AUFERSTEHUNG

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  Maria Magdalena

BILD VON FRA BEATO ANGELICO (15. JAHRHUNDERT)



INTERPRETATION

ÜBER FRA BEATO ANGELICO

 

engelFra Beato Angelico wurde 1387 (vielleicht auch etwas sp�ter) in der N�he von Florenz auf den Namen Guido di Piero geboren. Er wuchs im fruchtbaren Mugellotal inmitten bunter Fr�hlingswiesen auf. Diese Gegend �bte sp�ter einen grossen Einfluss auf seine Malerei aus. �ber seine Jugend und seine Heimat ist wenig bekannt. Erst 1433, als er bereits ein grosser Meister war, erhalten wir Nachricht �ber seine Kunst.

Der junge Guido di Piero trat 1407 unter dem Namen Fratello Giovanni ins Dominikanerkloster in Fiesole ein. Doch verbrachte er die ersten 10 Jahre seines M�nchsseins in Coriona bei Arezzo, dessen landschaftliche Berglage die von Fiesole noch �bertraf. Zur�ck in Fiesole wirkte der K�nstler in der kl�sterlichen Stille, umgeben von der bl�henden Natur, in der Frische des Bergwindes in religi�ser und musischer Hingabe dem Geist volkst�mlicher, sp�tmittelalterlicher Fr�mmigkeit verpflichtet: Madonnen- und Heiligengestalten in zarter Anmut, im Glanz des Goldes und der leuchtenden, Buntheit der Farben sind das un�bertroffene Beispiel seiner bewusst religi�sen Haltung (Oertle). Als die Dominikaner in das gr�ssere,�renovierte Kloster San Marco in Florenz �bersiedelten, bemalte Fra Giovanni deren R�umlichkeiten. Acht Jahre lang schm�ckte er in unerm�dlicher Ausdauer die S�le und Refektorien, die Kreuzg�nge und fast alle Zellen mit seinen Fresken. Paul Schubrig schreibt:

In unendlicher Variation stellte er die Heilsgedanken der Passion und Dominikanertheologie, die innige Verherrlichung der Gottesmutter und die Leiden der M�rtyrer vorf�hrend dar. In diesen Fresken erhebt sich Fra Giovanni zu einer W�rde, Gr�sse und Monumentalit�t, die ihn an die Seite der Besten stellt. Der Verzicht auf alles Nebens�chliche l�sst die Szene einheitlich und erhaben wirken; das M�nnliche hat im Kloster nat�rlich Vortritt, aber wo von Maria die Rede ist, da bricht gesammelte Z�rtlichkeit und schw�rmerische Verehrung durch.

Die Fresken im Kloster San Marco in Florenz sind der H�hepunkt seines Lebenswerkes und zugleich der reinste Ausdruck seines k�nstlerischen Wollens. 1445 rief Papst Eugen IV. den M�nch nach Rom, um eine Kapelle im verfallenen Vatikan auszumalen. Sieben Jahre lang blieb Fra Giovanni in Rom. In den Sommermonaten weilte der K�nstler auf dem Berg von Orvieto, um der Bruthitze Roms zu entgehen. Dort begann er den Dom auszumalen, allerdings ohne sein Werk zu beenden. 1452 kehrt er noch einmal in sein Heimatkloster San Marco zur�ck, doch verstarb er 1455 in Rom.

Zu seinem Beinamen Beato Angelico kam er wegen seinen Engeldarstellungen. Im fr�hen 19. Jahrhundert wurde die Beatifizierung des K�nstlers in der romanischen Kunsttheorie als Legitimationsgrundlage katholischer Restauerationsbestrebungen wieder aufgegriffen.

1. DAS BILD "AUFERSTEHUNG"

1.1 DIE ANORDNUNG DES BILDES

engel

Das Ereignis der Auferstehung tritt uns als Dreieck aus dem dunklen Halbrund der H�hle entgegen. Die H�hle erscheint als eine in sich geschlossene, dunkle, verborgene Welt. Das Bild erinnert an die Malerei in vorgeschichtlicher Zeit in den H�hlen im franko-kantabrischen Raumes. Diese Fresken zeigen uns, dass schon seit jeher die H�hle als universaler Mutterschoss erfasst wurde: Aus dem Berg, aus dem m�tterlichen Urschoss wird uns das g�ttliche Licht geboren. Das Dreieck erinnert an die christliche Trinit�t, doch erf�hrt es hier eine andere Interpretation: Das Dreieck symbolisiert die Geburt des G�ttliche, aber nicht als Geburt eines Kindes sondern als Geburt einer Idee in der Gestalt eines Mannes. Die Geb�rende ist Maria Magdalena. Ihre Augen sind in die Tiefe gerichtet, in die abgr�ndige Finsternis, aus der in ihr das Bildnis als Idee vom Auferstandenen aufsteigt.

In Dreiecken, die die christliche Trinit�t darstellen, hat es h�ufig ein g�ttliches Auge. In unserem Bild manifestiert das Dreieck das Auge der H�hle als Manifestation des g�ttlichen Urschosses. In diesem Auge spiegelt sich die neue Sch�pfung der Grossen Mutter, das Ewig Wahre, die Auferstehung des Toten. Und dabei erinnert das Bild irgendwie an den Prolog des Johannes. Dort steht:

Im Anfang war das Wort,
und das Wort war bei Gott
und Gott war das Wort.
Alles ist durch Ihn entstanden,
und ohne Ihn entstanden
ist nichts von dem, was besteht.
In Ihm war das Leben,
und das Leben war der Menschen Licht.
Und das Licht scheint in der Finsternis,
doch die Finsternis hat es nicht angenommen.
(Johannes 1,1-5)

Der Prolog orientiert sich am Bild von Licht und Finsternis, das die Antike vom Persischen Reich �bernommen hatte. Dem Licht ist das Gute zugeordnet, der Finsternis das B�se. Beato Angelico gestaltet im sp�ten Mittelalter das Bild aber in ihrer urt�mlichen Art, n�mlich das Licht ist aus der Finsternis geboren, aus dem Urschoss der Mutter. Im Gegensatz zum Johannesprolog entspringt hier der lichte Logos dem m�tterlichen Urschoss. Doch existiert er nicht allein sondern ist umgeben von vier Frauen und dem Engel. Der Logos, d.h. der Auferstandene, erscheint im lichten Gewand wie es auch der Engel anhat. Die Farbe ihrer Gew�nder bilden mit der Farbe des Sarges eine Einheit - eine Dreiheit von Mutter und ihren beiden S�hnen, wie sie zu Beginn der Geschichte eine grosse Rolle gespielt hatten.

Der Sarg symbolisiert wie die H�hle den verschlingenden und wiedergeb�renden Aspekt der Grossen Mutter. Sie wird vertreten durch ihre irdische Repr�sentantin Maria Magdalena, aus deren Kopf der Auferstandene entspringt. Sie ist die irdische Tr�gerin der neuen Gottesidee. Dabei vertritt sie nicht wie die Mutter Jesu die Muttergestalt sondern den weiblichen Geistaspekt. Doch diese Frau hat in einem patriarchalem System keinen Platz und wird zum Stein des Anstosses, auch f�r den K�nstler, der in seiner Gesinnung patriarchalisch bleibt. So ist die H�hle nicht Offenbarungsort f�r Maria Magdalena sondern f�r Petrus, der am Rande des Bildes kniet.

Petrus tr�gt einen Stern in seiner Aureolie. Mit ihr bezeichnet der K�nstler den Erleuchteten. D.h. im Bild "Auferstehung" ist Petrus der Erleuchtete, von dessen Zeugnis das Christentum abh�ngt. Auch f�llt das Gewand Petri auf, er kniet in der Tracht des Dominikanerm�nchs am Boden. Damit sucht der K�nstler Petrus mit dem Ordensgr�nder Dominikus in Verbindung zu setzen. Doch letztlich finden wir in Petrus den K�nstler selber wieder, der die Vision in seinem Bild wiedergibt. Gegen�ber Petri erscheint Maria Magdalena als Seelenbild, durch das Petrus zu seiner Erkenntnis kommt. Dabei erscheint sie nach dem platonischen Ideal gef�rbt als die Reine und Sch�ne, deren Verkl�rtheit wir sonst in den Marienbildern des K�nstlers finden.

