I I. S A M U E L 6II. Samuel 6 |
Das Bild stammt aus "Göttinnen, Götter und Gottessymbole" | |||
|
|
EinführungDie Erzhlung in Zweiter Samuel 6 handelt von der Ereignissen der bernahme der Bundeslade von Baala Jehuda nach Jerusalem. Die Bundeslade war das Heiligtum, das am Ende des 2. Jahrtausends vor Chr. beduinische Stmme zum altisraelitischen Stmmeverband einigte. Die Vorgeschichte zur bernahme der Lade nach Jerusalem ist in Erster Samuel 4,1 bis 7,2 beschrieben: In einer Schlacht gegen die Philister geht die Lade an den Feind ber. Doch bei den Philistern richtet sie allerlei Schaden an. Deshalb wird sie von einer Stadt zur anderen gereicht. Zuletzt kommt sie wieder zurck und bleibt 20 Jahre lang in Kirjiat-Jearim, wo sie 20 Jahre lang bleibt. Kirjiat Jearim drfte mit dem heutigen Dorf Abu Ghosch identisch sein. Das Dorf ist 14 km von Jerusalem entfernt. Im Erster Samuel wird auch der Aufstieg Davids beschrieben: David aus Bethlehem, dem Hauptort des Stammes Juda flieht vor Saul mit einem Heer Gesetzlosen in die Schefala und das judische Gebirge. Der Philisterfrst Aschisch von Gath belehnt David mit dem Ort Ziklag. Von dort unternahm David verschiedene Raubzge. Die Beute lsst er den sdlichsten Siedlungen im Machtbereich Sauls zukommen, und hlt sich so bei diesem in Erinnerung. Saul erlitt bei der Stadt Jesreel am Fusse des Gilboa gegen die Philister eine vernichtende Niederlage und verlor dabei auch sein Leben. Heute datiert man dieses Ereignis auf 1004 vor Chr. Sieben Jahre spter wird David in Hebron zum Knig ber die Sdstmme, also ber Juda, ausgerufen (II. Sam. 2). Bald darauf tragen ihm auch die Nordstmme, d.h. Israel, ein vertraglich gesichertes Knigtum an. David herrscht nun seit ca. 997 v. Chr. in Personalunion als Knig ber Juda und Israel. Dies ist den Philistern ein Dorn im Auge. Es kommt zum Kampf in der Refaimebene vor Jerusalem. David geht als Sieger hervor. Darauf erobert David die Stadt Jerusalem. Wichtig dabei ist, dass David Jerusalem nicht mit Angehrigen der Stammesverbnden einnimmt sondern mit seiner Privatarmee, den Kreti und Pleti. Jerusalem wird somit sein persnlicher Besitz. Ein weiterer Schachzug zu seiner persnlichen Macht ist die bernahme der Bundeslade nach Jerusalem. Damit hat er das altisraelitische Heiligtum fest in der Hand, die israelitischen Stmme sind nun gezwungen, nach Jerusalem zu pilgern. Diese Ereignisse sind im Ersten und Zweiten Buch Samuel aufgeschrieben und gelten heute als historische Grundlagen. Doch diese zwei Bcher sind erst 500 Jahre nach den Ereignissen aufgezeichnet worden und zwar von einer religisen Schule, die sich zu Jahwe als dem einigen Gott bekannte. Zu welcher Zeit Jahwe erstmals als eigenstndiger Gott in Erscheinung tritt, ist nicht klar. Der Prophet Elia jedenfalls kennt noch keinen Jahwe. frhestens kommt die Zeit Hoseas (um 750 v. Chr.) in Frage, doch ist auch die Zeit der Reformation des Knig Josias von Jerusalem (620 v. Chr.) fr die Alleinherrschaft Jahwes denkbar. Als Ergebnis des Bisherigen halten wir fest: Die Ereignisse von der bernahme der Bundeslade fanden 500 Jahre vor deren Aufzeichnungen statt. Die Autoren hatten dabei ein bestimmtes Ziel, Jahwe als einziger Gott in der Geschichte darstellen. Heute nennt man die Autoren "Deuteronomisten". Sie lebten im 6. Jahrhundert vor Christus, als Jerusalem und der Tempel durch die Babylonier zerstrt wurde (584 v. Chr.). Die Zerstrung des Tempels wurde als Strafgericht Gottes erfahren. Die Deuteronomisten suchten nun in ihrem Geschichtswerk, das die Bcher 5. Mose bis 2. Knige umfasst, aufzuzeigen, wie das Volk Israel und Juda die Treue Jahwes immer wieder verwarf und sich so das gttliche Strafgericht auf sich zog. Fr die geschichtliche Darstellung verarbeiteten die Deuteronomisten alte Dokumente, die von ganz anderen Dingen handelten, aber von Deuteronomisten nach ihrem theologischen Konzept umgestaltetet wurden. Aus solchen alten Dokumenten stammt auch II. Samuel 6. Ob sie ursprnglich wirklich die bernahme der Lade von Kirjat Jearim nach Jerusalem berichteten, ist fraglich. Vielleicht handelte das ursprngliche Dokument von eine Prozessionsfeier, auf dem sich ein Unfall ereignete. Der uns berlieferte Text geht auch davon aus, dass zur Zeit Davids in Jerusalem kein Tempel stand. Doch gilt es heute als sicher, dass bei der Eroberung Jerusalems bereits ein Tempel vorhanden war.Auch die Lade, die im Alten Testament stets als aaron bezeichnet wird, ist mit Vorsicht zu interpretieren. Denn die Lade, wie wir sie kennen, ist ein literarisches Produkt der Priesterschrift und in der uns berlieferten Form nicht vor dem 5. Jahrhundert v. Chr. bekannt.
