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KAPITEL VI: EINE GEISTIGE ENTWICKLUNGSSCHICHT IM SPIEGEL DER FELSBILDER VON VALCAMONICA1. Geistiges ErbeWie in vielen Kulturprovinzen, so gibt es auch in Valcamonica das Symbol des Beiles. Das Dreieck gehörte schon zum paläolithischen Kulturgut und wurde überliefert. Fordert es vielleicht an vielen Orten zum Vergleich mit der Beilkinge heraus, so dass sie durch direkten oder indirekten Kontakt Allgemeingut werden konnte? Diese Frage wird wohl offenbleiben müssen. Während auf vielen Felsen in Valcamonica Beile dargestellt sind, spielte auf dem Kultplatz in Cemmo dieses Symbol des Beiles, wie grösse und Stellung beweisen, wohl eine überragende Rolle. Vom hohen Bergmassiv des Monte Concarena (2549 m) sind zwei mächtige Schieferblöcke abgestürzt und ins Tal gerollt, sie blieben in einer Schlucht. bei dem Dörfchen Demmo liegen. Sie wurden bearbeitet, je auf einer Seite mit Petroglyphn versehen und durch megalithische Mäuerchen verbunden. In dieser Talmulde, tief im Erdreich versunken, liegen sie noch heute.
Der Bauer hat ein neues Sinnbild gefunden, das der Jäger nicht kannte, den Wagen. Man sah jetzt im Mondzyklus die Fahrt des Stierwagens über den Himmel, oder den Weg des Stierpfluges, bei dem die Pflugschar als Mondhorn bedeutsam war. Es ist wieder fraglich, von wo aus diese Idee ihren Siegeszug durch die Geistesgeschichte antrat, denn der Stierpflug steht auch auf dem schwedischen Kultfels von Aspeberget bei Tanum. Auf beiden Felsen ist die Art der Darstellung schematisch. Das Zeichen wurde viel früher entwickelt und ist heir nur wiederholt. Gleichförmig steht ein Hirsch neben dem anderen, ein Dolch gleicht dem nächsten, unverbunden füllen sie die Fläche. Eine Ausnahme machen die beiden Gefährte auf dem ersten Felsen. Sie sind aus verschiedenen bekannten Symbolen zusammengesetzt und bringen doch zusammen ein neues Bild. Die Bedeutung der einzelnen Teile bestimmte den Stil der Darstellung. Den Wagenkasten bildet das Viereck, es muss deshalb von oben gesehen werden. Der Ring trug immer den Sinn des Umlaufs. Auch als Rad durfte er seine Form nicht verlieren und musste hochgeklappt als Rundung neben dem Viereck stehen. Die Deichsel formt das Dreieck, und die lurasymbolischen Stiere bilden die Bespannung. Doch man konnte zu jener Zeit ihre Aussage noch lesen und wusste, dass ein solches aus kosmischer Symbolik zusammengesetztes gefährt nicht einen gewöhnlichen Bauernwagen darstelle; jeder Teil beschwört die Weltordnung, und so konnte es nur der "Himmelswagen" sein, und als solcher war er gleichbedeutend mit anderen Sinnbildern. Dieses Gefährt setzt einen Fortschritt der Technik voraus, die Erfindung des Wagens. Die geistige Bewegung verlieh auch der Weltordnung neue Ausdrucksformen. Es gab kein Zurück zu den undifferenzierten Anfängen, aus vielem Bekannten ist etwas Neues geworden. Wieder versuchte man, die Differenzierungen zu überwinden und dem Weltbild einheitliche Züge zu verleihen, und dort setzt das Neue die geistigen Leistungen aller vorhergehenden Generationen voraus. Mit diesem "Himmelswagen" deuten sich neue Denk- und Ausdrucksformen an. Es ist der Aufbruch in eine neue Zeit. Bis jetzt wurde an einzelnen Beispielen das geistige Erbe verfolgt, das auf den Felsen von Valcamonica zum Ausdruck kam. Nun müssen wir nach den geistigen Fortschritten suchen, die sich hier abzeichnen. 2. Geistiger ZuwachsAn die graphisch dargestellte Weltformel der Megalithzeit knüpfte man in Valcamonica an. Das Labyrinth auf dem Felsen von Naquane zeigte schon, wie bedeutungsvoll die Abseite der Welt, das Jenseits, war, das man immer mit der Existenzfrage verknüpfte. Es scheint, dass man sich in Valcamonica darum bemühte, die Aussage der graphischen Darstellung der Weltbilder entsprechend zu erweitern. Diese Aufgabe wurde in Angriff genommen. Es gab noch kein fertiges Schema, es musste gefunden werden. Wie man mit dem Gedanken gerungen hat, zeigen die vielen Variationen, die auf dem Felsen Naquane zu finden sind. In ihnen zeigen sich die Spuren der geistigen Entwicklung. Drei Typen sind zu unterscheiden:
Wie ein anderes Modell zeigt, straffte sich die Figur durch die bestimmende Mittellinie immer mehr. Auch in den unteren Vierecken stehen senkrechte Linien. Die Wölbung erhebt sich im Kulminationspunkt zur Spitze, die durch zwei Bogen wie durch Hörner gekrönt ist. Der Himmelsbogen besteht bei deiser Darstellung aus zwei Dreiecken. Der benutzte Fels trug schon ältere Tierbilder, die durch ihren Charkter als Ordnungssymbole durchaus in die Welt des Geistes gehören.