Trotz der patriarchalen Umdeutung bleibt Maria Magdalena die Tr�gerin der Gottesidee wie sie auch in allen vier Evangelien dargestellt wird. Charles Dodd kommentiert anhand von Matth�us 28,1-10 das Ereignis wie folgt:

Hier findet sich nichts Naives, vielmehr eine reflektierte, subtile, h�chst feinf�hlige Ann�herung an die Tiefen menschlicher Erfahrung. Diese Geschichte ist nie aus einem gemeinsamen Traditionsbestand hervorgegangen, sie besitzt eine packende Individualit�t. Anscheinend haben wir nur zwei Alternativen: entweder es handelt sich um eine freie einfallsreiche Komposition, die sich auf die blosse Tradition einer Erscheinung vor Maria Magdalena st�tzt und die mit der in Mt. 28,9-10 dargestellt verwandt ist, oder aber die Geschichte kam auf h�chst eigent�mlichem Weg direkt von der Quelle, und der Erz�hler stand dieser nah genug, um die Nuancen des urspr�nglichen Erlebnisses zu erfassen. es w�re gef�hrlich, hier dogmatisch zu werden. Die F�higkeit, psychologische Vorg�nge einfallsreich und mit �berzeugendem Einblick darzustellen, kann man einem Autor nicht absprechen, dem wir die meisterhaften Charakterrollen von Pontius Pilatus und der Frau aus Samaria verdanken. Ich muss gestehen, dass ich mich auf die Dauer des Gef�hls nicht erwehren kann (es kann mehr als ein Gef�hl sein), dass diese Perikope auf undefinierbare Weise etwas wie aus erster Hand an sich hat. Sie steht jedenfalls f�r sich. In den Evangelien gibt es nichts Vergleichbares. Gibt es irgend etwas Vergleichbares in der gesamten antiken Literatur?

Charles Dodd ist einer der wenigen Theologen, die im Osterbericht ein historisches Ereignis sieht. Andere Theologen erfahren die Begebenheit als nachtr�glich arrangierte mythische Erz�hlung. Doch wer sollte sp�ter bei zunehmender Patriarchalisierung der Christengemeinde ein Interesse an einer solchen Nacherz�hlung gehabt haben?

Die M�he, die M�nner in der Realit�t der Theophanie vor Maria Magdalena bekunden, liegt in ihrer Psyche. Tatsache ist, dass M�nner die Evangelien aus m�ndlichen �berlieferungen aufgeschrieben haben. F�r einen Mann ist Frau auch Manifestation seiner weiblichen Seelenh�lfte, die seine mystisch-mythische Seite klingen l�sst. Die Frage ist nun, wieweit ein Mann seine weibliche Seelenh�lfte aus dem kollektiven Unbewussten in sein Ich-Bewusstsein integriert hat. Je gr�sser das Gef�lle zwischen seinem m�nnlichen Ich und der weiblichen Seelenh�lfte ist, umso mehr erh�lt die Frau mythische Z�ge.

Fra Giovanni zeigt mit seinem Bild eine differenzierte Darstellung des Weiblichen. Nehmen wir zun�chst den Sarg, als Symbol der Grossen Mutter. Sie steht auf der Grundlinie des Dreiecks und ist die Bedingung der Auferstehung. Nicht Gott ist es, der Jesus zur Auferstehung verhilft, sondern die Grosse Mutter - Ohne Sarg keine Auferstehung. Nur wer sich dem m�tterlichen Todesaspekt aussetzt, wird den Gott erfassen. In unserem Bild ist es einzig Maria Magdalena, die in die g�hnende Leere schaut, in die unendliche Finsternis des Todes des m�tterlichen Urschosses. Und so bildet sie die Hauptachse im Bild. Sie, die vor dem Sarg steht, verdunkelt sich nicht sonder erstrahlt wider Erwarten im Licht. Und ihr schneeweisses Kopftuch wird zum leuchtenden Gegenpol der abgr�ndigen Schw�rze. Und aus dem reinen Licht des weissen Kopftuchs entsteht das Bildnis vom Toten, der nun als Geist �ber dem Haupte der Maria schwebt. Sarg, Maria Magdalena und der Auferstandene nehmen die Mitte des Raumes ein und dabei verbindet Maria Magdalena als Mensch Himmel und Erde in Gestalt des Auferstandenen und des Sarges. Der Auferstandene geh�rt zum Sarg wie das Kind zu seiner Mutter. Doch repr�sentiert er auch Gott, der nach judenchristlicher Tradition im Himmel wohnt. Und Himmel ist hier die obere Seite der H�hle, die obere H�lfte des m�tterlichen Urschosses. Im Bild ist also nicht im Wahne des Patriarchats die Materie abh�ngig vom Geist sondern umgekehrt, der Geist von der "Materie", der Mutter.

Andererseits stellen Maria Magdalena und der Auferstandene ein Paar dar, das Urpaar in seiner ewig g�ttlichen Umarmung. Als Ritus finden wir die Vorstellung von der g�ttlichen Vereinigung mit den Menschen �berall auf der Welt. In alt�gyptischen Texten wird die rituelle Vereinigung des Gottes Amun mit der K�nigin zur Zeugung des weiblichen Pharaos Hatschepsut beschrieben. Im Alten Testament kennen wir die Vereinigung von himmlischen Wesen mit einer irdischen Frau negativ beurteilt (I. Mose 6,1-4). Doch indirekt und subtiler sind im Alten Testament Erz�hlungen vorhanden, wonach Jahwe sich selber mit einer irdischen Frau verbindet und mit ihr den lang ersehnten Auserw�hlten zeugt (I. Mose 18; Richter 13; I. Sam. 1). Im Neuen Testament wird die Zeugung des Jesuskindes im Matth�usevangelium kurz erw�hnt (Matth. 1,18), bei Lukas ausf�hrlich erz�hlt (Luk. 1,26ff.). Doch das Bild von Fra Giovanni erz�hlt uns eine Kopfgeburt - Eine Kopfgeburt, die ganz anders verl�uft, als die in der Religionsgeschichte so bekannte Kopfgeburt von Athene und Ares, die aus dem Kopf des Zeus entsprungen sind. Beim widernat�rlichen Ereignis von Zeus spaltete Prometheus als Geburtshelfer den Kopf des Gottes, um den beiden Gotteskinder den Weg frei zu bahnen. Ganz anders in unserem Bild, nicht durch Gewalt und Verbrechen, Zeus musste n�mlich zuerst die schwangere Ehegattin Methis verschlingen, wird der neue Gott geboren, sondern durch die Hingabe eines weiblichen Menschen. In ihrer Hingabe �berwindet sie das Grauen des Todes und wird belohnt durch einen neuen g�ttlichen Inhalt. Dies ereignet sich, wie oft G�ttergeburten in der H�hle, im Urschoss der Mutter, heimlich, um den Zorn des Grossen Vaters nicht auf sich zu ziehen, in dessen patriarchalen Logik Frauen eine solche geistige Tat nicht f�hig sind. Und so denke ich, ist es nicht von ungef�hr, dass im Matth�us- und Lukasevangelium an Stelle der Kopfgeburt die Geburt des Jesuskindes tritt. Die Mutter Maria ersetzt mit der Geburt Jesus die Leistung von Maria Magdalena und verweist den Frauen auf diese Weise auf ihren Platz, die sie patriarchalisch gesehen als Mutter in der Gesellschaft hat.

1.2. ZAHLEN

engel

Die Frauen sind im Bild links angeordnet. Links signalisiert die unbewussten Seite, die unbekannte Seite des Patriarchats. Das Patriarchat orientiert sich an der rechten Seite, an der Petrus kniet. Er ist der einzige, der im Patriarchat als Zeuge auftreten darf. Links, lateinisch sinister ist gleichbedeutend mit dunkel, unheimlich. Links ist der dunkle Fleck im patriarchalen Bewusstsein, tabu. Doch wie es Sigmund Freud ausdr�ckt, ist tabu immer auch heilig. Doch statt das das Unbekannte, Unheimliche, Geheimnisvolle darzustellen, repr�sentieren die vier Frauen Menschen - Menschen, die man �berall trifft. Sie sind vier an der Zahl. Vier ist die Zahl der Ganzheit aber auch die Zahl des kollektiven Unbewussten. Es ist ein anderes Symbol f�r das Grosse Runde, das die H�hle darstellen soll. Das Runde der H�hle manifestiert sich im Bild auch im viereckigen �ffnung des Sarges, aus dem das Neue in ewiger Unbewusstheit kreist, bis es heraustritt als Idee, die die Welt ver�ndert. Diese Idee ist hier eins mit ihrer Tr�gerin, Maria Magdalena. Maria Magdalena, die aus dem Viererkreis der Frauen herausgetreten ist, ist die einzige der anwesenden Menschen, die mutig dem Grauen begegnet und daf�r vom ewigen Licht belohnt wird.

