon die Rede. Bevor sie ihren Mann einschaltet, spricht auch sie in eigener Verantwortung mit dem Boten Jahwes (Richter 13,2-7). Bei der weit bekannten Richterin Debora muss man sich fragen, ob ihr Mann Lapidot nicht der Nachwelt bekannt blieb, weil er mit einer berühmten Frau verheiratet war (Ri. 4,4). Das gleiche gilt von Schallum, dem Ehemann der Prophetin Hulda (2. Kön. 22, 14). Zieht man den Kreis etwas weiter, dann trifft man auf die Hebammen Israels, die freimütig mit dem Pharao verhandeln und sich nicht einschüchtern lassen (Ex. 1,18f) und die übrigen überragenden Frauengestalten des AT: Mirjam, Jael, Isebel, Atalja, Esther, Judit, Ruth. Sie hätten für unsere Behauptung "In Israel vertrat der Mann allein die Familie in der "Öffentlichkeit" sicher nur ein Lächeln übrig gehabt" (S. 46).

Was wollen die beiden Autoren beweisen? Auf alle Fälle stehen diese Beispiele im krassen Widerspruch zum vorgegebenen Text.

Doch nun wieder zu Kapitel 4:

4.4. "An deines Vaters statt" (III. Mose 16,29-33)

Ein hoher Feiertag soll es für euch sein, und ihr sollt fasten; das ist ewiggültige Satzung. Die Sühne aber soll der Priester vollziehen, den man salben und dem man die Hand füllen wird, damit er an seines Vaters statt Priesterdienst tue, und er soll die linnen Kleider, die heiligen Kleider, anziehen. Der soll für das Heiligtum die Sühne vollziehen; auch für das heilige Zelt und für den Altar soll er die Sühne vollziehen, und ebenso für die Priester und das ganze Volk der Gemeinde (Levitikus 16,29-33)

Hier stellt sich die Frage, weshalb kann der Vater den Priesterdienst nicht selber tun?

In Anbetracht der Ergebnisse zu den Bezeichnungen der Opfertiere kann man sich ja auch fragen, ob ursprünglich nicht der Vater die Mutter gemeint war, dass es nach urtümlichem Verständnis heissen müsste "an seiner Mutter Stelle den Priesterdienst tun"? Darauf weisst auch die bereits erwähnten Segenswünsche "gesegnet sei die Frucht deines Schosses" in V. Mose 28.

Diese Segenssprüche stehen in einem redaktionellem Rahmen und werden dabei im Sinne der theologischen Ansichten des Redaktors uminterpretiert.

Wenn du nun willig auf das Wort Jahwes, deines Gottes, hörst, sodass du alle seine Gebote, die ich dir heute gebe, getreulich erfüllst, so wird dich Jahwe, dein Gott, erhöhen über alle Völker der Erde, und alle diese Segnungen werden über dich kommen und werden dich erreichen, wenn du auf das Wort Jahwes, deines Gottes, hörst (V. 1-2).

 
4.4.1. Die redaktionelle Deutung der Segenssprüche
in V. Mose 28

Die Segensprüche wurden vom Redaktor, dem Deuteronomist, mit der Aufforderung zum Gehorsam gegenüber Jahwe verwoben. Er leitet über in die Verfluchung (V. 15). In der Verflucht erleidet Israel dasselbe Leid, wie die Eingesessenen bei der Landnahme durch Israel erlitten haben. Nach V. 49 holt Jahwe eigenhändig ein fremdes Volk herbei, das das Volk Israel belagern und zerstören soll. Doch auch dieses Volk wird später von Jahwe verworfen - eine endlose Kette des in seiner Destruktion verstrickten Archetyps.

Und diese Verstrickung richtet sich gegen den Archetyp der Grossen Mutter. Darauf weisen die Segenssprüche: Jahwe will keine heilvolle Vereinigung sondern er will das archetypisch Weibliche sich unterwerfen, sei es nun als Eroberung des Landes, in dem Milch und Honig fliesst oder als Israel, das seine Gebote nicht halten will genauer nicht kann und später neubabylonische Reich (vgl. Daniel 2), das in den Strudel von Macht zu Fall kommt, eine endlose Verstrickung Jahwes in seinem destruktiven Machtwillen.

Auch in V. Mose 28 steht nicht heilvolles Gedeihen im Vordergrund sondern Zerstörung - man beachte auf 12 Verse über den Segen folgen 57 Verse der Verfluchung.

4.4.2. Die Funktion Jahwes auf dem Sühnedeckel

Nach III. Mose 16,2 erscheint Jahwe über dem Sühnedeckel. In dieser Erscheinung repräsentiert er den Archetyp des Grossen Vaters. Unter dem Sühnedeckel befindet sich die Bundeslade, die den Archetyp der Grossen Mutter symbolisiert. Die alljährlich einmalige Vereinigung dieser beiden Archetypen symbolisiert die Heilige Hochzeit, aus dem dann das Versöhnungsritual entstanden ist.

Dies habe ich auch in meiner Interpretation zu 2. Samuel 6 gezeigt. Da geht es eindeutig um einen Fruchtbarkeitskult um die Bundeslade, bei dem auch ein Menschenopfer vollzogen wurde. Weiter erwähnt Jeremia in einer Polemik die Lade im Zusammenhang von Fruchtbarkeit.

Wenn ihr euch dann mehrt und fruchtbar werdet im Lande in jenen Tagen, spricht Jahwe, so wird man nicht mehr sagen: Die Lade des Bundes Jahwes! - Sie wird keinem mehr in den Sinn kommen, und man wird ihrer nicht mehr gedenken; man wird sie nicht vermissen, und man wird ihrer nicht mehr gedenken; man wird sie nicht vermissen und sie auch nicht wiederherstelle (Jeremia 3,16). 

Der Versöhnungsritus in III. Mose 16 ist in der Exils- und Nachexilszeit als Teil des Priesterkodex entstanden. Und erst in diesem Priesterkodex erscheint die Lade mit einem Sühnedeckel obenauf. Dieser Sühnedeckel trennt klar zwischen Jahwe und der Lade. Ebenso ersetzen nun Tieropfer das Menschenopfer.

Das Blut des Tieropfers sprengt der Hohepriester an die Deckplatte und auf den Boden. Da der Boden wie die Lade den Archetyp der Grossen Mutter vertritt, geht das Opferblut an die Grosse Mutter. Da dieses Zeremoniell am Tage stattfindet, an dem Jahwe zugegen ist, legitimiert dieser als richterliche Instanz also den rituellen Akt. Der Sühneakt gehört demnach in den Machtbereich Jahwes, zu seiner Weltordnung - eine Weltordnung, die das Opfer an die Grosse Mutter garantiert. Das heisst, trotz dem Kampf gegen die Grosse Mutter kommt Jahwe nicht an ihr vorbei. Aber er zwingt sie durch sein Verhalten, sich in ihrer archaischsten Gestalt zu offenbaren.