2. ZWEITER SAMUEL 6,1-102.1. DIE ORTSBEZEICHNUNG BAALA JEHUDADann machte sich David auf und zog mit allem Volk, das bei ihm war, nach Baala in Juda, um von dort die Lades Gottes heraufzuholen, die nach dem Herrn der Heerscharen benannt ist, der auf den Cheruben thront (V. 2) Hier fallen 3 Objekte auf, die zur redaktionellen Arbeit gehren:
2.2. DIE BUNDESLADE UND DIE KHEUnd sie setzten die Lade Gottes auf einen neuen Wagen und fhrten sie so hinweg aus dem Hause Abinadabs, das auf den Hgel stand. Ussa und Ahjo, die Shne Abinadabs, leiteten den Wagen. Ussa schritt neben der Lade Gottes her, whrend Ahjo vor der Lade her ging. (V. 3-4) Der Wagen mit dem Rind kennen wir schon aus Erster Samuel 6. Doch im Unterschied zu hier in Zweiter Samuel 6,3 werden in Erster Samuel 6 ausdrcklich zwei Khe erwhnt. In Zweiter Samuel 6,6-7 wird der Unfall erzhlt: Als sie aber zur Tenne des Nachons kamen, streckte Ussa (seine Hand) nach der Gotteslade aus und fasste sie an, denn das Rind scheute. Da entbrannte der Zorn Jahwes gegen Ussa, und Elohim schlug ihn dort wegen der Vermessenheit; so dass er dort bei der Gotteslade starb. Erst hier wird beilufig "Rind" erwhnt. In der Zrcher bersetzung ist von "Rinder" die Rede. Zweiter Samuel 6,3 nimmt mit der Erwhnung des "neuen" Wagens deutlich Bezug auf die Verbrennung des Wagens in Erster Samuel 6,14. Der (neue) Wagen in Zweiter Samuel 6,3 wird mit eglah bezeichnet. Eglah kann aber auch Jungkuh heissen, sodass in unserem Text eine Ambivalenz zwischen neuen Wagen und Jungkuh besteht. Der Autor hat in Zweiter Samuel 6,6 bewusst die beiden Jungkhe verdrngt, die in Erster Samuel 6 erwhnt sind. Von daher ist auch die Einsilbigkeit um das strauchelnde Rind zu verstehen, das der Priester Uzza aufhalten will. ber den Zorn Gottes ist weiter unten die Rede. 2.3. DER NAME UZZAEin weiteres Indiz in diesem Text, das eine Gttin verdrngt wurde, zeigt der Name des verunfallten Priesters. Der Begriff Uzza ist die weibliche Form von az und bedeutet "mchtig", "erhaben". Uns ist dieser Name aus der altarabischen Welt bekannt. Dort existiert die mchtigen Gttin Al-Uzza. Bei den alten Arabern war Al-Uzza die Hauptgttin, welche noch in nachchristlicher Zeit in Nordarabien den ersten Rang nach dem Hauptgott Allah einnahm. Joseph Henninger weist darauf hin, dass ihre Existenz bis in die Assyrerzeit reicht und somit die lteste bezeugte arabische Gottheit ist.Die Assyrer setzten sich vor allem im 8. Jahrhundert v. Chr. mit den Arabern auseinander, also zur selben Zeit, als in Israel, wohl in den Kreisen des Propheten Hoseas, die ersten Geschichtsentwrfe des Alten Testament entstanden.