Auf der anderen Seite des Sarges sind die drei m�nnlichen Figuren in einer Gerade angeordnet. Im Gegensatz zu den vier Frauen sind zwei der m�nnlichen Figuren Geistgestalten. Die Dreizahl im Bild erinnert an die christliche Trinit�t von Gott Vater, Sohn und Heiligem Geist. Doch auch diese Vorstellung ist hier abgewandelt als Gott, himmlischer Bote und irdischer Zeuge. Die K�pfe der m�nnlichen Gestalten erscheinen als Punkte einer Geraden. Sie symbolisiert die patriarchale Sukzession vom H�chsten zum Tiefsten, vom Auferstandenen �ber den Engel zu Petrus. Da aber H�chste aus dem Kopf der Maria Magdalena entspringt, nimmt sie unter den Menschen den h�chsten Platz ein. So kennzeichnet die Zahl Drei auch die L�ngsachse in der Mitte des Bildes durch den Sarg, Maria Magdalena und dem Auferstandenen. Nach antiker Lehre repr�sentiert der die S�ule in der Mitte die Weltachse, das Zentrum der Welt und wurde durch einen heiligen Baum dargestellt. In diesem Bild sind also der Auferstandene, Maria Magdalena und der Sarg die eigentliche Trinit�t. Auf menschlicher Ebene ist Maria Magdalena die Hauptperson. Durch sie erf�hrt Petrus die Auferstehung. Er schaut auch nur auf sie und ebenso geht eine subtil angeordnete Gerade durch den K�rper Maria Magdalenas, den Engel und Petrus. Da diese Gerade durch die K�rper geht, repr�sentiert sie die Gef�hlsebene. Gef�hl und Frau bedeutet f�r den patriarchalen Mann einmal Sexualit�t, Konflikt und Strafe, andererseits verk�rpert die Frau die vision�r begabte weibliche Seelenh�lfte des Mannes und ber�t ihn aus ihrer Sicht. So standen prophetisch begabte Frauen schon immer am Anfang einer Neuorientierung an der Spitze der Bewegung.

Doch die Zahl Drei kommt im Bild auch in anderer Kombination vor. So ist die Gesamtheit des lichten Teiles des Bildes als Dreieck angeordnet. Das Dreieck repr�sentiert die Offenbarung der Grossen Mutter und die Geburt ihres Sohnes. In diesem Sinne erinnert das Bild an das Fruchtbarkeitssymbol der altorientalischer Muttergottheit.

Die beiden im neben stehenden Bild angef�gten Amulette zeigen die Fruchtbarkeitssymbole, in denen die Aspekte der Grossen Mutter, Gesicht, Br�ste und Scham eingeritzt sind. Aus Othmar Keel, G�ttinnen, G�tter und Gottessymbole

Das Dreieck im Bild von Fra Giovanni ist weit differenzierter als die altorientalischen Abbildungen. Zwar tritt die Grosse Mutter in ihrer archaischsten Form als H�hle und Sarg auf. Doch der g�ttliche Geistaspekt wird von den Frauen vertreten: In seiner h�chsten Vollendung durch Maria Magdalena in der Vereinigung mit dem Auferstandenen und durch die drei Frauen, die im Engel, ihrer Animusfigur die neue Wirklichkeit erfahren.

Die beiden hier angef�gten Amulette zeigen die Fruchtbarkeitssymbole, in denen die Aspekte der Grossen Mutter, Gesicht, Br�ste und Scham eingeritzt sind. Aus Othmar Keel, G�ttinnen, G�tter und Gottessymbole die Frage dahin gekl�rt, dass nicht der Priester als Mensch sondern der Heilige Geist, der durch ihn wirkt, die Spende�der Sakramente legitimiert. In diesem Verst�ndnis kann man das Teilhaben der drei Frauen als Ausdruck g�ttlicher Weisheit verstehen, die dem unterschiedlichen menschlichen Verstand gerecht wird.�Alle weiblichen und m�nnlichen Gestalten zusammengez�hlt ergibt die Zahl 7. Sieben ist die Zahl der Totalit�t, f�r Augustinus stand die Zahl Sieben f�r universitas (Gesamtheit, Weltall) und perfectio (Vollkommenheit). Diese Totalit�t liegt hier in der H�hle, im g�ttlichen Mutterschoss begr�ndet.

1.3. WENN H�NDE SPRECHEN

engel

Betrachtet wir die H�nde der einzelnen Figuren, so f�llt auf, dass die drei Frauen neben Maria Magdalena ihre Kleider oder das Salb�l festhalten. Ganz anders Maria Magdalena: Um des toten Jesus zu finden, �berwindet sie Angst und Schrecken und ber�hrt mit der einen Hand den Sarg, die andere h�lt sie an die Stirne. Man weiss nicht, will sie die tiefsten Winkel ergr�nden oder sich des ihr entgegenschlagenden Lichtes erwehren. Auf alle F�lle sind ihre H�nde frei. Die Situation der abgebildeten Frauen erinnert an das Gleichnis der zehn weisen und t�richten Jungfrauen, die dem Br�utigam nachts entgegenkommen:

Dann wird das Reich der Himmel zehn Jungfrauen gleich sein, die ihre Lampen nahmen und dem Br�utigam entgegengingen. F�nf aber von ihnen waren t�richt, und f�nf waren klug. Die t�richten n�mlich nahmen ihre Lampen und nahmen kein �l mit sich. Die klugen dagegen nahmen ausser ihren Lampen �l in ihren Gef�ssen mit. Doch als der Br�utigam ausblieb, wurden sie alle schl�frig und schliefen ein. Mitten in der Nacht aber erscholl ein Geschrei: Siehe, der Br�utigam! Gehet hinaus ihm entgegen! Da erwachten alle jene Jungfrauen und r�steten ihre Lampen. Die t�richten aber sagten zu den klugen: Gebet uns von eurem �l, denn unsere Lampen verl�schen! Da antworteten die klugen: Es m�chte f�r uns und f�r euch nicht reichen; gehet vielmehr zu den Kr�mern und kaufet euch! W�hrend sie aber hingingen, um zu kaufen, kam der Br�utigam; und die welche bereit waren, gingen mit ihm hinein zur Hochzeit, und die T�re wurde verschlossen. Sp�ter kamen dann auch die �brigen Jungfrauen und sagten: Herr, Herr, �ffne uns! Er aber antwortete und sprach: Wahrlich, ich sage euch: Ich kenne euch nicht. Darum wachet! Denn ihr wisst weder den Tag noch die Stunde. (Matt. 25,1-13)

Unser Bild scheint dieses Gleichnis eigenwillig eine neue Interpretation zu geben. So repr�sentiert die Grabesh�hle das Himmelreich. Und die bei Matth�us erw�hnten weisen Jungfrauen werden zu t�richten, weil sie pflichtbewusst die vollen �ldosen bei sich tragen, sich an ihnen festzuhalten, w�hrend Maria Magdalena diese Pflicht vergass? Und trotz oder gerade wegen diesem Mangel ist sie als einzige den himmlischen Br�utigam nahe.

Nichts in den H�nden hat auch der M�nch. Dem�tig kniet er am Boden, die H�nde �ber der Brust gelegt und schaut auf Maria Magdalena. Seine H�nde sind genauso gefaltet wie es der K�nstler in einem anderen Bild, die Verk�ndung, an Maria, der Mutter Gottes, anbringt. Die Mutter Gottes empf�ngt wie die drei Frauen am Grab von einem g�ttlichen Boten die frohe Botschaft ihrer Empf�ngnis, die sie voll Demut und Gehorsam von der g�ttlichen �bermacht annimmt. In gleicher Weise �bernimmt Petrus die Botschaft der Auferstehung von Maria Magdalena. In dieser Position ist in Petrus der K�nstler zu erkennen, der mit dem Bild seine eigene Erleuchtung darstellt. Er kniet da in seiner M�nchstracht, aussen der schwarze Mantel, darunter das weisse Hemd. Das weisse Hemd erinnert an das Gewand der zwei himmlischen Gestalten. Weiss ist auch die �ussere Farbe des Sarges. Das Weiss der Hemden der Geistgestalten und des Sarges erscheint wie aus Marmor gemeisselt. Marmor ist der Stein des Heiligen, dem ewig Wahren, Lichten. Das hier gestaltete Wahre ist eigentlich Rebellion gegen die traditionelle Kirche. Maria Magdalena als eigentliches Oberhaupt der Kirche. Doch diese ist so versteckt im Traditionellen, dass sie offenbar nicht wahrgenommen wird, nicht einmal vom K�nstler selber. Und so widerspiegelt die schwarz weissen Gew�nder Petri auch die traditionelle Kirche. Und die Reinheit des Weissen ohne die weibliche Erfahrung und Seins verkommt zur Ideologie, zum ewig Starren und Bornierten. Und so repr�sentiert das schwarz-weisse Gewand des Klerus mit ihrem h�chsten Vertreter des Papstes. Weiss ist hier die Farbe der Prinzipien, der Dogmen und des Todes.

Betrachten wir nun die zwei himmlischen Gestalten. Der Engel sitzt im theatralischen Gehabe auf dem Sarg und tr�gt den Frauen durch seiner H�nde unterst�tzt das grosse Ereignis vor. Seine Haltung, seine Fl�gel verk�nden Dynamik. Doch in seiner marmorn weissen Gestalt sieht er dem Sarg �hnlich, ist erstarrt in Stein, erstarrt in �berlieferung und Tradition. Er ist eine typische Animusfigur. Als solcher verk�rpert er die patriarchale Realit�t f�r die Frauen aber auch ihre geheimsten W�nschen. Jung, h�bsch und akademisch gelehrt ist er. Seine Erotik verh�llt er im reichen Gewand, unter dem sein spitzes F��chen hervorlugt. Seine F��chen sind in rote Pant�ffelchen geh�llt, sie haben etwas zungen- , schlangenhaftes, sind im Patriarchat Signal des Verbotenen. So bekommen die Frauen das F��chen gar nicht zu sehen. Und so sitzt er da reich verh�llt wie die Frauen und verk�ndet, ja doziert mit �berlegener Gestik den Frauen das, was Maria Magdalena unmittelbar neben ihnen erf�hrt.