Die Lade im Allerheiligsten wurde auch in antikjüdischen Schriften als weibliche Grösse aufgefasst. So stiessen ihre Tragstangen wie Frauenbrüste durch den Vorhang, welcher das Allerheiligste vom Heiligtum trennt.  Dies zeigen Belege aus Strack-Billerbeck zu Römer 3,25:

Da stiessen die beiden Stangen an den der Längsseiten der Lade vom Allerheiligsten aus gegen den Vorhang zum Heiligtum. Die vorstossenden Stangen werden mit "Brüste einer Frau" interpretiert.

ist die Schlussfolgerung der beiden Autoren. Weiter fügen sie Zitate an, wie:

Die beiden Tragstangen der Lade standen aus der Lade so weit hervor, dass sie bis an den Vorhang (des Allerheiligsten) reichten; denn es heisst: Die (beiden) Standen waren lang (I. Könige 8,8. ..). Sie waren nicht nach aussen sichtbar (I. Könige 8,8). Sage also: Die Stangen waren so lang, dass sie bis an den Vorhang reichten, und sie drängten den Vorhang (nach aussen hin) zurück, und so wurden sie vom Innern aus gesehen, und in Bezug auf sie findet sich in der Qabbala die Erklärung: Das Myrrhenbündlein ist mir mein Lieber, das zwischen meinen Brüsten ruht (HL 1,13)

Der Sinn dieses Zitats wird klar durch die Parallele Men 98 a. b:

"Die beiden Stangen drückten den Vorhang zurück und traten dadurch hervor, dass sie wie die beiden Brüste einer Frau erschienen". - Jahve also das Myrrhenbündlein, weil er auf der Bundeslade zwischen den Tragstangen thront, die im Vorhang wie zwei Frauenbrüste erscheinen. (Alle Stellen in Strack-Billerbeck zu Römer 3,25)

In dieser antikjüdischen Schrift wird Jahwe als Liebhaber der Lade betrachtet, ein weiteres Indiz der ursprünglich Heiligen Hochzeit.

Nach einer anderen Interpretation wohnt die Schekina (Weisheit) Gottes zwischen den Keruben auf der Lade. Doch die Ruchlosigkeit Königs Manasses soll die "Herrlichkeit des Höchsten", d.h. der Weisheit Gottes, veranlasst haben, sich vom Heiligtum zu entfernen (BarApk. 64,6). Nach einer beliebten Vorstellung antiker Rabbinern soll aber generell die zunehmende Bosheit in der Welt die göttliche Schekina bis in den 7. Himmel vertrieben haben.

Nach Erich Neumann "die Grosse Mutter" manifestieren Lade und Schekina zwei Aspekte des weiblichen Archetyps: Die Lade mit den beiden Stangen den weiblichen Bauchcharakter, die göttliche Schekina die lichte Animagestalt. "Lade" und "Schekina" vertreten also oben und unten des archetypisch Weiblichen. Bei dieser Ganzheit ist aber ein männliches Ich-Bewusstsein vorausgesetzt, welches im stellvertretenden Sühneopfer dem Zugriff der Grossen Mutter entbunden ist und sich andererseits vom himmlischen Weiblichen gefördert und geliebt sieht (Sap. 7ff). Die Idealisierung einer weiblichen Geistgestalt hat häufig eine harte Konsequenz für die irdischen Frauen.

4.4.3. Die Rolle des Hohenpriesters

Welche Funktion hat der Hohepriester bei diesem Versöhnungsfest?

Im Alten Testament wird das Heilige Zelt an markanten Stellen von zwei Personen besucht. So heisst es etwa:

Hierauf gingen Mose und Aaron in das heilige Zelt hinein, und als sie wieder herauskamen, segneten sie das Volk. Da erschien die Herrlichkeit Jahwes dem ganzen Volke, und Feuer ging aus von Jahwe und verzehrte das Brandopfer und die Fettstücke auf dem Alter (III. Mose 9,23-24)

Was Mose und Aaron im Zelt machen, verrät uns der Text nicht. Doch ist uns "die Herrlichkeit Jahwes" weiter oben als göttliche Weisheit begegnet. In der Notiz III. Mose 9,24 erscheint sie wie das Auftauchen des Morgensterns, welcher im Alten Orient als Isthar verehrt wurde. Der Feuer speiende Jahwe erinnert am ehesten an einen Sonnengott (vgl. I. Kön. 18). Könnte es sein, dass Mose und Aaron Jahwe und Isthar vertreten? An einer anderen Stelle, in IV. Mose 12 gehen Mirjam und Aaron ins Zelt. Die Gestalt Mose ist sekundär hinzugefügt, wie in der Fachliteratur bestätigt wird. Meines Erachtens hat der Redaktor in IV. Mose 12 das ursprüngliche Motiv der Heiligen Hochzeit aufgegriffen, um daraus seine Erzählung zu gestalten. Das ursprüngliche Motiv der Heiligen Hochzeit kommt noch als Vorwurf Mirjams an Mose vor, er habe sich eine kuschitische Frau genommen. Ziel er Erzählung in IV. Mose 12 ist es, wie Heinrich Valentin in seinen Aaronstudien zeigt, die Einzigartigkeit Mose vor Jahwe darzustellen. Eine Einzigartigkeit, die unabhängig ist von weiblichen Propheten, die, wie am Beispiel der Prophetin Hulda gezeigt, im judäischen Staat eine hervorragende Rolle spielten.

Als drittes Beispiel ist die Notiz der zwei Söhne Aarons (III. Mose 10) verwiesen. Diese zwei jungen Männer sollen Jahwe ein ungehöriges Feueropfer dargebracht haben. Der Leser erfährt nicht, worin das ungehörige Feueropfer bestanden haben soll. Da aber Feuer Symbol sexueller Dynamik ist, das sowohl Leben erweckt als es auch zerstört, könnte das ungehörige Feueropfer auf den Fruchtbarkeitskult hinweisen, die die beiden betrieben haben. D.h. wie bei "Mose und Aaron" im ersten Beispiel und "Mirjam und Aaron" geht es hier nicht um zwei männliche Priester sondern um ein heterosexuelles Paar.

Wenn der Hohepriester mit dem Opferblut einmal im Jahr vor die Lade als Manifestation der Grossen Mutter tritt (III. Mose 16), so nimmt er die Position des Fremden ein, welcher der Grossen Mutter begegnet. Er bringt ihr dabei das Blut von Ziegenböcken dar, um, wie in Kapitel 4 gezeigt, ihrem verschlingenden Aspekt zu entgehen. Doch andererseits tritt der Hohepriester als Vertreter des Volkes Israel vor Jahwe und damit träte er Gott eigentlich als weibliche Person gegenüber. - Und dass Aaron ursprünglich eher auf eine weibliche Grösse hinweist, soll nun nachgewiesen werden:

6. AARON - AHARON - ARUNA

Ist es Zufall, dass der hebräische Begriff aaron für Lade ähnlich lautet wie der Name des ersten Hohenpriesters Aharon oder wie der Name des Priesterkönigs Auruna in II. Samuel 24?

Die Etymologie von aaron für "Lade" ist laut alttestamentlichen Forschung unbekannt. Allgemein wird aaron als Lehnwort aus dem westsemitischen Sprachgebrauch verstanden mit der Bedeutung "Kiste", "Sarg" oder "Mumienbehälter". Im deuteronomistischen Sprachgebrauch bedeutet aaron "Behälter der 10 Gebote" (V. Mose 10,1-8).

In zweiter Samuel 24 begegnet David dem Jebusiterpriester Auruna von Jerusalem. Jerusalem war wie viele syrisch-palästinensische Städte Ende des 2. Jahrtausend hethitisch und stand somit unter dem Schutz der hethitischen Staatsgöttin von Aruna (oder Arinna). Aruna bezeichnet einen Ort in Anatolien, in der Nähe der hethitischen Hauptstadt. Der volle Name der hethitischen Staatsgöttin war Wuruschemu von Aruna. Sie wurde von den vorhethitischen Bewohner auf dem anatolischen Hochplateau verehrt. Die Hethiter selber nannten sie einfach Sonnengöttin von Aruna. Sie war die oberste Göttin des hethitischen Königshauses und des Staates. E. O. James beschreibt sie wie folgt:

"The Queen of the Land of Hatti, Heaven and Earth, Mistress of the kings and queens of the land of Hatti, directing the Government of the King and Queen of Hatti", but unlike the Hurrian Hebat she was essentially a solar deity. Her relationship, however, with the male Sungod was never clearly established"

Der namenlose Sonnengottheit wurde der Staatsgöttin auf Druck der patriarchalen Staatsideologie anderer altorientalischen Staaten beigegeben, wie aus dem folgenden Text ersichtlich ist:

The Re, the Lord of the Sky; the Re of the Town of Arinna; Seth, the Lord of the Sky, Seth of Hatti; Seth of the Town of Arinna,...