3. Fruchtbarkeitskult in II. Samuel 63.1. DAVID TANZT VOR DER LADEZweimal wird in Zweiter Samuel ein Freudenfest erwhnt. In Vers 5 heisst es: Und David und das ganze Haus Israel tanzten vor Jahwe mit aller Kraft und Gesngen, mit Laiern, Lauten, Handpauken, Rasseln und Becken. "Mit aller Kraft" ist eine Verlegenheitsbersetzung, denn hebrisch steht becol ase beroschim, was "mit allen Wacholderbumen" heisst. "Mit allen Wacholderbumen" macht fr unsere alttestamentlichen Exegeten keinen Sinn. Ich frage mich, ob es sich hier nicht um Phallushlzer handeln kann, die der deuteronomistische Autor ins Groteske berdreht, um die Situation ad absurdum zu fhren.
Othmar Keel: Die Welt der altorientalischen Bildsymbolik und das Alte Testament, S. 154: Es zeigt Mnner mit Holzstbe und im Hintergrund den achteckigen Stern,den Stern der Liebesgttin Isthar.
Beim zweiten Aufzug der Lade nach Jerusalem heisst es ebenfalls: Und David tanzte fortwhrend mit aller Kraft vor Jahwe her, dabei war David mit einem linnen Ephod gegrtet (V. 14) Statt Wacholderbumen heisst es nun "mit aller Kraft vor Jahwe" (becol az). Az erinnert an Uzza. Und David tanzt nur mit einem Lendenschrzchen (Ephod) angetan vor Jahwe. Da Jahwe hier aber die Lade vertritt, tanzt David offensichtlich vor einer weiblichen Gottheit, vor Uzza, der Mchtigen. Da sein Schrzchen sein Geschlechtsteil kaum verbirgt, hat er sie mit dem Tanz eindeutig zum Geschlechtsverkehr aufgefordert. Er tritt als Gott Baal auf, als Reprsentant des Regen- und Sturmgottes. Darauf weist auch sein Name David. Denn die Konsonanten d-w-d knnen auch als Dod gelesen werden, was "Liebling der Gttin" heisst. Und der Liebling der Gttin war nach W. Wittekindt der Gott Baal. 3.2. DAS ZELT DER LADE IN JERUSALEM IM VERGLEICH ZUM ZELT DER LADE IN SILOFr die Lade soll David in Jerusalem ein Zelt aufgestellt haben (II. Sam. 6,17). Dass die Lade in einem Zelt aufgestellt war, ist im Alten Testament mehrmals belegt und soll nach dem Redaktor an die Zeit der Wstenwanderung erinnern. In Erster Samuel 2,22 befindet sich die Lade ebenfalls in einem Zelt und zwar in Silo. Dort sassen Frauen am Eingang des Zeltes, die "ihren Dienst" taten. Um was fr einen Dienst es sich hier handelte, wird nicht gesagt. Nach unseren Exegeten kann es sich hier hchstens um Handlanger-Dienste, Putzfrauen-Arbeit, gehandelt haben. Doch schauen wir Erster Samuel 2,22 genauer an: Zu den Frauen am Zelteingang werden auch die Shne des amtierenden Priesters Eli genannt. Ihnen wird vorgeworfen, sie haben mit diesen Frauen geschlafen. Eli war sehr alt geworden. Wenn er nun hrte, was alles seine Shne an ganz Israel verbten, und dass sie bei den Frauen schliefen, die am Eingang des Heiligen Zeltes Dienst taten, ...(I. Sam. 2,22) Im Gegensatz zu unseren heutigen alttestamentlichen Exegeten halte ich die Frauen am Eingang eher fr Kultprostituierte und die Vereinigung der Priestershne mit diesen Frauen um offiziellen Kultprostitution, die der deuteronomistische Redaktion nun als persnliches Vergehen der Shne Elis beschreibt. Doch die Geschichte in Erster Samuel 2 dreht sich um die kinderlose Hannah. Sie fleht vor der Lade Gott an, ihr einen Sohn zu schenken. Der Priester Eli kommt. In der Meinung, sie stehe unter Alkoholeinfluss, schilt er sie. Als sie ihm ihr Leid klagte, segnete er sie und verheisst ihr einen Sohn - und siehe da, neun Monate spter gebiert sie ihren Sohn. Der Sohn heisst in der jetzigen Version Samuel, doch ursprnglich soll er Saul geheissen haben. Es ist eigentlich nicht schwer, unter dem moralisierenden Duktus des