Im Gegensatz zur weiblichen Weichheit der Engelsgestalt ist der Auferstandene ein Mann. Sein K�rper ist nat�rlich ebenfalls verh�llt, doch betont hingebungsvoll den Frauen zugewendet. Hingabe ist die Botschaft, die er den Frauen verk�ndet, aber nicht durch Dozieren sondern durch seine leibliche Zuwendung. In der rechten Hand h�lt er den Hirtenstab als Zeichen der Macht. Einer Macht, die den Schwachen vor dem Starken sch�tzt, im Patriarchat die Macht, die Frauen vor dem Vereinnahmung von M�nnern sch�tzt. In der linken Hand h�lt er die gr�ne Feder, die Feder der Maat, der alt�gyptischen Weisheits- und Gerechtigkeitsg�ttin. Einst war sie die m�chtige G�ttin der kosmischen Weltordnung, zu dessen Tr�ger er nun geworden ist. Die gr�ne Farbe der Feder l�sst aber auch an Osiris denken, dem gr�nen Gott, in dessen Tod Leben und Fruchtbarkeit entsteht. Die gr�ne Farbe findet sich wieder in den Kleidern der Frauen und signalisiert ihre fruchtbare Verbindung zum ewigen Gott.

2. MARIA MAGDALENA

2.1 MARIA MAGDALENA UND DIE D�MONEN

engel

Die drei Frauen neben Maria Magdalena sind in reichen Gew�ndern geh�llt, die ihren K�rper traditionell versteckt. Ganz anders das Kleid von Maria Magdalena, das ihre Weiblichkeit stark betont. Der Vergleich zeigt, dass hier nicht nur �ussere Konventionen dargestellt werden, sondern auch die innere Einstellung der Frauen zu ihrer Weiblichkeit. Maria Magdalena steht zu ihrer Weiblichkeit trotz der schmerzlichen Erfahrung als Frau auf der Welt zu sein. So berichtet Lukas, sie sei besessen gewesen von sieben D�monen (Luk. 8,2). D�monen verk�rpern den negativen Aspekt des Patriarchats. Diese riefen ihr immer wieder zu: "Du nicht - weil weiblich!" und trieben sie so in den Wahnsinn. Die D�monen widerspiegeln die negative Haltung der M�nner ihrer Zeit, die Jesus von Nazareth hat. �berwunden hat. Die vorbildliche Demut, wie sie etwa eine kanaan�ische Frau (Matth. 15,21-28) seiner antikj�dischen Arroganz entgegenhielt, zwangen ihn zur Umkehr in seine Seele und zur Integration seiner eigenen unbewussten Weiblichkeit. Mit der Integration der eigenen Weiblichkeit hatte es Jesus nicht mehr n�tig, Frauen zur Projektionsscheibe einer eigenen minderwertigen Weiblichkeit zu machen. Deshalb konnte er auch den d�monischen Bann �ber Maria Magdalena brechen. Im Auferstandenen manifestiert sich nun ihr achter D�mon, einer der sie in liebender Hingabe begleitet und besch�tzt. Der D�mon der Maria Magdalena erinnert an den des�weltber�hmten griechischen Philosophen Sokrates. Doch anders als beim ber�hmten Philosophen suchen unsere Gelehrte ihr den Auferstandenen auszutreiben. So schreibt Ulrich Wilckens etwa:

So deutet Markus am Schluss seines Buches an, wo die Erkenntnis, wer Jesus in Wahrheit sei, ihren legitimen Ursprung habe nicht im Munde der Frauen sondern in dem der J�nger. Die Frauen haben in ihrer Furcht die Botschaft des Engels nicht verstanden; so blieb die grosse Kunde noch verborgen. Erst durch die Erscheinung des Auferstandenen selbst ist sie offenbar geworden, und seine J�nger, Petrus an ihrer Spitze, sind es gewesen, die sie zuerst verk�ndigt haben! (Auferstehung, S. 53)

Anders schreibt etwa Eugen Drewermann:

Daher ist gerade diese Frau aus Magdala, diese Verzweifelte, die ersten, die dem Herrn begegnet. Der �Erste� in der Bibel ist stets der Tr�ger, die Symbolgestalt dessen, was wesenhaft und generell f�r alle Menschen gilt

In unserem Bild ist das Kopftuch der Maria der weisseste leuchtendste Punkt des Gem�lde. Unweigerlich erinnert es mich an Paulus, der von den Frauen verlangt, einen Schleier zu tragen. Als Begr�ndung gibt er an, dass das Haupt jedes Mannes Christus sei, das Haupt der Frau aber der Mann. M�nner entehren ihr Haupt, wenn sie beim Beten oder aus Eingebung reden. Umgekehrt ist es bei der Frau, sie soll beim Beten oder wenn sie aus Eingebung redet, das Haupt verh�llen. Seine Begr�ndung: Der Mann ist das Abbild Gottes, die Frau aber nur das Abbild des Mannes, weil die Frau um des Mannes willen erschaffen wurde und nicht umgekehrt. Doch dann bricht Paulus ab, sich wohl der christlichen Gleichheit besinnend und argumentiert das Tragen des Schleiers anders:

Deshalb soll die Frau eine Macht (d.h. Schleier) auf dem Haupte haben um der Engel willen. Doch ist im Herrn weder die Frau ohne den Mann noch der Mann ohne die Frau. (I. Kor. 11,1-11)

Das Bild von Fra Beato Angelico erscheint im Vergleich zur Forderung des Paulus wie eine Provokation, wie wenn er dessen Forderung ins richtige Licht setzen m�sste: Gerade das Kopftuch (Schleier) einer Frau ist der Ursprung des Geistes, ohne den auch Paulus seine Theologie nicht h�tte schreiben k�nnen.

2.2. MARIA MAGDALENA UND DIE ALTTESTAMENTLICHE WEISHEIT

engel

Maria Magdalena im Bild von Fra Beato Angelico erinnert auch stark an die alttestamentliche Weisheit. Wie diese steht sie am Anfang einer neuen g�ttlichen Sch�pfung. Als ersten Theologen der neuen Kosmosordnung, die von der Gestalt des Auferstandenen repr�sentiert wird, vertritt sie diesen Gott auf Erden. Dieses Motiv stammt von der antikj�dischen Interpretation von der Weisheit. Die Weisheit repr�sentiert ebenfalls ihren Gott auf Erden. So betete der imagin�re K�nig Salomo zur Weisheit

Strahlend und unverwelklich ist die Weisheit;
leicht wird sie erschaut von denen, die sie lieben,
und gefunden von denen, die sie suchen.
(Weisheit Salomos, 6,12)

Strahlend steht Maria Magdalena hinter dem Sarg. Der M�nch sieht sie als einziger und kniet vor Ehrfurcht am Boden. Es ist als ob er das Ersehnlichste erschaut, die Verk�nderin des Auferstandenen, die irdische Manifestation der Weisheit.

Alles, was es nur Verborgenes und Sichtbares gibt, erkannte ich; denn die Werkmeisterin aller Dinge, die Weisheit, lehrte es mich. In ihr wohnt ein vernunftvoller, heiliger Geist, einzigartig, mannigfaltig und fein, beweglich, klar und unbefleckt, zuverl�ssig und unverletzlich, dem Guten zugetan und kraftvoll, unhemmbar, wohlt�tig. (Weisheit Salomos (7,21f.)

Maria Magdalena findet sich im Verborgensten, im Totenreich, wo sich kein Mensch freiwillig aufh�lt. Dorthin folgt ihr der M�nch, der K�nstler selber, um sich von ihr belehren zu lassen.

Sie erstreckt sich machtvoll von einem Ende (der Welt) zum anderen und durchwaltet das All aufs beste. (Weisheit Salomos 8,1)

Maria Magdalena erstreckt sich in ihrer Botschaft �ber die ganze Welt. Doch sie und ihr Wissen weilen im Verborgenen, weil vom patriarchalen Bewusstsein nicht akzeptiert.

Von meiner Jugend an habe ich die Weisheit
geliebt und gesucht;
ich begehrte sie als meine Braut heimzuf�hren,
und wurde ein Liebhaber ihrer Sch�nheit.
Ihren edlen Ursprung tut sie dadurch kund,
dass sie mit Gott in vertrautem Verkehr steht,
und der Herr des (Welt-)Alls liebt sie.
Sie ist ja eingeweiht in Gottes Wissen
und trifft die Auswahl unter seinen Werken.
(Weisheit Salomos 8,2-4).

Die ewige Sehnsucht nach der Weisheit als der wundersch�nen g�ttlichen Frau, die man in ihrem Glanze nur bewundern und begehren darf, weil sie einem anderen, dem H�chsten geh�rt, bringt auch der K�nstler mit seinem Bilde zum Ausdruck.