Hier wird die Sonnengöttin durch den ägyptischen Staatsgott Re und seinem Freund und Widersacher Seth ersetzt.

Da sich heutige Forscher eine weibliche Staatsgöttin einfach nicht vorstellen können, suchen sie Auruna in II. Samuel 24 mit dem indischen Gott Varuna gleichzusetzen. Dabei verweisen sie auf einen Vertrag, welcher zwischen dem Hethiterkönig Schubbiliuliuma und dem Mitannikönig Mattinaza um 1400 v.Chr. abgeschlossen wurde. Dieser Vertrag wurde von den Hethitern zu Füssen der Sonnengöttin von Aruna deponiert:

A duplicate of this tablet has been deposited before the Sungoddess of Arinna, because the Sungoddess of Arinna regulates kingship and Queenship (ANET, 205)

Im Mitannireich bewachte der Gott Tesub, Ehegatten der Göttin von Aruna, das Dublikat:

In the Mitanni land (a duplicate) has been deposited before Tesub, the lord of the Kurinnu of Kahat.

Im besagten Vertrag figuriert Uruwana (= Varuna) mit Mithra zusammen in den hintersten Rängen der aufgeführten Götter- und Göttinnenliste. Auffällig ist dabei aber auch, dass Uruwana (Varuna) mit A-ru-na gleichgesetzt wird. Die Schreibweise dieses Vertragsabschnittes sieht wie folgt aus:

DINGIRmes Mi-it-ra-as-si-il DINGIRmes
U-ru-un-na-as-si-el
DINGIRmes Mi-it-ra-as-si-il DINGIRmes
A-ru-na-as-si-il
d-In-da-ra DINGIRmes Na-sa-at-ti-ia-an-na

Der Vertrag wurde offenbar in einer mit der Sprache nicht kompatiblen Schrift verfasst, sodass Wiederholungen von Wortelementen unvermeidlich waren. Die sich wiederholenden Elemente können also gestrichen werden. So freut sich Karl Jaros über die Entdeckung der vedischen Gottheiten in diesem Vertrag und schreibt:

Nach Ablösung der mitannischen Elemente (-ssil,-nna), sind das vedische Götterpaar Mitra und Varuna, der vedische Gott Indra und die Götterzwillinge Nasatya zu erkennen.

Doch offenbar kann und will Karl Jaros nicht sehen, dass beim ersten Mal neben Mithras U-ru-un-na-as-si-el steht, das zweite Mal A-ru-na-as-si-il, dass heisst doch, Aruna wird mit Uruna gleichgesetzt.

Das Bedürfnis altorientalischer Theologen, eine Staatsgöttin zu einem männlichen Staatsgott umzuwandeln, wurde von alttestamentliche Theologen gerne übernommen und daran hat sich bei den heutigen Forschern nichts geändert.

Es ist also nahe liegend, anzunehmen, dass die ähnlich klingenden Bezeichnungen Aaron (Lade), Aharon (Hohepriester) und Auruna (jebusitischer Priester) auf die hethitische Staatsgöttin von Aruna zurückgeht. 

Was die Bedeutung der Lade (aaron) betrifft, so war sie nach Martin Noth für die israelitischen Stammesverbände Ende des 2. Jahrtausends vor Christus das einigende Band. D.h. die sich formierenden israelitischen Stämme zu Beginn ihrer Geschichte verehrten die Sonnengöttin von Aruna als Bundesgöttin. Da diese Stämme stark matrizentristische Züge aufwiesen, mochte die Sonnengöttin von Aruna als eine Art Übermutter betrachtet worden sein, unter deren Schutz die Umwandlung von der matrizentristischen zur patriarchalen Struktur erfolgte. Nach der Teilung von Juda und Israel um 930 vor Chr. schien sie durch die Fruchtbarkeitsgötter Baal und Ascherah ersetzt worden zu sein. Doch eine Aruna-Tradition gegen Baal und Ascherah musste bestanden haben, denn sie taucht als vielfältiges Interpretament zur "Identifizierung von Bund und Gesetz" beim Deuteronomisten in der Exilszeit wieder auf:

Damals sprach Jahwe zu mir: "Haue die zwei steinerne Tafeln,
die die ersten waren, und steige herauf zu mir auf den Berg: auch mach dir eine hölzerne Lade
Dann will ich auf die Tafeln die Worte schreiben,
die auf den ersten Tafeln standen, die du zerschmettert hast,
und du sollst sie in die Lade legen".
Also machte ich eine Lade von Akazienholz und
hieb zwei steinerne Tafeln, wie die ersten waren,
und stieg auf den Berg, die beiden Tafeln in der Hand
(Dt. 10,1-3)

Die Funktion der Sonnengöttin von Aruna, die als Staatsgöttin für Recht und Ordnung stand, wird hier zwar übernommen, doch nicht mehr in ihrer Gestalt sondern als Behälter göttlicher Gesetzestafeln.

Wie der Name Aharon für den Hohepriester entstanden ist, weiss niemand. Doch ist nach den Ergebnissen von Heinrich Valentins Aaronstudien zu folgern, die Gestalt Aharon sehr jung. Ich denke, der priesterliche Redaktor liess in diese Gestalt den Priesterkönig Auruna, dem David begegnet ist, wieder auferstehen.

 

7. "IN SEINEM BLUTE" (RÖMER 3,25)

Im Alten Testament wurde das Blut auf Befehl Jahwes ausnahmslos und unbedingt der Erde zurückerstattet (V. Mose 12,23ff.). Das zeremonielle Hinsprengen des Blutes vor die Deckplatte (III. Mose 16) war E. Roellenbleck zufolge eine Weiterentwicklung des älteren Brauches, wonach das Opferblut in die mütterliche Erdspalte abgeflossen:

Nimm von dem Blut des Stieres und streiche es mit dem Finger an die Hörner des Altars; alles (übrige) Blut aber schütte beim Altar auf die Erde ( III. Mose 16,18)

Die Hörner auf dem Altar waren Kuhhörner. Darauf weist Erster Samuel 6, aber auch der Befehl Jahwes an Mose in Exodus 27,2, einen Altar mit Hörnern aus Akazienholz zu machen. Im Akazienbaum manifestiert sich die Göttin Al-Uzzah.

Sieben Mal sprengt der Hohepriester Blut gegen den Sühnedeckel. Die Zahl Sieben war im Alten Orient eine heilige Zahl, die Zahl der Vollkommenheit. Da III. Mose 16 betont beduinische Tradition aufgreift, könnte die Sieben auch auf die sieben Plejaden hinweisen, auf die weiblichen Führerinnen, die nachts dem Clan den Weg wiesen.

Der Hohepriester sprengte das Blut an der Vorderseite der Lade (III. Mose 16,4,15). Denn die Übersetzung von Quedäm in der Zürcher Bibel ist "Vorderseite. Doch Quedäm heisst nicht nur "Vorderseite" sondern in erster Linie "Osten". Der Hohepriester sprengte das Opferblut also auf die Ostseite des Sühnedeckels. Und die Ostseite gab den antikjüdischen Denkern Anlass zu Kommentaren. So ist aus Strack-Billerbeck zu Römer 3,25 zu entnehmen:

Die Blutsprengung geschah aber gegen die nach Osten liegende Längsseite der Kapporeth (Sühnedeckel), stand er dabei zwischen den Stangen, so folgt daraus wiederum, dass die Tragstangen senkrecht zur Längsachse der Lade lagen, mit anderen Worten: sie waren an den schmalen Seiten der Lade angebracht und hatten im Allerheiligsten die Richtung von Osten nach Westen.