Redaktors in der Erzhlung von Hannah und Eli eine geschlechtliche Vereinigung zu erkennen. Auf diese weisen auch die Namen der beiden: Eli heisst "mein Gott" und Hannah erinnert an den Namen der hethitischen Muttergttin Hannahhannah ("die erhabene Gttin"). Im Hebrischen leitet sich der Name Hannah von hen (Gunst, Anmut) ab. Hen ist Attribut der Grossen Gttin. Der Autor, derselbe wie in Zweiter Samuel 6, sucht die Gestalt Samuel durch eine besondere Geburt hervorzuheben und greift dabei auf ein altes kultisches Ritual der Heiligen Hochzeit. Dabei geriet er aber in ein moralisches und theologisches Dilemma, denn seit den Propheten war dieser Ritus tabu. Es gibt noch andere Stellen, die dieses Ritual beschreiben, aber vom Deuteronomisten und von seinem jngeren Kollegen, dem Jahwisten, in ein moralisch integres Bild gepresst wurde, zum Beispiel die Verheissung an Sarah (Genesis 18) oder die Verheissung der Geburt Simsons (Richter 13). 3.3. DIE RINGBROTE (II. SAMUEL 6,19)Nach den bisherigen Ergebnisse, Uzza und der nackt tanzende David ist es nicht schwer, auch den Einzug der Lade in Jerusalem als kultisches Fruchtbarkeitsritual, als Ritual der Heiligen Hochzeit zu verstehen. Ein weiteres Indiz ist die Erwhnung der Ringbrote (chalath lchm). Dieses Ringbrot wird in der Zrcher Bibel mit dem undefinierbaren Begriff "Brotkuchen" bersetzt. Doch chalath leitet sich von chll ab, was vor allem "durchbohren" heisst, also ein "durchbohrtes Brot". Chll heisst aber auch "verstossen, gettet und defloriert werden". Und dafr steht das Ringbrot als Symbol einer Gttin fr die Heilige Hochzeit. Von da her bekommen auch die Wacholderhlzer ihren Sinn. Das Wacholderholz und das Ringbrot symbolisieren den Geschlechtsakt, den David und mit ihm das ganze Volk vollzogen haben. ![]() Othmar Keel,Die Welt der altorientalischen Bildsymbolik und das Alte Testament, S. 153: Hier sitzt der mesopotamische Knig mit Ring und Stab als Ausdruck seiner Macht auf dem Thron. Vor ihm ist der achteckige Stern der Istar aufgestellt. In Zweiter Samuel 6,19 ist auch von "Traubenkuchen" die Rede, die David unter dem Volk verteilt. Denken wir doch an Jeremia 7,18. Dort protestiert Jeremia gegen die Frauen, die in Jerusalem der Himmelsgttin Teig fr ihre Kuchen machte. Zweiter Samuel 6,1-19 zeigt einen Fruchtbarkeitskult mit zwei Komponenten, einer orgiastischen Feier und einem Opfer. Zum Opfer kommen wir noch. Mircea Eliade zeigt in "die Religionen und das Heilige", dass orgiastische Feier und Opfer die beiden typischen Komponenten archaischer Fruchtbarkeitsriten sind. Zu den Massenorgien der Naturvlker schreibt Mircea Eliade: Immer zeigt sich dasselbe Bedrfnis des archaischen Menschen, alles "gemeinsam" zu tun, "zusammen zu sein". Das Paar, das die Macht oder den Genius der Vegetation verkrpert, ist selbst ein Energiezentrum und fhig, die Krfte des Wirkenden, das es reprsentiert, zu vermehren. Die magische Kraft der Vegetation wchst schon durch die einfache Tatsache, dass sie durch ein junges Paar auf dem Hhepunkt seiner erotischen Mglichkeiten - und sogar Wirklichkeiten - "reprsentiert", personifiziert wird. Dieses Paar, "der Brutigam" und "die Braut", ist nur ein allegorisches Abbild dessen, was sich einst in Wirklichkeit zugetragen hat, die Wiederholung der uranfnglichen Handlung, der Hierosgamie. (Die Religionen und das Heilige, S. 411f) Nun betrachten wir das Opfer genauer:
4. DAS MENSCHENOPFER4.1. DIE TENNE NACHONS (II. SAMUEL 6,6-7)