2.3. MARIA MAGDALENA VOR DEM OFFENEN SARG

engel

Magdalena vor dem offenen Grab im Zentrum des Bildes erinnert an den Hohepriester von Levitikus 16. Dieser tritt einmal im Jahr, am Vers�hnungstag, vor die Bundeslade im Allerheiligsten des Jerusalemer Tempels. Im Gegensatz zum Hohenpriester tritt Maria Magdalena nur einmal in ihrem Leben und f�r die gesamte Christenheit einmalig f�r alle Ewigkeit vor den offenen Sarg.

Nach dem Priesterkodex war die Bundeslade mit einem S�hnedeckel, kapporeth, verschlossen. Maria Magdalena steht aber vor dem offenen Sarg. Sie hat keinen Deckel n�tig, den sie vor dem Abgrund sch�tzt, denn der Abgrund ist ihr das Patriarchat mit seinen D�monen.

Der Hohepriester bringt Opferblut vor die Gotteslade und besprengt ihn damit. Das Blut ist das magische Elixier, das zur S�hne vor der Ladegottheit gesprengt wurde, zur kultischen Reinigung der Priesterschaft, des Volkes und des ganzen Tempelareals. Maria Magdalena ben�tigt kein Blut. Sie geht hin mit leeren H�nden, sich selber als Opfer, daran erinnert auch ihr rotes Kleid. Doch ihr rotes Kleid erinnert auch an ihren Monatsfluss, ihre kultische Unreinheit, die es ihr aus patriarchaler Sicht verbietet, an dieser Stelle zu stehen. Doch all diese Klischees weichen vor Gott zur�ck, welcher in seiner menschlichen Existenz blutfl�ssige Frauen heilt. Die richtige Einstellung vor dem Sarg ist Hingabe, die den Tod �berwindet. Doch diese Forderung geschieht nicht als g�ttliches Diktat, um sich selbst und seinen Namen zu huldigen. Im Gegenteil die Forderung ist begr�ndet im Kreuzestod als Beispiel der rechten Gesinnung.

Statt das Opferblut bringt Maria Magdalena sich selber, ihre Hingabe und ihren Mut, mit vor das offene Grab und wagt es auch ihre Hand auf das offene Grab zu legen, um in die unergr�ndliche Tiefe des Todes zu schauen. Offensichtlich tritt sie mit der richtigen Einstellung an das Grab, denn sie stirbt nicht wie angeblich die beiden S�hnen Aharons, die mit falschem Feueropfer vor Jahwe getreten und daf�r vom Zorn Gottes get�tet worden seien (III. Mose 10,1-2). Auch nicht wie der Priester Uzza, welcher die Lade vor ihrer Zerst�rung st�tzen wollte (II. Sam. 6).

Maria Magdalena vor dem offenen Grab erinnert auch an das Hymnusfragment in R�mer 3,25: Dort wird Christus mit dem S�hnedeckel (Hilasterion) im Allerheiligsten des Jerusalemer Tempels verglichen. Aber statt im Verborgenen des Jerusalemer Tempels zu weilen, sei der S�hnetod Jesu am Kreuz f�r alle sichtbar geworden. Doch die Verbindung des S�hnedeckels (Hilasterion) mit dem Kreuzestod birgt eine Verschmelzung zweier Begebenheiten. Der alttestamentliche S�hnedeckel liegt n�mlich �ber der Bundeslade, die traditionellerweise als Sarg gedacht war. Dass heisst die urspr�ngliche Idee des Hymnusfragments (R�m. 3,25) denkt an den Sarg, von der die Verk�ndigung ausgeht und erst in einer weiteren �berlegung an den Kreuzestod. In der jetzigen Fassung des Hymnus sind die Frauen, die als erste den leeren Sarg sahen, verdr�ngt. An ihrer Stelle tritt der unbewusste patriarchale Komplex, die archaische Mutter, die sich in der antikj�dischen Tradition mit der Bundeslade verbindet. Doch auch sie wird verdr�ngt. Sie ist nur durch den S�hnedeckel sichtbar, das mit dem Opfer, Christus, verschmilzt.

Als der neue Hohepriester vertritt Maria Magdalena im Bild auch das Urspr�ngliche, das im Namen des Hohenpriesters Aaron zum Ausdruck kommt. Im Alten Testament gibt es drei ganz �hnlich lautende Begriffe, 1. Aharon der Name des Hohenpriesters, 2. Aaron der Begrif f�r die Bundeslade und 3. hiess der Priesterk�nig der vordavidischen Jebusiterstadt eigenartigerweise Aruna. Die drei Begriffe sind sich so �hnlich und erinnern an den Ortsnamen Aruna, von wo die hethitische Staats- und Sonneng�ttin stammte.

Helmuth Uhlig zeigt, wie die Hethiter, welche Anatolien eroberten, die Ureinwohner nur in das hethitische System integrieren konnten, in dem sie die m�chtige Mutterg�ttin Wuruschemu von Aruna als h�chste staatliche und k�nigliche Instanz �bernahmen. Als Wahrerin der hethitischen Staatsordnung wachte sie �ber das hethitische Grossreich, das im 2. Jahrtausend v. Chr. von der anatolischen Hochebene bis nach Pal�stina reichte. In der Auseinandersetzung mit den anderen Grossreichen wurde ihre Bedeutung zur�ckgedr�ngt und durch eine m�nnliche Sonnengottheit ersetzt. Martin Noth hat gezeigt, dass sich altisraelitische St�mme unter einer Gottheit, die uns als "Bundeslade" (hebr�isch aaron berith)�bekannt ist, zu B�ndnissen zusammenschlossen. Meines Erachtens verbirgt sich aber hinter dem Begriff aaron (Lade) aber die Sonneng�ttin von Aruna.

Beachten wir nun das weisse Kopftuch Maria Magdalenas: Aus ihm erhebt sich der Gedanke Maria Magdalenas als Sonne. Und so verkn�pft der mittelalterliche K�nstler unbewusst die urspr�ngliche Gottesvorstellung, die Vorstellung der Sonneng�ttin, mit den christlichen Inhalten. Dies liegt nahe, denn auch die Alteurop�ische Sonnengottheit war weiblich. Im Bild von Fra Beato Angelico wird Maria Magdalena zur Repr�sentantin der Sonneng�ttin, denn auf ihrem Kopf tr�gt sie den hellsten und weissesten Punkt im ganzen Bild.

Als Repr�sentantin der Sonneng�ttin weist sie der Menschheit den richtigen Weg. Ein Gedanke, welcher auch im Alten Testament von der Weisheit verk�ndet wird:

Ruft nicht die Weisheit vernehmlich?
erhebt nicht die Einsicht ihre Stimme?
Oben auf den H�hen am Wege,
da wo die Pfade sich kreuzen, steht sie.
Zur Seite der Tore am Ausgang der Stadt,
am Eingang der Pforten ruft sie laut:
�Euch, ihr M�nner, gilt meine Predigt,
an die Menschenkinder geht mein Ruf......�
(Spr�che 8,1-4)

Um das Wort Gottes zu verk�nden, steht die Weisheit wie eine altorientalische Dirne in den Gassen. Das heisst, die Weisheit als unabh�ngige Frau kann vom alttestamentlichen Theologen nur als erotisch anz�gliche Frau vorgestellt werden. Dies w�re an sich nicht schlimm, wenn nicht andererseits konkrete Frauen, die sich als Prostituierte verdingen mussten, um sich und ihre Familien durchzubringen, verurteilt wurden (Jesus Sirach 9). Auch in der christlichen Tradition hat es sich von Anfang an durchgesetzt, in unabh�ngigen Frauen Dirnen zu sehen. Dies gilt bekanntlich auch von Maria Magdalena. Dass Maria Magdalena in den Evangelien als Dirne erscheint, scheint mir ein patriarchaler Trick zu sein, um ihre Bedeutung bei der Entstehung des Christentums herunterzuspielen - man disqualifiziert sie einfach moralisch und dann kann sie aus patriarchaler Sicht theologisch nicht relevant sein!

In unserem Bild erkennt sie in der Stille der H�hle den Auferstanden und tr�gt Petrus/dem K�nstler das Erschaute als Botschaft zu. Sie wirkt in der Stille, in der Finsternis, w�hrend Chokmah (Weisheit) in den l�rmigen Strassen die Botschaft ihres Gottes verk�ndet. Chokma soll in den uns �berlieferten Texten als blosses Werkzeug Gottes gelten, doch steht sie ihm als eigenst�ndige Gr�sse gegen�ber. Im Prolog des Johannesevangeliums wird sie mit Christus identifiziert, doch wirkt sie in den Frauen weiter, die in der Nachfolge Christi F�hrungsrollen �bernahmen. Darauf hat Martin Scott gewiesen. In dieser dominanten Stellung steht nun Maria Magdalena. Sie ist der Erste Christ und das eigentliche christliche Vorbild. Sie die im Christentum immer als die Grosse S�nderin dasteht erinnert im Bild auch an den Spruch Jesus: Die Letzten werden die Ersten sein!

