DER UROBOROSDER UROBOROS | |
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Erich Neumann hat in seinem Buch „Ursprungsgeschichte des Bewusstseins“ die menschheitsgeschichtliche Entwicklung des Ich-Bewusstseins aus dem kollektiven Unbewussten dargestellt. Dabei geht er aus von der unbewussten Vollkommenheit, die von unserem Bewusstsein im Symbol der Kreisschlange, dem Uroboros, gerade noch wahrgenommen wird. Die Schlange, die sich in den Schwanz beisst, symbolisiert unser kollektives Unbewusste im dynamischen und statischen Aspekt seiner Ganzheit: Diese Ambivalenz kommt darin zum Ausdruck, dass sich die Kreisschlange sich selber auffrisst, aber auch gefressen wird. Sie gebiert sich und wird gleichzeitig geboren. Die Kreisschlange symbolisiert den Zustand vor dem Ursprung des Bewusstseins. Sie ist ewig und unendlich, hat also weder Zeit noch Raum. Der vorbewusste Bereich, der der Uroboros versinnbildlicht, hat weder ein Aussen noch ein Innen, weder ein Oben noch ein Unten, Raum und Zeit fallen in eins zusammen, ebenso äussere und innere Welt. Es gibt keinen Unterschied zwischen Welt und Gott. Tod und Leben sind eins, ebenso weiblich und männlich, gut und böse, Geist und Materie. Weiter sind Finsternis und Licht noch nicht geschieden und Nichts und Alles fallen in eins zusammen. Der Uroboros steht auch da für den ersten Kreis des Bewusstseins und ist gleichzeitig eine Abgrenzung gegen etwas, das dem menschlichen Bewusstsein nicht mehr zugänglich ist, eben die unbewusste Vollkommenheit. Die archetypische Vollkommenheit des kollektiven Unbewussten strebt danach, sich in der konkreten Welt zu verwirklichen. Die Verwirklichung dieser Vollkommenheit findet der Menschen in seiner Ganzwerdung. Der Einzelne integriert seine guten und schlechten Seiten zu einer Ganzheit. So soll nach Helmut Barz auch die negativen Seiten soweit ausgelebt werden dürfen, wie es gegenüber dem Kollektiv noch zu verantworten ist. Das wirklich Negative jedoch, das auch zur eigenen Person gehört, muss der Einzelne ertragen. Das Ertragen des persönlich Bösen ist, so schreibt Helmut Barz, die moralische Leistung des Einzelnen. DAS CHINESISCHE WUCHI
Doch diese eindeutige Zuweisung trägt den Stempel des Patriarchats und ist religionsgeschichtlich nicht haltbar. Ein Beispiel: In vorgeschichtlicher Zeit wurde häufig eine Sonnengöttin verehrt. In Alt-Europa zum Beispiel gibt es unzählige Belege für die Sonnengöttin, die Marija Gimbutas in ihrem Buch "Die Sprache der Göttin" systematisiert hat. Erst zu Beginn der menschlichen Geschichte wurde die Sonnengöttin von einem männlichen Gott verdrängt. Ein schönes Beispiel ist die hethitische Sonnengöttin von anatolischen Hochgebirge, von einem Ort namens Arinna. In meinem Aufsatz zu Römer 3,24-26 zeige ich, dass die Bezeichnung Aruna für die göttliche Bundeslade auf die hethitische Sonnengöttin von Aruna zurückgeht. Allgemein denke ich, die Verbindung von männlich, licht und aktiv ist relativ genauso wie die Verbindung von dunkel, weiblich und passiv. Hell kann genauso gut, passiv und weiblich sein, wie dunkel, aktiv und männlich. Man bedenke nur an das germanischen Märchen, in dem die lichte Prinzessin (Sonne) von einem finsteren Bären (Winter) festgehalten wird und frei kommt, wenn sie ihn küsst respektive heiratet (Frühling). Die Zuordnung von Yin = weiblich und Yang = männlich ist willkürlich. Sie geht zurück auf die "Achsenzeit", die Karl Jaspers zwischen 800 und 200 vor Christus einordnet. Zu dieser Zeit hat sich in allen Hochkulturen das noch heute gültige patriarchale Bewusstseinssystem entwickelt, in China, Indien, im Mittelmeerraum, später auch in der islamischen Welt und im Abendland und zuletzt in Afrika. ANMERKUNGEN
revidiert 9.11.02 Text und Gestaltung: Esther Keller-Stocker, Horgen (Schweiz) Ich freue mich auf Ihren Kommentar, Ihre Anregung! esther@estherkeller.ch |