Im Zusammenhang der Lade ist auch in Erster Samuel 6,19 von Todesopfern die Rede. Dort ttete Jahwe die Shne des Jechonja "mit einem grossen Schlag". Der Text ist an dieser Stelle verderbt und deshalb ergnzt die Zrcher Bibel nach dem griechischen Alten Testament wie folgt: Die Shne des Jechonja aber hatten sich nicht mitgefreut unter den Leuten von Beth-Semes, als sie ihre Lust sahen an der Lade Jahwes; da erschlug er unter ihnen siebzig Mann. Das Volk aber trug Leid, weil Jahwe so viele geschlagen hatte (Erster Samuel 6,19). "Die Lust der Leute an der Lade?" beschreibt die Massenorgie archaischer Fruchtbarkeitsriten. Und die Lade vertritt wie in Zweiter Samuel 6 eine Liebesgttin. Mircea Eliade besttigt, dass solche Menschenopfer in frhen Zivilisationen praktiziert wurden, besonders auch in Palstina und Syrien: Wahrscheinlich haben sich all diese Ackerbauzeremonien von bestimmten Zentren (gypten, Syrien, Mesopotamien) ber einen grossen Teil der ganzen Welt ausgebreitet, wobei viele Vlker sich nur Bruchstcke der ursprnglichen Handlung zu eigen machten (Mircea Eliade, Die Religionen und das Heilige, S. 396) 4.2. PRZ UZZA (II. SAMUEL 6,8)Nun wurde David zornig, weil Jahwe Uzza niedergerissen hatte. David nannte den Ort des Unfalls "Prz Uzza" (der Riss der Uzza). Perez bedeutet Riss, Spalte, Bresche. Wenn man an die unzhligen Darstellungen der altorientalischen Fruchtbarkeitsgttin mit betonten Geschlechtsdreieck denkt, ist die Bresche, die Jahwe am Priester vollzog als Todeshochzeit zu verstehen. Das hier anklingende Motiv, die Erich Neumann "die Todeshochzeit" nennt, ist auch sonst im Alten Testament und vor allem bei den Propheten bestens bekannt. Bei ihnen sucht der zrnende Jahwe sein Volk Israel zu tten oder die Stadt Jerusalem zu zerstren und zu verwsten. "Israel" und "Jerusalem" werden symbolisch als Frauen dargestellt, die Jahwe gehren. Er sucht immer wieder moralische Fehlverhalten, um sein Volk Israel oder seine Stadt Jerusalem zu vernichten. Es ist, wie wenn eine archaische Gottheit in Gestalt der glhende Sommerhitze ausbricht und entsprechend seiner Natur die Umgebung verwstet. Doch die Naturgewalt der verdorrenden Sommerhitze ist als Bild seelischer Befindlichkeit nicht nur ein alttestamentliches Problem, sondern erfasste die psychische Struktur aller altorientalischen Staaten, die schwchere Staaten immer wieder mit usserster Brutalitt unterwerfen. Die alttestamentlichen Propheten sahen die bergriffe anderer Staaten auf Israel und Juda als Strafe Jahwes fr die Fehltritte seines Volkes. Die archetypische Konstellation, die sich aus der Erfahrung des glhenden Sommerhitze entwickelte, wird in Jahwe nicht mehr als periodisches Naturereignis erfahren sondern in geschichtlicher Folgerichtigkeit moralischen respektive unmoralischen Verhaltens eines Volkes. Mit dieser archetypischen Struktur wird aber auch etwas geistig Neues dargestellt. Karl Jaspers nennt dies "die Achsenzeit". In der Achsenzeit erscheint der neue Mensch, der Mensch, wie wir es noch sind. Die Gestalt Jahwe als das rachschtiges, alles vereinnahmendes Phnomen entspricht dem neuen in der Achsenzeit sich konstellierenden Ich-Bewusstsein, das Volk Israel dem alten noch in der mtterlichen Geborgenheit eingebetteten Bewusstsein. 