Die alttestamentliche Chokmah ist st�ndig in Bewegung und tanzt vor Gott, um Jahwe zu gefallen. Maria Magdalena tanzt nicht sondern steht vor dem offenen Grab und h�lt vor dem Sarge inne. Was sie erschreckt und fasziniert ist nicht ein m�nnliche Gott sondern die abgr�ndige Tiefe des Todes, den verschlingenden Aspekt der Grossen Mutter. Maria Magdalena ist nicht im Tanz mit Gott vereint sondern angesichts des Schreckens und des Todes. Schrecken und Tod nimmt der Betrachter des Bildes im finsteren Halbrund der H�hle wahr, die Vereinigung von Gott und Mensch in den hellen Schleifen �ber den Gew�ndern der beiden Gestalten, des Auferstandenen und der Maria. Das dunkle Halbrund und die im Raum versetzten hellen Schleifen bilden vage einen Kreis und damit die Vereinung der Gegens�tze von Licht und Finsternis. Dieser Gegensatz und ihre bildliche Manifestationen versinnbildlichen die Theophanie der Grossen Mutter.

3. DER AUFERSTANDENE

3.1. DER HEILIGENSCHEIN DES AUFERSTANDENEN

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Im Bild ist der Kopf des Auferstandenen umgeben von einem roten Kreuz in einem Heiligenschein. Betrachten wir zun�chst das Kreuz und seine Symbolik: Das Kreuz ist eines der weit verbreitesten und �ltesten Symbole der Welt. Die Arme des Kreuzes repr�sentieren die Zahl Vier und spielt beim Verst�ndnis der vier Himmelsrichtungen eine grosse Rolle. Die Kreuzung der beiden Arme entsprechen der Durchdringung zweier entgegengesetzter Bereiche, des Himmels mit der Erde oder der Zeit mit dem Raum, das Leben mit dem Tod. Das Kreuz steht auch als Zeichen des Scheideweg, der wichtigen Entscheidungen des Lebens, aber es ist auch der Ort, wo sich die Wege der Toten und der Lebenden kreuzen. Das urspr�nglichste Symbol des Kreuzes d�rfte die Darstellung der Tag- und Nachtgleichen und der Sonnenwende gewesen sein. Das Kreuz des Auferstandenen ist umgeben von einem Kreis, dem Rad. Im Rad erscheint das Kreuz als dessen Speichen und wird damit zum typischen Sonnensymbol, das man bei asiatischen und germanischen V�lkern begegnet. Im Christentum erhielt das Kreuz durch den Kreuzestod Christi die besondere Bedeutung g�ttlichen Leidens und Triumphes. In der Psychologie versteht man das Kreuz als Symbol der Vereinigung unbewusster Gegens�tze und ist Ausdruck sich widerstrebender Kr�ften, die im Leiden erfahren und ausgehalten werden. Dabei wird der Auferstandene als seelisches Urbild verstanden, das in sich die widerstrebenden Kr�ften vereint und dem Leiden Sinn gibt.

Der Vorl�ufer des christlichen Auferstandenen ist der alt�gyptische Totengott Osiris. Von ihm schreibt Gregoire Kolpaktchy:

Der alte �gypter war fasziniert, hypnotisiert vom R�tsel des Todes. Das ganze Weltall war f�r ihn ein grandioser, kosmischer Sarkophag, in dessen Mitte sich Osiris befand, der gefallene kosmische Mensch, gefesselt, eingekerkert, paralysiert. Sein Leib war den Kr�ften des B�sen preisgegeben. Er war identisch mit dem "Ersten Menschen" der Gnostiker und des Mani, mit dem Adam Kadmon der Kabbala, als der Protagonist der kosmischen Urtrag�die. Das "g�tige Wesen" wurde geopfert, preisgegeben; und dieses Opfer bleibt bis auf heute r�tselhaft und voll Geheimnis...
Osiris, der kosmische Gottmensch, ist die Achse des Weltalls. Die Trag�die seines Todes ist das Symbol des urkosmischen Welteneinsturzes. Hinter der Legende, welche uns Plutarch mitteilt, vermag man die Umrisse einer uralten esoterischen Realit�t zu erkennen, welche allen grossen Weltreligionen zugrunde liegt. ....... (Gregoire Kolpaktchy, Das �gyptische Totenbuch, S. 14f. )

Der Auferstandene repr�sentiert die neue Sonne, die die Tyrannei der alten Sonne �berwunden hat. Er �berwindet die g�ttliche Tyrannei patriarchaler Egozentristik, wie sie das Alte Testament beschreibt, in dessen Namen die f�rchterlichsten Gr�uel passieren und Frauen unter dem Diktat der M�nner stehen. Es ist also nicht von ungef�hr, wenn eine Frau den neuen Gott denkt. Mit�dem Erscheinen des Auferstandenen soll eine neue Herrschaft entstehen, eine Herrschaft, in der die Schwachen gesch�tzt werden und zu ihren Rechten kommen.

Das rote Farbe des Kreuzes erinnert noch an die Aggression des alten Gottes, der im eifers�chtigen Zorn sein Volk als seine Ehefrau zu Tode schikaniert. Im Kreuz erf�hrt die rote Farbe eine Wandlung, sie wird zur Farbe der Liebe, der Ordnung der Gleichwertigkeit, die Farbe des fruchtbaren Neubeginns.

Der Auferstandene seinerseits ist eingeh�llt im Lichte, das vom Kopftuch der Maria Magdalena ausgeht. Er ist ihre Idee vom neuen Gott. Das Licht als Idee erinnert an das antike Verst�ndnis von eidos. Im Neuplatonismus verstand man unter Ideen die immanenten dynamischen Urbilder des als erstes aus dem Ur-Einen hervorgehenden Geistes (nous). In ihrer Gesamtheit sind sie das Sein des Geistes. Im christlichen Verst�ndnis sind die Ideen Urbilder aller geschaffenen Dingen die ewigen und unver�nderlichen Gedanken Gottes. Alles Seiende hat Dasein und Bestand nur durch Teilhabe an ihn.�Dieser Gedanke kennen wir aus dem Prolog zum Johannesevangelium. Im Gegensatz zur luftigen Verst�ndnis vom johann�ischen Logos und dem Auferstandenen wird er im Bild "Auferstehung" auf eine konkrete irdische Basis gesetzt: Eine Frau denkt sich den Logos. Da sie im patriarchalen Bewusstsein verdr�ngt wird, teilt sich der Auferstandene wie verselbst�ndigt dem Petrus mit. Im Bild sucht Maria Magdalena ihren toten Geliebten und fand den Auferstandenen, die g�ttliche Idee. Damit ger�t sie selber in den Bann des g�ttlichen Mysteriums, das im Alten Orient weit verbreitet war. Es ist das Mysterium der G�ttin (Isis, Anat), die ihren toten Geliebten sucht und um ihn trauert (Osiris, Baal) oder seinen Feind t�tet (Moti). Doch auch ein anderes Mysterium schwingt im Bild mit, die Geburt des neuen Lichtes, des neuen Gottes. Der neue Gott kommt normalerweise als Kleinkind in einer H�hle zur Welt. In den christlichen Apkokryphen wird dieses Motiv der Mutter Jesu �bertragen und n der Renaissance ist es ein h�ufiges Motiv, so bei Leonardo da Vinci mit seinen eindr�cklichen Marienbilder, die nach Sigmund Freud auch auf die Problematik der Kindheit von Leonardo da Vinci zur�ckgeht und auf dessen Homosexualit�t hinweist. Leonardo da Vinci und das geheimnisvolle L�cheln seiner Frauenbilder sind uns weit bekannter als die Bilder von Fra Beato Angelico. Und dies wohl deshalb, weil sie eher unserer durchschnittlich psychischen Konstellation entspricht. Das Bild "Auferstehung" von Fra Beato Angelico ist rund 50 Jahre �lter als die Marienbilder von Leonardo da Vinci und wird zum sp�ten Mittelalter gez�hlt, doch kann es mit Leichtigkeit mit den modernsten psychologischen und feministischen Ideen Schritt halten.

3.2. DIE ENTSTEHUNG DES LOGOS, DIE ENTSTEHUNG DER WEISHEIT

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Es ist allgemein bekannt, dass die Entstehung der Weisheit in Spr�che 8,22-31 dem Evangelisten Johannes als Vorlage f�r seinen Prolog diente. So schreibt Martin Scott in "Sophia and the Johannine Jesus":

There can be little doubt that one of the earliest significant images used by the Christian Church to help define the relationship of Jesus to God was the Jewish figure of Wisdom. While Paul, the Synoptics and the author of Hebrews may spring to mind as the clearest examples of the direct adoption of Wisdom as a �Christian� category, the author of John was no less interested in this aspect of Jesus� relationship to God. It may rightly be said that Jesus only thought of himself as a messenger of Wisdom, but it is nevertheless clear that the New Testament writers applied the concept of Wisdom in varying degrees directly to Jesus, and that they ultimately saw it as an appropriate vehicle for expressing the pre-existence of Christ. What is perhaps most remarkable is not the fact that these writers thought of Jesus as the embodiment of God�s Wisdom, but that they felt able to take over what we have seen to be an entirely feminine image in both the Old Testament and later Jewish writings, and apply it without apparent difficulty directly to the masculine figure, Jesus. It might have been open to question whether these authors were conscious of a problem at this point, or whether they merely regarded the gender of Jesus or Wisdom as unimportant in the quest for an adequate Christology, buth the last chapter has shown that, at least for some ewish wirters of the era immediately before and spanning the writing of the New Testament, the gender of Sophia was important as an issue in the discussion of her role. In this chapter I hope to demonstrate that the question of gender is not lightly passed over, at least by the author of the Fourth Gospel, but is rather of great significance especially in relation to the adoption of the Logos motif in the Prologue (S. 83f.)