Im Osten aber geht die Sonne auf, und im alten Ägypten wird am morgendlichen Osthimmel die neue Sonne begrüsst. In III. Mose 16 ist also ein Wiedergeburtsmotiv enthalten. Und das Wiedergeburtsmotiv gehört in den Bereich der Grossen Mutter.

So kennen wir auch die altägyptische Himmelsgöttin, in welche der Sonnengott abends in der Umarmung eingeht. Mit seinem Nachtboot fährt er durch die von Geistern und Dämonen bedrohten Nacht, trifft auf Osiris, umarmt ihn, gibt gleichzeitig das Alte, Vergangene ab, um als das Neue, Zukünfte zu erscheinen. Am Morgen gebiert ihn die Himmelsgöttin, während Osiris im Dunkeln zurückbleibt. Der Leib der Himmelsgöttin wird mit dem Sarg gleichgesetzt, in dem Osiris liegt und aus dem der Sonnengott Re wiedergeboren wird. Die Lade im Allerheiligsten des Jerusalemer Tempels erinnert stark an die Himmelsgöttin Nuth, welche mit dem Sarg des Osiris gleichgesetzt wird. In diese Richtung geht auch ein kultischer Vers, wonach Jahwe lieber im Dunkeln des Allerheiligsten weilt:

Die Sonne hat Jahwe an den Himmel gesetzt, er selbst hat erklärt, im Dunkeln wohnen zu wollen. (II. Könige 8,12)

Julian Morgenstern weist für den ersten Jerusalemer Tempel einen Sonnenkult nach: Am frühen Morgen des Neujahrstages sollen die Türen zum Allerheiligsten offen gestanden haben, und der erste Sonnenstrahl auf die im Verborgenen weilenden Gotteslade getroffen haben. Doch dieser Akt weist eher auf die Zeugung des Sonnenkindes. Es dürfte also beide Motive zusammenfallen, die Zeugung und Geburt des jungen Gottes.

Gleichzeitig mit der Sonnengeburt wurde auch dessen irdischer Vertreter, der König von Judäa (wieder neu) inthronisiert. Ein wichtiger Text für die Inthronisation ist Psalm 2:

Er sprach zu mir: "Ich nehme dich auf meinen Schoss. Ich selbst hab dich heute gezeugt.
(Ps. 2,7 Übersetzung von Hermann Gunkel, Psalmen)

Was hier mit "gezeugt" übersetzt wird, kann ebenso gut "ich habe dich geboren" heissen. Verräterisch ist auch "ich nehme dich auf meinen Schoss" - ein Satz, der eher zu einer Göttin passt. So sitzt im Alten Ägypten Horus auf dem Schoss der Isis.

Horus auf dem Schoss Isis

Othmar Keel zitiert dazu I. Könige 5,17:
"Mit Krieg bedrängten sie ihn (David),
bis Jahwe sie ihm unter die Fusssohlen legte"

Im Bild stehen die Füße Horus auf den Köpfen seiner Feinde. Diese Position garantiert ihm Isis, denn in einem religiösen Text ist zu entnehmen, dass Isis mit Zauberei Horus den Kampf gegen Seth gewinnen.

8. DIE GÖTTLICHE GNADE BEI PAULUS

8.1. Paulus und das Weibliche

Paulus war einst ein äusserst eifriger Pharisäer, gesetzesstreng wie nur Juden in der Diaspora sein konnten. Als er von der jungen Christengemeinde hörte, verfolgte er sie unerbittlich. Nach der Apostelgeschichte soll er auch bei der Steinigung des Stephanus anwesend gewesen sein. Seine Verfolgungsjagd führte ihn nach Damaskus, doch unterwegs begegnete ihm der Auferstandene, worauf sich Paulus zum Christentum bekehrte, Heidenapostel wurde und sich fortan "Apostel von Gottes Gnaden" nannte. Gleichzeitig wandte er sich mit dem früheren Eifer gegen die jüdische Gesetzestreue.

Paulus gilt allgemein als der Denker im Neuen Testament. Im Denken kommt Bewusstseinsenergie am konzentriertesten zum Ausdruck. Es wirkt wie ein Licht und so hat Jolande Jacobi Denken mit dem Yang im Symbol Yin und Yang gleichgesetzt. Doch Denken ist eine irdische, menschliche Eigenschaft. Und da Denken symbolisch mit Geist und Mann verknüpft ist, so erscheint auch der archetypische Hintergrund entsprechend der Symbolik mythisch als männliche Grösse in seinem Handeln in der Welt. Diese Figur übt eine ungeheure Faszination aus, eine magische Faszination, die den archetypischen Ursprung bestätigt.

Paulus dürfte bei seinem Damaskus-Erlebnis in seiner Lebensmitte gestanden haben. Seine Bewusstseinseinstellung war bis anhin eher extravertiert, denn er orientierte sich ganz nach der antikjüdischen Tradition und suchte sein Heil im Befolgen der Gesetze zu finden. Die Orientierung an vorgegebenen Inhalten zeigen, dass die Hilfsfunktion seines Denkens die Wahrnehmung war.

Auf dem Symbol des Yin und Yang erscheint im Bereich der Wahrnehmung der Yin-Punkt im Yang. Das heisst, das Wahrgenommene wird durch das übergeordnete Denken gefiltert und alles, was nicht in die denkerische Ideologie passt, wird verdrängt, fällt in den schwarzen Yin-Punkt. In diesem verdrängten Bereich musste sich die Christengemeinde befunden haben. So wie Paulus mit mörderischem Einsatz die neue Gemeinde verfolgt, besagt, dass etwas von seinem unbewussten Schatten zum Klingen kommt. In seinem Eifer gebärdert sich Paulus wie der alttestamentliche Jahwe: Jedes Mittel war ihm heilig, um seine Ideale durchzusetzen. Sowohl bei Paulus als auch bei Jahwe fallen die Ideale mit dem Ichbewusstsein zusammen. Alles, was nicht in dieses Ichideal passt, aber trotzdem zur eigenen Person gehört, wird als Nicht-Ich erfahren. Paulus erfährt dieses Nicht-Ich wegen seiner extravertierten Wahrnehmung aussen in der neuen religiösen Gruppe, in der Christengemeinde, die nun zu seinem Schattenträger wurde. Gleichzeitig sinkt der verdrängte Schatten in unbewusstere Bereiche, was Unbehagen auslöst. Vor dem Ziel seiner Verfolgung bricht dieses Unbehagen in einer auditiven Vision durch:

Saulus, Saul, was verfolgst du mich? (Apostelgeschichte 9,5)

soll ihm der Gekreuzigte vor Damaskus zugerufen haben. Der Satz hört sich an wie das personifizierte schlechte Gewissen an, das nicht von einem ersehnten Propheten kommt sondern vom Auferstanden, an den die neue Christengemeinde glaubt. Um diese himmlische Gestalt rankten sich bereits traditionelle Motive, die Paulus nun übernehmen und denkerisch ausarbeiten konnte.