4.3. DAS SCHLAGEN AUF DEN FELSEN, DAS SCHLAGEN AUF DAS SCHILFMEERWenn Jahwe als mnnlicher Gott in einem Fruchtbarkeitsritual Uzza einen Riss schlgt, schlgt uns mnnliche Aggression und Gewalt entgegen. Uzza, die Mchtige, die Erhabene wird von Jahwe entthront, auf den Boden geworden und zu Tode vergewaltigt - ein Motiv, das im Alten Testament hufig vorkommt. Ein schnes Beispiel dafr ist Richter 19. Das Motiv spiegelt sich aber auch in der Metapher von Jerusalem (Juda, Israel) als Ehefrau, die durch Jahwe gedemtigt wird. Doch gibt es im Alten Testament auch Mdchen- und Frauenopfer, die mit einem beduinischen Wasserritual zusammenhngen. Im Alten Testament tragen sie den theologischen Duktus exilischer Geschichtsschreiber, so zum Beispiel im Motiv "Mose schlgt auf den Felsen". In IV. Mose 20 stirbt zunchst Mirjam (= die Widerspenstige) und wurde begraben (V. 1). Dieses Ereignis steht am Anfang einer Erzhlung, wonach Mose im Auftrag Jahwes rituellen mit dem Stab auf den Felsen schlagen soll (V. 8), damit Wasser aus dem Felsen strme (V. 11). Bei diesem Ritual sagt Mose zu der versammelten Gemeinde: Hrt doch ihr Widerspenstigen (mrh)! Mir scheint eine enge Beziehung zwischen Mirjam (= Widerspenstige" und die Anrede des Volkes durch Mose als "ihr Widerspenstigen" zu bestehen. In der ursprnglichen Version suchten Menschen nach Wasser und in der Not wird ein Mdchen einem Dmon ausgeliefert, der sie gewaltsam "mit dem Stab ffnet". Daran stirbt das Mdchen. Aussergewhnlich scheint die ursprngliche Erzhlung gewesen zu sein, denn das Mdchen hat sich gewehrt. Ich denke, hier ist das alttestamentliche Motiv von Jahwe und sein Volk als Ehepartner zu suchen. Ein von Zorn glhender Gott, Jahwe, und sein angeblich widerspenstiges Volk, Israel geht zurck auf Beduinen, die im Sommer kein Wasser finden und in ihrer Not dem Wstendmon ein Mdchen opfert, um diesen zu beschwichtigen. Dieses Beschwichtigen hat ein stark erotischer Akzent, denn ein von Zorn glhender Gott hat in erster Linie ein sexuelles Problem. Dass das Motiv "mit dem Stab auf den Felsen schlagen" hier im Zusammenhang einer Heiligen Hochzeit stattfand, ist ebenfalls aus IV. Mose 20,6 herauszulesen. Da gingen Mose und Aaron von der Gemeinde weg an den Eingang des Heiligen Zeltes und warfen sich auf ihr Angesicht; und es erschien ihnen die Herrlichkeit Gottes. Hier gingen Mose und Aaron alleine ins Heilige Zelt - Was machen die beiden da? Das hat sich auch ein Aaron-Forscher wie Heinrich Valentin gefragt. Die Frage bleibt unbeantwortet. In der Interpretation zu Rmer 3,24-26 habe ich gezeigt, dass Aaron ursprnglich eine Gttin war. Somit drfte in IV. Mose 20,6 hinter dem puritanischen Duktus noch eine Heilige Hochzeit hervorzuschimmern genau so wie in I. Samuel 1: Dort trafen sich Hannah und Eli im Zelt vor der Lade. In unserem Text, II. Samuel 6,17 lsst David die Lade nach dem zweiten Aufzug nach Jerusalem in das Heilige Zelt stellen. Da er vorher mit entblsstem Unterleib vor der Lade tanzte, ist der Vollzug der Heiligen Hochzeit im Zelt offensichtlich. 4.4. ERGEBNIS ZUM TDLICHEN UNFALL DES PRIESTERS UZZADie Notiz vom tdlichen Unfall des Priesters Uzzas ist zwiespltig, denn einerseits geht der tdliche Unfall von der Lade und somit von der Gttin Uzza aus, das andere Mal erscheint das tdliche Ereignis als Strafe Jahwes, weil der Priester unerlaubterweise die Gttin berhrt hat. Weiter ist nicht klar, ob hier tatschlich ein Mann verunfallte oder vielleicht eher ein Mdchen, welches die Gttin bei der Heiligen Hochzeit reprsentierte. Der Begriff nachon lsst eher auf eine rituelle Ttung als auf einen Unfall schliessen. Handelt es sich um ein Opfer fr die Gttin, so knnen wir eine Parallele zum Ersten Samuel 6,19 ziehen: Dort wird der Lade (aaron) beim Begehen des Fruchtbarkeitskultes Menschen- genauer Mnneropfer dargebracht. Diese Art Opfer kennen wir von der Artemis im Alten Griechenland. Ihr mussten Gefangene geopfert werden, damit deren Blut ihre Fruchtbarkeit garantiert.