In diesem alttestamentlichen Text erz�hlt die Weisheit von ihrer Entstehung:

Jahwe schuf (1) mich, seines Waltens Erstling,
als Anfang (2) seiner Werke seit jeher.
Von Ewigkeit her bin ich gebildet (4)
von Anbeginn, vor dem Ursprung der Welt.
Noch ehe die Meere (3) waren, ward ich geboren (5),
noch vor den Quellen, reich an Wasser.
Bevor die Berge eingesenkt wurden,
vor den H�geln ward ich geboren.�
Noch hat er die Erde nicht gemacht noch die Fluren,
noch die ersten Schollen des Erdreichs.�
Als er den Himmel festigte, war ich dort,
als er den Horizont absteckte �ber der Urflut (6),
als er die Wolken droben instand setzte
und die Quellen der Urflut stark machte,
als er dem Meer seine Schranken setzte,
dass die Wasser seinen Befehlen gehorchten,
als er die Grundfesten der Erde legte,
da war ich als Liebling (7) ihm zur Seite,
war lauter Entz�cken Tag f�r Tag
und spielte vor ihm allezeit,
spielte auf seinem Erdenrund
und hatte mein Erg�tzen an den Menschenkindern.

Dass hier Chokma von Jahwe erschaffen worden ist, wird von Exegeten bezweifelt. So betont Felix Christ, dass Spr�che 8 urspr�nglich nur von der Weisheit handelt und erst sekund�r mit dem alttestamentlichen Gott in Verbindung gebracht wurde. Er schreibt:

Die Weisheit wurde als Erstling vor aller Welt erschaffen. Im Zusammenhang von Prov. 8 betont das Motiv der Ersterschaffenheit das Alter der Weisheit. Der Satz von der Erschaffung der Weisheit durch Gott ist eine j�dische Korrektur der mythischen Vorstellung von der Selbst�ndigkeit der Weisheit. W�hrend die Weisheit Hi. 28,23 und Bar. 3,32.36 "gefunden wird, wird sie hier und Sir. 1,1; 4,9; 24,3.8.9 "geschaffen". Das Judentum musste die "Gattin Gottes" irgendwie Jahwe unterordnen. So wurde aus der Genossin Gottes eine Tochter, ein Gesch�pf oder eine Eigenschaft Jahwes. (Felix Christ, Jesus Sophia, S. 25)

Einzelne Motive des Gedichts sind sehr interessant und deshalb habe ich sie nummeriert, um nun auf die einzelnen Motive einzugehen:

1) "Jahwe schuf mich"
Qnh kann erschaffen aber auch erwerben, kaufen, loskaufen heissen. So kann der erste Vers �bersetzt werden mit "Jahwe hat mich als Erste erworben auf seinem Wege. Auch in Ezechiel 16 kommt dieses Motiv vor. Hier fand Gott auf dem offenen Felde ein neugeborenes M�dchen, Jerusalem, welches er sp�ter zur Frau nimmt.

2) als Anfang seiner Werke seit jeher
Q�d�m heisst Anfang, aber in erster Linie Osten. Qu�d�m im Sinne von Osten und Anfang weist auf den Sonnengott, welcher am Morgen (= Anfang) seine Bahn zieht.

3) als Anfang seines Weges seit jeher
Im Originaltext, Spr�che 8, steht ale-d�r�k. D�r�k wird in der Z�rcher Bibel mit "Werke" �bersetzt heisst aber Weg, der Weg, welcher der Sonnengott mit seiner Equippe auf seinem Tagesschiff durchf�hrt.

Bewaffne dich mit Maat, Urheber dessen, was es gibt, Sch�pfer dessen, was ist...
Du gehst auf mit Maat, du lebst von Maat, du f�gst deine Glieder zu Maat, du gibst,
dass Maat auf deinem Kopfe thront, dass sie Platz nimmt auf deinem Haupt.
Deine Tochter Maat, du erstehst bei ihrem Anblick, du lebst vom Wohlgeruch
ihres Taues. Maat legt sich als Amulett an deinen Hals, setzt sich auf deine Brust ...
Dein rechtes Auge ist Maat, dein linkes Auge ist Maat, dein Fleisch und deine Glieder
sind Maat. Du gehst durch die beiden L�nder mit Maat, du gehst, indem deine H�nde Maat
tragen. Dein Gewand ist Maat, das Kleid deiner Glieder ist Maat, du isst Maat, du
trinkst Maat, dein Brot ist Maat, dein Bier ist Maat .. Der Atem deiner Nase ist Maat.
(Aus "Wesen und Geschichte der Weisheit" von H. H. Schmid)

In Spr�che 8,22 trifft Jahwe die Weisheit zu Beginn seines Weges und sie begleitet ihn auf seiner Bahn. Das erinnert stark an den alt�gyptischen Text, wonach Maat den Gott Re auf seiner Sonnenbahn begleitet.

Im Bild steht Maat mit Isis vorne auf dem Sonnenschiff und wacht dar�ber, dass die Kosmosordnung eingehalten wird ( Wadi Sebua, LD III, 181). Aus Othmar Keel, Die Welt der altorientalischen Bildsymbolik und das Alte Testament, S. 189.

Jahwe kommt im Alten Testament h�ufig als Sonnengott vor. Dies habe ich in der Interpretation zu I. Mose 18 am Begriff mhr gezeigt. Jahwe tritt aber auch in Ezechiel 16, das hier in den Spr�chen anklinkt, im Motiv eines Sonnengottes auf:

Da ging ich bei dir vor�ber und sah dich zappeln in deinem Blute und sprach zu dir, wie du dalagst in deinem Blute: "Bleibe leben und wachse heran wie das Gespross des Feldes (Ezechiel 16,6f.)

Er zieht entlang seiner Himmelsbahn und sieht auf dem Felde das neugeborene M�dchen liegen. Es steht dann in seiner Macht, das M�dchen am Leben oder in seiner Gluthitze ausdorren zu lassen. In Hiob 28 wird das Motiv "Gott findet die Weisheit" umgekehrt und auf den Menschen und seiner Beziehung zur Weisheit verwendet:

Doch die Weisheit - wo ist sie zu finden?
Wo ist die St�tte der Erkenntnis?
Der Mensch kennt nicht den Weg zu ihr
sie ist nicht zu finden im Land der Lebendigen (V. 12f.)

4. In Ewigkeit bin ich gebildet (nks)
Nsk bedeutet "ein Gussbild giessen", somit wurde die Weisheit als "Gussbild gebildet". Klingt da nicht noch die Polemik der Propheten nach, die gegen die G�tzenbilder wetterten? Doch hier ist die Polemik ins positive umgedeutet.

5. Noch ehe die Meere waren, ward ich geboren
Cholalthi (= geboren) weist auf einem Mythos von der Geburt der Weisheit durch Gott Vater und Mutter.�Tehomoth (Meere) ist Plurar von Tehom, dem hebr�isierten Ausdruck f�r Tiamat, der mesopotamischen Urg�ttin. Sie war das Salzmeer, das sich mit Apsu, dem S�sswasser, ewiglich verschmolz und so die G�tter erschuf. So heisst es im mesopotamischen Sch�pfungsmythus Enuma Elis:

Als droben der Himmel (noch) nicht genannt,
Drunten der Grund (noch) nicht benannt war,
Als der uranf�ngliche Apsu, ihr Erzeuger,
Und Mummu-Tiamat, die sie alle gebiert,
Noch ihre Wasser zusammenflie�en lie�en,
Ried nicht entsprossen, Rohrwuchs nicht erschienen,
Von den G�ttern keiner erstanden,
Sie (noch) unbenannt und die Geschicke nicht bestimmt waren, Da wurden in ihrer Mitte die G�tter erschaffen.