Doch die Erscheinung am Himmel vor Damaskus begann nun inflationär von ihm Besitz zu ergreifen, wie dies etwa in der Begrüssung an die Galater zum Ausdruck kommt:

Paulus, Apostel nicht von Menschen her noch durch einen Menschen, sondern durch Jesus Christus und Gott, den Vater, der ihn auferweckt hat von den Toten (Gal. 1,1)

Da spricht wieder der alte Fanatismus aus ihm heraus, der ihn nun mit seinem archetypischen Vorbild zusammenfallen lässt. Und wie der alte Fanatismus muss auch der neue etwas verdrängen, was ideologisch nicht passt. Diesmal ist es nicht mehr das kleine Yin, dem er im Kampf um Macht und Hierarchie begegnete und zu integrieren sucht, sondern das grosse Yin. Und das grosse Yin fällt in einer patriarchalen Ordnung mit weiblich zusammen. Und da Männlich mit Licht, Denken und im Bewusstseinsein assoziiert wird, wird weiblich mit Dunkelheit, mit "Denkerisch nicht erfasst sein" und demnach auch nicht im "Geltungsbereich des Bewusstsein sein" festgelegt. Diese Diskrepanz kommt meines Erachtens in Galater 1 exemplarisch zum Ausdruck:

Danach, drei Jahre später erst, zog ich nach Jerusalem hinauf, um Kephas kennen zu lernen, und blieb zwei Wochen bei ihm. Sonst habe ich von den Aposteln niemanden gesehen - außer Jakobus, den Bruder des Herrn Was ich euch hier schreibe, das ist nicht gelogen - ich erkläre das hiermit vor Gottes Angesicht (Gal. 1,18f.).

Wieso sagt Paulus hier nicht einfach, er habe Kephas und Jakobus getroffen? Warum diese umständliche Formulierung? Auch sagt Paulus nicht, er habe niemanden gesehen, sondern nur, er habe keine weitere Person gesehen, die nach patriarchalem und insbesondere nach antikjüdischem Recht Anspruch auf legitime Autorität hatte. Und von jeder öffentlichen Autorität ausgeschlossen waren die Frauen und hier die Frauen am Grab. Diese befanden sich nach Apostelgeschichte 1,13-14 im Kreise der Jünger in Jerusalem. Dass Paulus in "niemanden außer Jakobus" etwas verschweigt, ist auch neutestamentlichen Exegeten aufgefallen. "Niemand außer" und noch in dieser verzwickten Form lässt auf einen peinlichen Inhalt schließen, der unter allen Umständen verschwiegen werden muss. Und Paulus schwört noch "vor dem Angesicht Gottes!" Er schwört aber nur, er habe sonst keinen anderen Apostel gesehen!

Meines Erachtens hatte Paulus in Jerusalem die ersten Zeuginnen des Auferstandenen getroffen. Und diese musste er im Galaterbrief augrund seiner pharisäischen Strenggläubigkeit verschweigen. Wenn er dann noch schwört, keinen anderen Apostel außer Jakobus gesehen zu haben, dann spricht er zwar wahr. Bloß die Apostel ihrerseits mussten sich auf die Aussagen der Frauen stützen. Denn die Jünger waren bei den zentralen Ereignissen, Kreuzigung und Gang zum Grab ja gar nicht anwesend. Die Frauen mussten den Männern erst sagen, dass Jesus auferstanden sei. Mir scheint auch, sie gehörten zu den "Angesehenen", die Paulus in Galater 2,2ff. diffus erwähnt. Demnach waren auch sie es gewesen, die ihn zum Heiden-Missionar bestätigten.

In seinem Schwur "vor dem Angesicht Gottes" kann er sich zwar auf die antikjüdische Norm stützen, nach dem Frauen nicht als Zeugen zugelassen sind, doch sein Gewissen stellt sich gegen seine ideologische Gesetzlichkeit. Dies kommt auch in I. Korinther 15 zum Ausdruck:

Dies nämlich ist die Erstüberlieferung, die ich euch so weitergegeben habe, wie ich sie selbst empfangen habe: Christus ist für unsere Sünden gestorben, nach den Schriften; und ist begraben worden. Und er ist auferweckt worden am dritten Tage, nach den Schriften; und Kephas erschienen und dann den Zwölfen. Danach ist er mehr als fünfhundert Brüdern auf einmal erschienen; die Mehrzahl von ihnen ist noch am Leben, einige sind aber schon entschlafen. Danach ist er Jakobus erschienen und dann den Aposteln insgesamt. Zuletzt vor allen ist er auch mir erschienen - mir, der Missgeburt. Denn ich bin der geringste im Kreise der Apostel; ich habe auch gar nicht die Eignung, mich Apostel zu nennen; denn ich habe ja die Gemeinde Gottes verfolgt. Aber durch Gottes Gnade bin ich, was ich bin; und seine Gnade, die er mir zugewandt hat, ist nicht unwirksam geblieben: Mehr als sie alle zusammen habe ich in meiner Missionsarbeit geleistet.

Sein Glaube beruht auf der Erstüberlieferung - von wem er sie überliefert bekam, sagt er nicht. Als erste Auferstehungszeugen nennt er Kephas und die Zwölf, also wieder die Männer, die nach antikjüdischem Recht Zeugen sein konnten und Anspruch auf Autorität hatten. Dann erwähnt er die fünfhundert Brüder, denen Christus erschienen sein soll. Bei Paulus sollen mit "Brüder" die "Schwestern" automatisch eingeschlossen sind, heisst es in der Fachliteratur. Eigenartigerweise wiederholt er sich in V. 7 Jakobus und die Apostel. 

Offenbar verstärkt sich hier der Druck eines verdrängten Wissens. Um den Frauen am Grab auszuweichen erwähnt er nun ein mütterliches Urmotiv: "Zuletzt vor allen ist er auch mir erschienen - mir, der Missgeburt". Um dem Druck der wirklichen Begebenheiten, dass Frauen die ersten Zeuginnen war, zu entgehen, greift er auf das Bild der Mutter. Also, statt die wohl gleichaltrigen Frauen, die sich nach den vier Evangelien unter dem Kreuz und am Grabe als die wahren Jünger erwiesen, zu verdrängen, greift er mit seiner unbewussten Intuition auf das Mutterbild. Die Abwehr äussert sich in der Bezeichnung "Ich - Missgeburt" als Ausdruck seines unbewussten Ichgefühls, in dem auch das Motiv Tod und Wiedergeburt durchschimmert, dem Jesus respektive dem Auferstandenen widerfahren ist und von dem die Frauen am Kreuz und am Grab berichten konnten.

Die Begründung zu dieser negativen Selbstaussage sieht er in der Verfolgung der Christen. Doch als Bester und Erster kann er sich nicht in dieser Minderwertigkeit akzeptieren. Deshalb schlägt seine negative Selbstaussage ins Gegenteil, ins Gefühl der Großartigkeit:

Denn ich bin der geringste der Apostel, der ich nicht wert bin, ein Apostel zu heissen, weil ich die Gemeinde Gottes verfolgt habe; durch Gottes Gnade aber bin ich, was ich bin. Und seine Gnade gegen mich ist nicht vergeblich gewesen, sondern mehr als sie alle habe ich gearbeitet; doch nicht ich, sondern die Gnade Gottes mit mir. (I. Kor. 15,9-11).

Ist er zwar seitens der irdischen Mutter eine Missgeburt, so doch von der himmlischen Mutter, der Gnade Gottes, der Auserwählte par excellence, und damit kann er sich alle irdischen Frauen vom Leibe halten. Und wodurch erwirbt er sich diese Sonderstellung? Durch Leistung!

Aber die Verdrängung der Frauen am Grab war nicht nur das Problem des Paulus sondern es ist auch das Problem unserer heutigen Exegeten. Nehmen wir als Beispiel Hans Conzelmann, "Geschichte des Urchristentums": Seitenweise beschreibt er die zwölf Apostel, gewissenhaft tut er immer wieder sämtliche Namen der bekannten Männer kund, doch wenn es um die Frauen am Grab geht, schreibt er plötzlich:

Man entdeckte wirklich (am 3. Tage nach dem Tod Jesu),
dass das Grab leer war, wie immer man dies erkläre. ....