Aber auch einem mnnlichen Gott werden mnnliche Opfer dargebracht. So verschwand Baal auf Geheiss des Wstengottes Mot im Frhling in die Unterwelt, whrend Mot regierte. Die Gttin Anat sucht nach Baal, schlachtet im Zorn Mot ab und befreit Baal. Dies findet im Herbst statt, wenn in Palstina der Regen fllt, das heisst, wenn der Gewittergott Baal wieder da ist. Diese Periode wird in Fruchtbarkeitsriten begangen. Und an eine solche Begehung erinnert auch unsere Erzhlung: Die Lade, die von einem Ort zum anderen getragen wird, entspricht der suchenden Anat. Am kultischen Ort, der Tenne Nachons, kommt der Reprsentant des Wstengottes Mots um. Und darauf feiert das Volk den wieder erschienene Baal. Die in unserem Text (II. Sam 6,3) erwhnten "Wacholder-ste" wrden als Ausdruck mnnlicher Kraft gut zum Keulen schwingenden Baal passen, der im 1. Jahrtausend v. Chr. die Ttung Mots bernahm. Wenn der Priester Uzza ursprnglich ein Mdchen war, welche die Liebesgttin reprsentierte, weist der tdliche Unfall auf einen beduinischen Wasserzaubers hin, bei dem ein Mdchen dem Wstendmon geopfert wurde. Die Erzhlung wie sie uns berliefert ist, stellt den bergang des kollektiven Ich-Bewusstseins aus der mtterlichen Geborgenheit heraus dar. Der zornige Jahwes ist losgelst von seinem mythisch-magischen Hintergrund. Sein Zorn ist gerichtet, heraus aus der mtterlichen Geborgenheit und leitet damit eine neue psychische Konstellation ein, das Ich-Bewusstsein des neuen Menschen. Demgegenber manifestiert sich das alte Bewusstsein in der Geborgenheit der Grossen Mutter als Volk Israels und auf dieses alte Bewusstsein wird der Schatten des neuen Ich-Bewusstseins projiziert und verurteilt. In unserem Text nimmt David eine Mittelrolle zwischen altem und neuem Menschen ein: Im orgiastischen ist er noch der alte Mensch, doch sein Hadern gegen Jahwe macht ihn Jahwe gleich und reprsentiert das neue Ich-Bewusstsein.
5. DIE VERDRÄNGUNG DES WEIBLICHEN5.1 VOM KUHOPFER ZUM RINDOPFERIm allgemein gaben sich die Autoren der alttestamentlichen Geschichtsbchern alle Mhe, Frauen und allgemein das Weibliche aus ihren Texten zu verdrngen. In unserem Text zeigt sich dies anhand des Rindes, welches die Lade zieht (Zweiter Samuel 6,6). In Erster Samuel 6 sind es ausdrcklich zwei Khe, die die Lade zogen. Eine hnliche Diskrepanz ist in den Angaben der Opfertiere zu erkennen. Nach Erster Samuel 6,14 werden die erwhnten zwei Khe vor der Lade geopfert. In Zweiter Samuel 6,12 ist zunchst von einem Stier- und einem Kalbopfer die Rede, dann allgemein von Brand- und Schlussopfer (V. 18). Zur Geschichte der Lade gehrt auch I. Knige 8. In dieser Erzhlung lsst Knig Salomo die Lade ins Allerheiligste des Jerusalemer Tempels bringen. Dabei soll er eine Unmenge von Tieropfern dargebracht haben. Die Angabe dieser Unmenge von Schlachtopfern bei der berfhrung der Lade in den Jerusalemer Tempel erscheint wie eine Kompensation zum wahren Opfer, die zwei Khe, wie ein Unbehagen, das schlechte Gewissen, das aus zwei Opfer eine Unzahl von Opfern macht. 5.2. DER PRIESTER UZZABeim Unfall auf der Tenne Nachons soll der Priester Uzza wegen dem scheuenden Rind zu Tode gerissen worden sein. Die Katastrophe wird als Strafe Gottes interpretiert. Gott wird mit elohim bezeichnet. Die Strafe Gottes liegt demnach in der Schwebe, denn einerseits kann elohim die Gottheit der Lade, die Uzza, meinen oder Jahwe. Erst im folgenden ist wieder ausdrcklich von Jahwe die Rede. Das Verbot selber bezieht sich auf IV. Mose 4,15: Wenn nun beim Aufbruch des Lagers Aaron und seine Shne mit der Einhllung der heiligen Gegenstnde und aller heiligen Gerte fertig sind, dann sollen die Kahathiter kommen, um es wegzutragen; doch sollen sie das Heilige nicht berhren, sonst mssen sie sterben. Der Hinweis in IV. Mose 4,15 gehrt in den Priesterkodex, der aus dem 5. Jahrhundert v. Chr. im babylonischen Exil entstanden ist. Somit kann das Motiv "Elohim schlug ihn dort wegen der Vermessenheit", nmlich dass der Priester die Lade berhrt hat, nicht alt sein. Andererseits steht das Verbot, die Lade zu berhren respektive zu tragen in einem eigenartigen Kontrast zu den Priestern, die im Alten Testament die Aufgabe hatten, die