Die Idee der Mittelachse der Welt als tragende Säule wurde in etruskischen Gräbern in Stein ausgeführt. In der Tomba della Pietrera bei Vetulonia steht im Zentrum der Grabkammer ein Steinpfeiler und trägt die Mittelplatte der Wölbung.
Auch der von Strahlen umgebene obere Teil des megalithischen Ideogrammes wurde allmählich verändert. Diese Umwandlung ist nur verständlich, wenn wir die Bedeutung des Bogens als Aufriss des Himmels annehmen. Der Himmel ruhte auf den vier Kardinalpunkten. Im Aufriss gesehen, können davon nur zwei in Erscheinung treten, so wie bei dem Ideogramm in Naquance nur zwei grosse Punkte am "Grunde" des Himmels zu erkennen sind. Von den Kardinalpunkten gehen die Weltachsen aus, die sich im Mittelpunkt kreuzen. Um diesen bedeutungsvollen Gedanken unverzerrt sichtbar zu machen, wurde hier die Sicht von oben verwendet, so dass der Mittelpunkt scheinbar zum Zenit aufrückt. Erhalten sind die Strahlen, aber die einst als Wölbung dargestellte Fläche ist dreieckig. Im Dreieck erscheint das Grundprinzip der Zeitordnung, die schon früh zur bunten Palette der Lunarsymbolik entwickelt worden war. Den Zusammenhang zwischen Raum- und Zeitordnung zeigten schon die Megalithbauten. Zum Ideogramm von Grund und Aufriss der Welt tragen dort Stierbilder, Beile, Hörner, auch Zahlenwerte. Hier in Naquane wurde die Zeitordnung in das Weltbild eingegliedert, die Wölbung wird zum dreieckigen Giebel, ihn krönen die Hörner. So zeigen diese und ähnliche Weltmodelle in Valcamonica eine Mischung von Tradition udn Fortschritt. Dabei entwickelten sich Formen, die äusserlich gesehen einem Giebelhaus gleichen. Die Idee der Welt wandelte sich zu einem auf Säulen ruhenden Welthaus.
Unterschenkeln getragen, und Füsse deuten das Schreiten an. Obwohl Aehnlichkeiten mit Menschen vorhanden sind, wurden keine natürlichen Lebewesen dargestellt. Die Figuren verkörperten die Weltordnung, sie entliehen Teile der menschlichen Figur, um handelnd, wirkend auftreten zu können. Das Viereck, das zum Körper der anthropomorphen Figur wurde, konnte, wie viele Ideogramme in den Kulthöhlen der Ile-de-France zeigen, von netzförmig sich kreuzenden Linien überzogen sein.