Wer ist dieser "man" - die Frauen, deren Name er im Gegensatz zu den Namen der Männer geflissentlich verschweigt. Andere Exegeten versuchen die Frauen noch radikaler zu verdrängen, indem sie behaupten, die Grabeserzählungen seien Legenden, die später eingefügt wurden. - Doch wer soll Legenden geschrieben haben, die Frauen als weit mutiger und als die eigentlichen Jünger darstellen?

8.2. Die göttliche Gnade bei Paulus

Den Begriff Gnade verwendet Paulus in der Anrede seiner Briefe (charis). So heisst es in I. Korinther 1,1-3:

Paulus berufener Apostel Jesu Christi durch den Willen Gottes und der Bruder Sosthenes an die Gemeinde Gottes in Korinth, an die in Jesus Christus Geheiligten, die berufenen Heiligen, mit allen, die den Namen unseres Herrn Jesus Christus anrufen, wo auch immer sie versammelt sein mögen, bei ihnen oder bei uns. Gnade und Friede möge auf euch kommen von Gott, unserem Vater, und unserem Herrn Jesus Christus.

Der Segenswunsch erinnert an die Taufe Jesus: So wie Gott einst Jesus zu Lebzeiten zum geliebten Sohn erwählt hatte, soll Gott die Gläubigen nun im Sinne des Auferstandenen als geliebte Söhne aufnehmen. Doch anstelle des Heiligen Geistes tritt nun die Gnade Gottes.

Doch was bedeutet Heilige Geist symbolisch? In den ausserkanonischen Evangelien wird er mit der Mutter Jesu identifiziert, und zwar deshalb, weil der Geist in semitischen Sprache weiblich ist.

Die Taube, mit der der Heilige Geist in der Taufszene Jesu verglichen wird, galt in der Antike das Attributtier der grossen antiken Liebesgöttin. Ihre Wurzeln reichen hinter die historischen Zeiten des Alten Orient. Der Heilige Geist in Gestalt einer Taube repräsentiert also den weiblichen Aspekt Gottes und ergänzt den aus dem Himmel rufenden Gott in seiner Ganzheit. Der rufende Vater im Himmel ist auf Grund des alttestamentlichen Bilderverbots nicht sichtbar.

Doch Gott wird in der Bibel als Mann vorgestellt. Von daher finde ich es absurd, wenn Paulus Heiden als Anbeter der Schöpfung anklagt. Denn, wenn er den Vater anbetet und ihn auf Erden vertritt, dann betet er ja auch Schöpfung an. Und vor allem, wenn er Gott als Vater sieht, dann übernimmt er auch den ganzen Vorstellungskomplex um den Vater und fixiert Gott darauf. Und das ist ja auch das biblische und theologische Problem: Ein Gott, der sich als "Ich bin, als die/den/das ich mich erweisen werde" vorstellt (Ex. 3,12), den man dann mit der Autoritätsfigur patriarchaler Gesellschaft fixiert, bleibt dann auch in diesem Bannkreis blockiert.

Andererseits wird das numinos Weibliche, das im Alten Orient allgegenwärtig war, im Alten Testament verdrängt oder dem Vorstellungskomplex des Vaters untergeordnet. Mit dieser Unterordnung wird das numinos Weibliche hat meistens einen stark irdisch materiellen Aspekt, zum Beispiel als Volk Israel wird das numinos Weibliche an eine irdische Grösse gebunden. Oder die Weisheit Gottes, die auf Erden die Ratschlüsse ihres Gottes vertritt, weist ebenfalls einen grösseren Bezug zum Irdischen hin, als Gott der im Himmel wohnt.

So ist es auch mit der Taube in der Taufe Jesu. Während der Vater als Geist unsichtbar ist, hat der Heilige Geist irdische Gestalt, der aber in der Wendung "wie eine Taube" zurückgenommen wird. Der weibliche Aspekt ist also auch geistig doch sichtbar und vertritt wie die göttliche Weisheit das Anliegen Gottes auf Erden. Nimmt man nun das Wasser, in dem Jesus stand, ebenso als Symbol göttlicher Offenbarung und versteht es als irdische Manifestation ewiger göttlicher Vereinigung, so stände Jesus bei der Taufe völlig in der göttliche Ganzheit, und zwar in deren irdischen und geistigen Manifestation. Von dieser Ganzheit her ist auch das ausserordentliche Verhältnis Jesus zu den Frauen zu erklären. Sie bedeutet die Integration des erfahrenen göttlichen Weiblichkeit durch Jesus.

Als religiöser Mensch sucht auch Paulus archetypische Ganzheit sprachlich zu entfalten. Doch stützt er sich dabei ganz auf das alttestamentliche Gottesbild, das er unter der neuen Situation des Kreuzes fortzusetzen sucht. Er orientiert sich ausschliesslich an Gott als männliche Grösse, und übernimmt das diesen begleitenden Mythos von Gott und sein Volk im Bild einer Ehebeziehung (Römer 3,25). Dieses weitet er universal auf Gott und die Menschheit aus. Sein Gott ist aber auch begleitet von Eigenschaften, die in altorientalischen Religionen als eigenständige Gottheiten figurierten, so zum Beispiel in seinen Grüssen "Gnade" und "Friede". "Gnade" und "Frieden" erinnern stark an die altägyptische Maat oder an die hebräische Weisheit (Chokmah), sind nun aber blosse Begriffe. Doch gerade zur Gnade scheint er ein inniges Verhältnis gehabt zu haben, denn sie ordiniert ihn zum Apostel (I. Kor. 15,6 und Gal. 1,16). Sie vertritt die Taube, die einst Jesus zum Gottessohn ausrief. Doch anders als bei Jesus steht bei Paulus "Gnade" dort, wo Paulus eigentlich die Frauen am Grab erwähnen müsste. Dies haben wir oben zu I. Korinther 15,10 gesehen: Um die Frauen am Grab nicht erwähnen zu müssen, weicht er aus auf das archetypische Muster von "Mutter und Kind". Dieses Grundmuster wandelt sich aber unter seiner Feder um die Breite der Verdrängung ab zur "mir die Missgeburt" (V. 6). Diese Missgeburt mildert er dann ab in „ich bin der geringste unter den Apostel“ und gesteht damit seine Verfehlung ein, nämlich die Verfolgung der Christen. Damit integriert er einen Teil seines Schatten. Doch der patriarchale Schatten ist verflochten mit dem verdrängten weiblichen Aspekt. Die Gnade wirkt hier kompensatorisch zu "geringsten" und "Missgeburt": Vom irdischen Aspekt der Grossen Mutter ist er ein Verworfener doch im geistigen Aspekt der Grossen Mutter ist er der Erwählte. Diese Gegenüberstellung wiederholt sich in Galater 1,16:

Als es aber dem, der mich von meiner Mutter Leib an ausgesondert und durch seine Gnade berufen hat, gefiel, seinen Sohn an mir zu offenbaren, damit ich ihn unter den Heiden verkünden kann.