6. Als er den Horizont absteckte �ber der Urflut
"Urflut" wird hebr�isch Tehom (Urgew�sser, Urmutter) bezeichnet. "Als er den Horizont absteckte �ber der Urflut" erinnert an Marduk. Dieser besiegte die Urmutter Tiamat und zeriss sie in zwei Teile, in Himmel und Meer. Diese Tat galt als Sch�pfungstat Marduks. Erich Neumann deutet diesen Mythos als Trennung des kollektiven Ich-Bewusstseins (Marduk) vom kollektiven Unbewussten. Dabei geht E. Neumann davon aus, dass der Ich-Komplex stets m�nnlich erfahren wird, das kollektive Unbewusste handelt er meistens als weibliche Gr�sse ab und fixiert damit das Gef�lle von "m�nnlich - Ich - oben" und "weiblich - Unbewusstes - unten". In diesem System vermittelt m�nnliche Ich Sicherheit w�hrend das Unbewusste die permanente Bedrohung darstellt. Doch wenn man vom weiblichen Ich ausgeht, gibt es auch ein anderes Bewusstseinsraster, n�mlich das weibliche Ich-Bewusstsein, dem das kollektive Unbewusste als m�nnliche Gr�sse gegen�bertritt und das vergisst man normalerweise: Das kollektive Unbewusste als m�nnliche Gr�sse in seinem negativen Aspekt, als D�mon und Frauenschl�chter und in seinem positiven Aspekt als Besch�tzer und Erzeuger neuer Ideen.

7. Da war ich als Liebling ihm zur Seite
Alttestamentler �bersetzen Amun mit "Liebling", "Kultt�nzerin" oder "verlobt". Auch k�nne das r�tselhafte Wort mit Werkmeisterin wiedergegeben werden, heisst es. Dabei wird das Wort vom sumerischen Uman (= Architekt) abgeleitet. Felix Christ sieht in diesem Vers eine Korrektur des �lteren Mythologems des Dabeiseins der Gef�hrtin Gottes. H. - F. Weiss vermutet in V. 27-30 den entmythologisierten Restbestand einer �lteren mythologischen Vorstellung von einer weltschaffenden Mutterg�ttin. Doch wieso kann �Amun� nicht identisch sein mit dem �gyptischen Sonnengott Amun/Amon? Dieser wurde zwar immer als m�nnliche Person dargestellt? Doch heisst es auch von ihm, dass seine Gestalt niemand kennt. Als Sonnengott k�nnte er die alte Sonneng�ttin von Aruna aufgesogen haben, die im 2. Jahrtausend vor Christus auch von den alt�gyptischen G�tter Re und Seth ersetzt wurde. Kann also mit der Bezeichnung Amun in Spr�che 8,30 nicht noch das Wissen von der Sonneng�ttin nachklingen?

Gerda Weiler erkennt in den Spr�che 8,22-31 die Grosse G�ttin und ihren Sohngeliebten. Sie �bersetzt den Text wie folgt:

Bevor die Welt geschaffen wurde, war ich da. Ich, die heilige Weisheit.
Ich bin eingesetzt von Anfang her,
von Ewigkeit zu Ewigkeit.
Ich war da, bevor die Erde geschaffen wurde,
da die Tiefen noch nicht waren,
da war ich schon geboren,
da die Brunnen noch nicht mit Wasser quollen.
Ehe denn die Berge eingesetzt waren,
vor den H�geln war ich geboren.
Noch bevor der Himmel feststand,
bevor die Wolken zogen,
bevor das Meer der Erde Grenzen setzte,
da war ich da, ich, die Mutter alles Lebendigen.
Ich bin die Mutter des Gottes,
er spielte auf dem Erdboden vor mir.
Meine Lust ist bei den Menschenkindern.
(Gerda Weiler in
�Ich verwerfe den Krieg in meinem Lande�, S. 395)

Als Ergebnis zu den Motiven in Spr�che 8,22-31 kann gesagt werden, dass die Weisheit urspr�nglich eine unabh�ngige G�ttin war. Die Vorstellung, dass sie noch vor der Urmutter Tehom existiert hat, l�sst an eine pr�historische Muttergottheit denken. Das Sonnenmotiv, das in das Gedicht einfliesst und von Jahwe repr�sentiert wird, l�sst an das alt�gyptische Vorbild von Maat Re-Amon denken. Der Spruch "Ich war Amun ihm zur Seite" l�sst an den unbekannten Gott denken, der normalerweise als m�nnlicher Gott vorgestellt wird, doch auch eine G�ttin meinen kann. Die Weisheit d�rfte also, wie die Bundeslade, auf die Sonneng�ttin von Aruna zur�ckgehen. Die Sonneng�ttin von Aruna geht ebenfalls zur�ck in pr�historische Zeiten.

Die Weisheit ist wie jede g�ttliche Figur aus der Reflexion �ber Unerkl�rbares entstanden. Sie ist zu einer Figur verdichtetet und in unserem Bild wird sie in der Idee von Maria Magdalena zum Mann. Dass beim Auferstandenen eine Umwandlung des Geschlechts stattfand, sieht man an der gr�nen Feder, die urspr�nglich zur Maat geh�rte, der alt�gyptischen G�ttin der Kosmosordnung. Mit der gr�nen Feder weist auch der Auferstandene selber auf die m�tterlichen Kosmosordnung im Sinne einer Gleichwertigkeit der Geschlechter. Solche mutterrechtlichen Gesellschaften soll es zu Beginn historischer Zeit gegeben haben, wie sie etwa Thorkild Jacobsen in "Mesopotamien, Ernest Bornemann in "das Patriarchat" oder Heide G�ttner-Abendroth in "das Matriarchat" beschreiben.



engel

Literatur- und Bildnachweis

  • Link zum Bildnis von Beato Angelico und von mir mit CorelPhotoPaint bearbeitet

  • Bild "Engelreigen" aus Paul Schubrig, Fra Angelico, der Maler und M�nch gescannt

  • B. Oertel, Fra Angelico in RGG Bd. II, Sp. 1011 �Fra Angelico�, vgl. auch Anselm Hertz, Fra Angelico und die Zeitsituation am Ende des 14. Jahrhunderts

  • Paul Schubrig, Fra Angelico, der Maler und M�nch, S. 4

  • Jutta Held/Norbert Schneider, Sozialgeschichte der Malerei vom Sp�tmittelalter bis ins 20. Jahrhundert, S. 144ff.

  • Bild von San Marco unter www.doroundjuergen.de/Florenz/

  • vgl. z.B. Harald Braem, Die magische Welt der Schamanen und H�hlenmaler

  • Wolfgang Bauer/Irmtraud D�motz/Sergius Golowin, Lexikon der Symbole, S. 2 199ff.

  • Vgl. Jutta Held/Norbert Schneider, Sozialgeschichte ...., S. 148: Bei der Verspottung Christi ist der still in sich gekehrte heilige Dominikus Tr�ger der Vision; dies wird durch einen Stern an seiner Gloriole angedeutet, der ein Zeichen seiner Erleuchtung ist, die er bei seiner Lekt�re erf�hrt.

  • Charles H. Dodd, Die Erscheinungen des auferstandenen Christus, 1957, aus "Zur nt �berlieferung von der Auferstehung Jesu", hrsg. von Paul Hoffmann, S. 297ff.

  • Vgl. Mircea Eliade in "Die Religionen und das Heilige - Elemente der Religionsgeschichte"

  • "Die Geburt des Gottk�nigs - Studien zur �berlieferung eines alt�gyptischen Mythos", bearbeitet und kommentiert von Helmut Brunner, 1964

  • z.B. Mircea Eliade, Die Religionen und das Heilige, S. 431

  • Mircea Eliade, Die Religionen und das Heilige, S. 308

  • Manfred Lurker, "Die Botschaft der Symbole", S. 135 von Manfred Lurker

  • C. G. Jung nennt eine solche Frau "femme inspiratrice", sie sei diejenige, die durch ihre Ideen und ihr Wirken M�nner zu Rang und Namen verhelfen, ohne dass diese M�nner realisieren wie ihnen geschieht. Die Tragik solcher Frauen beschreibt Inge Stephan in ihrem Buch "Das Schicksal der begabten Frau im Schatten ber�hmter M�nner".�

  • Hannah Wolff, Der Mann Jesus

  • Marija Gimbutas, Die Sprache der G�ttin, Band I, S. 99ff.; Barbara G. Walker, "Das geheime Wissen der Frauen" unter "H�hle", S. 403ff.

  • Vgl. zum Beispiel auch die M�rtyrergeschichten, wie sie Gabriele Sorgo in "Martyrium und Pornographie" aufgearbeitet hat.

  • Elaine Pagels, Versuchung durch Erkenntnis, S. 40-63

  • �ber die Vereinigung von Maria Magdalena und dem Auferstandenen vgl. Eugen Drewermann, �Maria von Magdala am Grab: Gesehen habe ich den Herrn� in Die Botschaft der Frauen, S. 155

  • Charles H. Dodd, Die Erscheinungen des auferstandenen Christus aus "zur neutestamentlichen �berlieferung von der Auferstehung Jesu, Hrsg. Paul Hoffmann

  • Eugen Drewermann �die Botschaft der Frauen�, S. 175

  • Martin Scott, Sophia and the Johannine Jesus

  • Zur blutfl�ssigen Frau Mark. 5,21ff.; Matth. 9,18ff.; Luk. 8,40ff.

  • Idee in Religion in Geschichte und Gegenwart, Band III, Spalte 562ff





  • Text revidiert 30.12.2001, Design neu gestaltet:
    01.08.03



    � Esther Keller-Stocker, Horgen-Z�rich (Schweiz)

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    esther@estherkeller.ch