Die meisten Figuren in Naquane personifizieren nicht nur die Raumordnung, sie geben auch die Macht über das Zeitliche durch Attribute kund. Die Lundarsymbolik hatte als Lanze, als Dolch oder Beil Ausdruck gefunden. Diese Symbole wurden wie Waffen in der Hand getragen, und die Form des Schildes konnte den Ausdruck ergänzen. Auf dem grossen Felsen von Naquane steht solch eine Gestalt mit viereckigem Leib, sie trägt die Lanze mit ovaler Spitze in der einen Hand und schwingt mit der anderen den zum Halbmond gebogenen Schild. Mit der Lunarsymbolik war immer der Glaube an die Kraft zur Regeneration verbunden. Wie auf dem Kultfelsen in Schweden, so wurde auch hier diese Potenz durch das Zeugungsorgan wiedergegeben. Die anthropomorphe Figur in Naquane hebt sich durch das, was sie vom naturalistisch dargestellten Menschen unterscheidet, über den Rang irdischer Vergänglichkeit hinaus. Sie ist Ordner und Ordnung zugleich, Gesetzgeber und Gesetz, sie war das Mass aller Dinge. 3. Die Anordnung der Weltordnung zum mythischen Bericht
tradierte ihre Bedeutung. Er wusste, dass der Sternhimmel des Sommers zur Zeit der Aequinikialstürme versinkt und deutete das Brausen der Winde als die "wilde Jagd". Diesen Mythos kennen wir noch aus der Ueberlieferung. Der "wilde Jäger" hat auf einem anderen Bild eine Lanze mit doppelter Spitze in der Hand. Sie zielt auf den Mond und auf die Hirsche, beide müssen "sterben" (Abb. 293). Die Gestalt des Jägers ist nach dem überlieferten Schema dargestellt, er ist also kein gewöhnlicher Sterblicher. Es ist die Ordnungsmacht wiedergegeben, die den Zyklus des Mondes und der Gestirne bestimmte. Es ist eine Allmacht gemeint, die Tod und Regeneration schickte.
Die ostkeltischen Münzbilder gingen vom antiken Vorbild aus, das einen Epheben zu Pferde zeigt. Da die Kelten den griechischen Mythos nicht kannten, sahen sie darin nur eine alltägliche Szene. Sie wollten aber kosmische Wahrheiten darstellen und veränderten auf ihrer Eigenprägung entsprechend das Vorbild. Den Raum des keltischen Münzbildes füllt dann das Sonnenpferd. Als Kennzeichen steht an seinem Kopf wie ein Auge ein Ring mit Mittelpunkt. Dieses Zeichen ist aus vielen Kulturkreisen bekannt. Es gehört zu den Elementen, aus denen sich die Bilderschrift entwickelte und ist ein bestandteil der grossen Schriftsysteme sowohl im altägypischen als auch im hethitischen und altchinesischen Kulturkreis; es bedeutet "Sonne" ( ). Zum keltischen Sonnenpferd treten als genauere Angaben das Ringkreuz, das Dreieck und der hier nur noch schwach erkennbare viereckige Körper des "Reiters". Im Paläolithikum hatte das Rätsel des Todes das Denken beherrscht. Es war im Stierbild verdichtet worden. Das Pferd wurde meist in kleinerem Masstab wiedergegeben. Spätere Generationen orientierten sich im Zeitablauf nach der Sonne und fanden das Sonnenjahr. Nun herrscht die lebensbejahende Sonne vor und ihr Symbol, das Pferd. Der lunarsymbolische Stierwagen wurde durch den solarsymbolischen Pferdewagen ergänzt.
zusammengesetzten Wagen sind die Pfede natürlich wiedergegeben. Sie stehen mit den Füssen auf der Erde, aber ein Tier befindet sich weiter vom Betrachter entfernt hinter dem anderen, es ist perspektivisch verkleinert und von der Deichsel halb verdeckt. Es besteht eine Diskrepanz zwischen der Darstellung der Tire und der des Wagens. Aber dieser musste den Bezug auf den Kosmos bringen, der den naturalistischen Bildern versagt war. 4. Der Mythos als unglaubwürdige Wirklichkeit und die Suche nach einem neuen WeltbildMit der Personifizierung der Allmacht konnte die Phantasie des Menschen ihre bildschöpferischen Kräfte wieder entfalten, die so lange in der Enthaltsamkeit der Ideogramme gestaut gewesen waren. Der Boden war vorbereitet durch die zu Bildern kombiniere Symbolik, wie z.B. durch die Himmelsgefährte, die auf den Felsen in Cemmo, in Naquane eingehauen sind. Zum Gefährt war jetzt der Führer gefunden, wir sehen, dass auf dem Felsen in Bedolina im Bild ein Lenker