Hier steht Gott über der Situation: Gott hat Paulus von seiner Mutter Leib ausgesondert, aber Gott handelt nicht allein sondern im Einverständnis seiner Gnade. Dieses Konstrukt steht dann in eigentümlicher Spannung zu:

Dagegen von Seiten der "Angesehenen", die etwas darzustellen meinen - was sie früher einmal waren, ist mir gleichgültig, Gott sieht die Person nicht an -, mir haben die Angesehenen" nichts auferlegt, sondern im Gegenteil! Als sie sahen, dass ich mit der Heilsbotschaft für die Unbeschnittenen betraut bin, wie Petrus mit der für die Beschnittenen - denn Er, der Petrus die Kraft zur Sendung an die Beschnittenen geschenkt hat, hat sie auch mir zur Wirkung unter den Heiden gegeben; und als sie die Gnade erkannten, die Gott mir gegeben hat, da haben Jakobus, Kephas und Johannes, die als die "Säulen" gelten, mir und Barnabas die rechte Hand gegeben zur (Bekräftigung der) Gemeinschaft. Wir sollen zu den Heiden, sie zu den Beschnittenen gehen. (Gal. 2,6-9)

Wenn er anfangs des Briefes auf seine Unhabhängigkeit von einem Menschen pochte, musste er hier doch zugeben, dass die "Angesehenen" von Jerusalem ihn zum Heidenapostel ernannten, und unter ihnen mussten sich auch die Frauen am Grab befunden haben. Wäre das Gremium eine reine Männersache gewesen, hätte er ja gleich sagen können, wer ihn bestätigt hatte. Doch die Namen der drei Säulen, Jakobus, Kephas und Johannes, kommen erst im zweiten Anlauf - hier ist wieder das gleiche Zögern, das gleiche Unbehagen zu spüren wie in Galater 1,18f. und I. Korinther 15,5f., und dieses Zögern kann ich mir nur damit erklären, dass die Frauen am Grab, noch immer im Banne jesuanischer Gleichberechtigung, im Gremium der "Anwesenden" vertreten waren. Ich denke, Paulus wehrt sie auch im abschätzigen "was sie früher einmal waren, ist mir gleichgültig" und "Gott sieht die Person nicht an" (Steht diese Aussage nicht im Widerspruch zu seiner göttlichen Legitimation?). Die im Gremium der "Angesehenen" anwesenden Frauen am Grab konnte er aufgrund des jüdischen Gesetzes nicht akzeptieren - aber nicht nur er konnte das nicht, sondern auch unsere Theologen verschwenden keinen Gedanken über eine solche Möglichkeit.

In Römer 1,4ff. setzt Paulus den Heiliger Geist und Gnade einander gegenüber:

Paulus, Knecht Jesu Christi, berufen zum Apostel, ausgesondert zur Verkündigung des Evangeliums Gottes, das er vorher verheissen hat durch seine Propheten in den heiligen Schriften, über seinen Sohn, der aus der Nachkommenschaft Davids hervorgegangen ist nach dem Fleische, der eingesetzt ist zum Sohne Gottes voll Macht aufgrund des Heiligen Geistes kraft der Auferstehung von den Toten: Jesus Christus, unser Herr, 5.durch den wir Gnade und Apostelamt empfangen haben, um für seinen Namen Gehorsam des Glaubens zu bewirken unter allen Heiden, unter denen auch ihr seid als solche, die von Jesus Christus berufen sind; an alle Geliebten Gottes und berufenen Heiligen, die in Rom sind, Gnade sei euch und Friede von Gott, unserem Vater, und dem Herrn Jesus Christus! (Röm. 1,1-7)

Jesus ist nach der Kraft des heiligen Geistes in die Machtstellung des Gottes Sohnes eingesetzt seit seiner Auferstehung von den Toten. Und durch diesen Jesus Christus hat Paulus Gnade und Sendungsauftrag erhalten. Auch hier ist die Taufe Jesu Vorbild seiner eigenen Legitimation. Doch die Ernennung des Paulus vollzieht nun der auferstandenen Jesus Christus anstelle des Heiligen Geistes. Er ist es nun, der Paulus Gnade und Sendungsauftrag übergibt. Doch diese Konstruktion weist wieder auf ein anderes Problem: So betont Paulus, Jesus Christus habe seit der Auferstehung die göttliche Stellung inne. Und meine Frage ist nun bekannt? Wer hat als erste den Auferstandenen verkündet? Die Frauen am Grab! Aus dem Bedürfnis des Paulus, die Frauen am Grab als erste Zeuginnen und religiöse Autorität zu seinen Gunsten zu verdrängen, argumentiert er religiös, und in dieser Situation ist dies nicht legitim!

In Römer 3,24 tritt die göttliche Gnade als die Offenbarung des göttlichen Heilswirkens, welches den Zorn Gottes überwindet und den Menschen, der nach dem Gesetz sündigt, im Glauben errettet. Nach Rudolf Bultmann ist Zorn Gottes (orge theou) Gottes Gericht, das sich allezeit vollzieht. Dieses ist also ohne zeitliche Bestimmtheit das göttliche Strafgericht (Röm. 4,15). Demgegenüber ist Gnade (charis) nicht seine bisher unbekannte oder verkannte gnädige Gesinnung, sondern sein jetzt sich ereignender Gnadenerweis und in der Zeit richterlichen Waltens das gnädige Handeln des Richters. Ulrich Wilckens betont das doch jetzt (nuni de) in Röm. 3,24, das zeigt, dass mit Gnade Gottes ein Gegensatz zu Zorn Gottes zum Ausdruck kommt und zwar im Sinne, "dass die Gerechtigkeit Gottes sich an ebenden Ungerechten auswirkt, die seinem Zorn bereits allesamt verfallen sind." Und weiter unten: Das Perfekt als "vollendete Gegenwart" enthält das Präsens in sich, aber umgreift es. Die Gerechtigkeit Gottes, die zugleich mit seinem Zorn im selben Akt der Verkündigung des Evangeliums offenbar wird (Röm. 1,17.18), ist in der "Jetztzeit offenbar (3,21), ihre Offenbarung ist also ein Geschehen, das, indem es den gesamten "Zeit-Raum" der Gegenwart bestimmt, den ihr entgegenwirkenden Zorn je und je als vergangen offenbar. Zum Zorn Gottes schreibt Ulrich Wilckens: 

Im Stil apokalyptischer Gerichtsverkündigung lässt Paulus unter dem Aspekt des Endgerichts hervortreten, welches die Situation der gesamten Menschheit vor Gott ist: Die Menschen haben sich der in der Schöpfung wirksamen Gegenwart Gottes verweigert, so dass diese ihnen nun verschlossen ist. Ihr Widerspruch gegen Gott manifestiert sich in der Verweigerung des Dankes und Lobpreises, in der sie im Götzendienst Gott zu sich herabziehen und den Schöpfer zum Geschöpf, zu ihrem Geschöpf machen. Der Widerspruch gegen Gott aber wirkt sich zugleich gegen sie selbst aus, indem die Menschen einander benutzen müssen, um sich die im Bruch mit dem Schöpfer fehlende Menschlichkeit auf Kosten der andern zu verschaffen. Statt aber den Hunger nach Leben stillen zu können, geraten sie so nur immer tiefer hinein in die Unmenschlichkeit. Als Feind Gottes wird der Mensch des Menschen Ausbeuters.

"Als Feind Gottes wird der Mensch des Menschen Ausbeuters". Aber liegt diese Ausbeutung nicht letztlich im zornigen Gott begründet? Wenn ich an die Völkermorde denken, an die Zerstörung Israels oder die Ausschaltung der Frauen aus dem religiösen Bereich? Und kann man Wie wir gezeigt haben, ist Paulus durchaus bereit, Schatten zu integrierten, aber nur innerhalb eines Männerkreises: Wenn er von sich sagen kann, er habe die Christen verfolgt, dann hat er vor allem die Männer im Blick, die als Autoritäten der jungen Christengemeinde auftraten. Betrachten wir nun Römer 1,18-3,20 so ist hier das gleiche Schema zu erkennen, den Menschen unter der Sünde und unter dem Zorn Gottes sind zwar alle Menschen gemeint, aber im Blick hat er die Männer, und vor allem die Lehrer und Anführer. Und in diesen Bereich gehört auch Gottes Handeln, Paulus handelt nur den bedrohlichen Aspekt des Grossen Vaters ab, unter ihm ist der Mensch ein Todgeweihter. In Römer 3,24 kommt wie in I. Kor. 15,6 das grosse Aufatmen unter der Gnade sind wir die Geretteten, die Gerechtfertigten. Doch unter welchem Preis? Apolutrosis (V. 24) impliziert ja auch den Preis, der bezahlt wird, um Gefangene und Sklaven freizukaufen und gegen unsere Theologen ist dieser Aspekt eben doch im Text gemeint. D.h. mit "Erlösung" im Sinne von Freikauf drängt der verdrängte Komplex an die Oberfläche des Bewusstseins. Jolande Jakobi stellt den unbewussten Komplex grafisch wie folgt dar:

AA =


BB =

CC =
DD =
Bewusstseinsschwelle, die auf der punktierten Stelle eingebrochen ist  und sich ins Unbewusste gesenkt hat.
Der Weg des aufsteigenden Komplexes (= Archetyp)
Bereich des Bewusstseins
Bereich des Unbewussten

Die Vorstellung von Paulus über die göttliche Gnade ist auch im Alten Testament thematisiert. So heisst es, wo die Gnade (häsäd) herrscht, wirkt der Zorn Gottes nicht mehr so vernichtend.

Heutige Theologen betonen, die Sprache von Römer 3,24-26 orientiere sich am Alten Testament und an den antikjüdischen Schriften, wo Gott kein Opfer annimmt. Dabei beziehen sie sich auf die alttestamentlichen Propheten, die sich in diese Richtung äusserten. Doch liest man die Erzählungen in den alttestamentlichen Geschichtsbüchern, so werden über ganze Stämme und Völker im Namen Jahwe den Bann verhängt, d.h. getötet. Gerade diese Erzählungen bekunden, dass die Theologen im Alten Testament grosse Mühe hatten, den destruktiven Aspekt Jahwes zu erfassen. In Römer 1 bis 3 rollt Paulus diese alttestamentliche Problematik wieder neu auf, sieht dessen destruktiven Macht in der Gnade Gottes überwunden (Römer 3,24), doch flugs kommt sie aus der Hintertür wieder herein, nun völlig verdrängt in der Gestalt der Grossen Mutter, die durch den "Sühnedeckel" (Hilasterion) durchschimmert.

Da der Begriff Hilasterion in Römer 3,25 unvermittelt als unbewusster Komplex bei Paulus auftaucht, schwingen in dieser unbewussten Unkontrollierbarkeit auch heidnische Komponenten mit. So bezeichnet Hilasterion in der hellenistisch heidnischen Welt die Opfergabe an eine erzürnte Gottheit.

Auffallend ist ja auch, wie Paulus das Hymnusfragment dort aufgreift, wo es triumphierend beginnt: "Gott hat ihn öffentlich hingestellt". Dieses "öffentlich hinstellen" erscheint wie die These zu einer Antithese des Verborgenden, zur Lade, die sich im absoluten Dunkeln befindet. Einst stand sie im absoluten Dunkeln des Allerheiligsten, dann, trotz ihrem Verschwinden bei der Zerstörung des 1. Jerusalemer Tempels mottete sie weiter im antikjüdischen Unbewussten und drückt in unserem Hymnusfragment wie eine Eiterbeule an die Oberfläche, erahnbar durch den Deckel, dem Opfer, unter dem sie sich verbirgt.

Hier kann man sich auch fragen, ersetzt Hilasterion wirklich das Kreuz? Ist nicht der Sarg, in dem der tote Jesus lag, die eigentliche Aussage von Hilasterion? Und wer suchte den toten Jesus im Sarg auf? Die Frauen am Grab. Diese waren ja von den Jüngern Jesu auch die Einzigen unter dem Kreuz. Diese Tatsache suchten die Hymnusautoren und Paulus zu verdrängen. An der Stelle der Frauen griffen sie auf ein alttestamentliches Motiv zurück, das Motiv der verschlingenden Mutter.

9. ZUSAMMENFASSUNG

Der Idee der Sühne (Hilasterion) liegt der Kreuzestod Jesu zugrunde. Aus dem Wort "öffentlich hinstellen" (protithestai) soll nach heutigen Exegeten der Kreuzestod als öffentliche Manifestation göttlichen Heilshandeln verstanden werden. Dieses Heilshandeln steht im Gegensatz zur kultischen Sühnehandlung, die im Allerheiligsten des Jerusalemer Tempels vom Hohenpriester vollzogen wird, der allein Zutritt in diesen Raum hat. Der Kreuzestod Jesu kann demgegenüber von aller Welt wahrgenommen werden.

Doch meines Erachtens findet sich eine Verschiebung der Erzählung von Tod und Auferstehung statt. Denn Hilasterion ist der Deckel auf der heiligen Lade (aaron) respektive eines kultisch verehrten Sarges. Mit Hilasterion müsste also sinngemäss von Jesus im Grab oder Jesus über dem Grabe gemeint sein. In dieser Situation wäre Jesus bereits der Auferstandene. Doch dieses Ereignis hat genauso im Geheimen stattgefunden wie das rituelle Sühnopfer. Nur stand ihm kein Hohepriester oder Apostel oder sonst ein männliches Oberhaupt gegenüber, sondern Frauen erlebten hier in der Grabeshöhle das Geheimnis des Mysteriums.

In der Aussage von Römer 3,25 sind also zwei Motive miteinander vermischt. "Öffentlich hinstellen" (protithestai) lässt zwar an die Öffentlichkeit des Kreuzestod denken, doch weist der Begriff dann im Zusammenhang mit Hilasterion auf etwas Heimliches hin, etwas Verborgenes, das vom Hilasterion zugedeckt wird, der heiligen Lade. Sarg steht hier allgemein für das Weibliche, das aus dem patriarchalen Denken ausgeschaltet werden soll. Der unter dem Hilasterion verschwundene Sarg soll also auch die Frauen am Grab als erste Zeugen des Auferstandenen ausschalten. Denn verdrängte Inhalte haben die Tendenz sich in archaischer Form, hier also im Sarg zu manifestieren.

Es ist auch nicht von ungefähr, dass Paulus dieses Motiv aufgreift. Denn er hat vorher in mehr als zwei Kapiteln erläutert, dass der Mensch nicht durch das Gesetz Heil erwirbt. Das Gesetz (die Thora) wird aber im antiken Judentum mit der Weisheit (chokmah) gleichgesetzt. Daher ist in der Überwindung des Gesetzes durch die neue göttliche Heilstat auch die wichtige weibliche Grösse im antikjüdischen Glauben, der Weisheit, überwunden. Doch damit ist sie nicht einfach weg, sondern erscheint genau dort wieder, wo die Heilstat Gottes als allem Übergeordneten erscheint: Im Kreuzestod Jesu überwindet Gott seinen Zorn mit seiner Gnade. Gnade (charis) ist Ausdruck des hebräischen ra'chamaim (Erbarmen). Ra'chamaim ist der Plural von rächäm ("Mutterschoss"). Die Gnade Gottes ist in Römer 3,24 eine Eigenschaft Gottes, mit deren Hilfe Gott seinen Zorn hinter sich lässt. Doch in der befreienden Tat taucht plötzlich, unbeabsichtigt die archaischste Form des Weiblichen auf. Zwar nicht sichtbar, vom Hilasterion verdeckt wie einen Schleier taucht die Lade unvermittelt als Todesaspekt der weiblichen Gottheit auf. Doch ist ihr Todesaspekt nicht wie den Jahwe endgültig, sondern impliziert die Wiedergeburt, die Auferstehung.



Text revidiert 30.12.2001, Design neu gestaltet:
01.08.03



© Esther Keller-Stocker, Horgen-Zürich (Schweiz)

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