den Pflug treibt. Die bedeutungsvolle Aussage der einzelnen Teile ist verblasst, und die Darstellung wirkt wie eine alltägliche Handlung. Dieses Bild erforderte eine - wahrscheinlich mündliche - Erklärung seiner kosmischen Bedeutung. So könnte ein Mythos die Symbolik allmählich ergänzt haben. Das All ist voller Gegensätze, und daraus liessen sich viele Bilder entwerfen. Jeder konnte z.B. sehen, dass die zunehmende Mondsichel in umgekehrter Richtung wie die abnehmende am Himmel stand. Daraus ergab sich das Bild von zwei gegensätzlich angeordneten Männern, von denen jeder wie einen Schild einen Halbmond in der Hand trug, der nun entsprechend gedreht war. Beide halten die lunarsymbolische Lanze, der eine hebt sie über den Kopf, der andere, im Gegensatz dazu, trägt sie vor den Hüften. Da die alte Symbolik vielfach die Form von Waffen angenommen hatte, sei es als Beil, Lanze, Pfeil und Bogen, so sah es nun aus, als ob die dargestellten Figuren sich bekämpften. Die Welt war vordem voller Gegensätze, jetzt schien sie voller Kampf zu sein. Von Schweden bis ins Valcamonica finden wir solche Paare. Der Betrachter fragte wohl nach der Ursache dieser Kämpfe, und man suchte sie nicht in genetischer Hinsicht, sondern ging von irdischen Konfliktsituationen aus. Damit war eine unerschöpfliche Quelle für die mythische Phantasie gegeben. Die mythische Denkart kennzeichnet eine bestimmte geistige Entwicklungsschicht. Wie vorher gab es Bilder, aber sie waren nicht wie im Jungpaläolithikum stilisiert und in Form von Bildsymbolen an der Decke der Kultstätte angebracht. Es wurden scheinbar naturwahre Begebenheiten dargestellt. Erhalten blieben dagegen die Grundprinzipien, die das Kulturleben regelten. Als Ueberliefrung wurden sie beibehalten, aber ihr Ursprung und ihre Bedeutung waren vergessen. Schon Aristoteles fragte sich vergeblich, weshalb religiöse Handlungen dreimal wiederholt wurden, weshalb Theben sieben Tore haben musste. Erst die griechischen Naturphilosophen verurteilten die Auswüchse des mythischen Denkens. Sie begannen, ein neues Bild vom Kosmos zu entwerfen und leiteten damit eine neue geistige Entwicklungsstufe ein. Diese Zeit wird gern als der Anfang des europäischen Denkens angesehen, im Gegensatz zum mythischen Denken, das unwissenschaftlich, ungeistig und unrealistisch zu sein schien. Weiter als bis zur Mythologie reichte weder das Gedächtnis der Menschheit noch das Zeugnis der Schriftquellen zurück, und man suchte den Anfang der Kultur dort, wo die Schrift begann, also in den orientalischen Hochkulturen, die in Wirklichkeit einer hochentwickelten geistigen Entwicklungsstufe zuzurechnen sind. Damit verlor unsere Kultur eine Dimension der Tiefe. Wir hatten unseren geschichtlichen Ursprung verloren. Doch inzwischen hat die Erde eine reiche Vergangenheit und zahlreiche grossartige Kultstätten wieder freigegeben, die verschollen waren. Es blieb nicht bei einer vor der Geschichte liegenden Entwicklungsschicht, auf die Bachofen, der nur antike Quellen und die römische Gräbersymbolik kannte, glaubte schliessen zu dürfen. Darunter stufen sich noch andere bis tief in das Paläolithikum hinab. Jede von ihnen setzt die vorhergehende voraus und leitet zur nächsten über. Sie liegen, jede von ihnen, im Spannungsfeld zwischen früher und später. Eine historische Entwicklungsschicht, die aus dem Zusammen gerissen ist, bleibt unverständlch, denn es lebt in ihr, wie am Beispiel von Valcamonica gezeigt wurde, immer das Wissen aller früheren Generationen, das die Voraussetzung für den Fortschritt bildet. So ist die Kultur von Valcamonica ein Glied in einer langen Kette der Entwicklung, die letzte Stufe vor dem mythischen Denken. 20. Dezember 2003 E N D E Text bearbeitet und gekürzt aus Marie E. P. König: "Am Anfang der Kultur" und Gestaltung der Webseite: Esther Keller-Stocker, Horgen (Schweiz) Ich freue mich auf Ihren Kommentar, Ihre Anregung! esther@estherkeller.ch |
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