Lade zu tragen. Das Tragen der Lade wird im Hebrischen mit nsa bezeichnet. Und nsa kommt auch in unserem Text vor. Und sie fhrten die Gotteslade auf einem neuen Karren mit und holten (nsa) sie so aus dem Hause Abinadabs auf dem Hgel (Zweiter Samuel 6,3) Also mindestens eine Person musste die Lade aus dem Haus getragen haben, und wer wre dafr besser geeignet gewesen als der Ladepriester Uzza. Fazit: Das Verbot, die Lade zu berhren, ist also sekundr als Begrndung fr die Katastrophe eingefgt worden.Wie oben beschrieben, drfte die Katastrophe ursprnglich im orgiastischen Kontext ein rituelles Menschenopfer gemeint haben. Und im Vergleich zu Erster Samuel 6,19 drfte das Menschenopfer eher der Lade gegolten haben. 5.3. DIE LADE IM VERGLEICH MIT ALTARABISCHEN HEILIGTMERDie Lade wird hufig mit den Heiligtmer altarabischer Stmme verglichen. Dieses altarabische Heiligtum war eine Kiste oder ein Damensattel. In gypten zum Beispiel nannte man eine solche Kiste machmal. Sie wurde in grossen Prozessionen mitgefhrt. Julian Morgenstern berichtet ausfhrlich, dass das machmal der gyptischen Katzengttin Bastet geweiht war. In der vorislamischen Zeit sass whrend der Prozession eine ltere, kaum bekleidete Frau mit fnf oder sechs Katzen in diesem Behlter.Im patriarchalen Islam wurde die Frau durch einen lteren Mann ersetzt. Bei altarabischen Beduinen wurde das Heiligtum auch in die Entscheidungsschlacht mitgenommen. Eine solche Situation kennen wir ja auch zwischen den Israeliten und den Philistern (Erster Samuel 4). Bei den altarabischen Beduinen sass whrend der Entscheidungsschlacht die (Haupt-)Frau des Frsten oder eine seiner Tchter leicht bekleidet, manchmal sogar nackt, in diesem Behlter, um die Stammesshne zum Kampfe anzufeuern. Doch durfte die Frau im Heiligtum nicht berhrt werden. Dies war fr Feind und Freund ein absolutes Tabu. In unserem Text Zweiter Samuel 6 knnte ebenfalls eine Frau oder ein Mdchenin der Lade gesessen haben. Der Aufzug nach Jerusalem geschah ja nach dem Krieg Davids gegen die Philister (II. Samuel 5). Sie wre, nimmt man die altarabische Vorstellung zu Hilfe, fr die Mnner unberhrbar ausser fr den Besitzer der Stadt, Knig David. Ist in Zweiter Samuel 6,6 wirklich eine Katastrophe beschrieben, so knnte ein begleitender Priester das "Lademdchen" vor dem Sturz aufgehalten haben und ist dabei gestorben. Dies wurde dann als Strafe der Gttin aufgefasst. In der jetzigen Version ist die Strafe zunchst in der Schwebe und dann eindeutig als Strafe Jahwes interpretiert.
6. ZWEITE SAMUEL 6,11-196.1. ODED-EDOM AUS GATHUnd so blieb die Lade Jahwes drei Monate im Hause Obed Edom aus Gath, und Jahwe segnete den Obed-Edom und sein ganzes Haus. Und man meldete dem Knig David: "Jahwe segnet das Haus des Obed-Edom und alles, was ihm gehrt, um der Gottesladen willen. Da ging David und brachte die Gotteslade aus dem Haus des Obed-Edom unter Festjubel in die Davidsstadt hinaus. (Zweiter Samuel 6,11-12) Gath war zu jener Zeit ein Stadtstaat der Philister. Und bevor David Knig von Israel wurde, war er Vasall unter dem Frsten Achis von Gath (Erster Samuel 27). Dazu war es gekommen, weil Saul unter den Ephod- und Ladepriestern ein Massaker veranlasst hatte. Aus diesem Massaker war nur Abjathar mit dem Ephod entkommen. Abjathar war ein Sohn Abinadabs, in dessen Haus nach Erster Samuel 7,1f. die Lade aufbewahrt worden sei. David nahm den flchtenden Abjathar mit dem Ephod unter seinen persnlichen Schutz. Auf einer langwierigen Flucht vor Knig Saul kamen sie zum Philisterknig Achis von Gath, bei dem sich David als Vasall anerbot. EXKURS: DAS EPHODDas Ephod ist im Priesterkodex ein Teil des hohepriesterlichen Ornats, an dem die Brusttasche mit den Orakelgegenstnden Urim und Thummim, befestigt waren. Im Richterbuch bezeichnet das Ephod ein gegossenes Gtterbild (Richter 8,27; 17; vgl. auch Jesaja 30,22). In den Samuelbcher wird das Ephod aber als Bezeichnung eines Tuches gebraucht. Dieses Tuch steht in enger Beziehung zur Lade. In Erster Samuel 14 trug Priester Ahia das Ephod und die Lade mit in den Krieg: ......und Ahia, der Sohn Ahitubs, des Bruders Ikabods, des Sohnes des Pinehas, des Sohnes Elis, des Priesters Jahwes zu Silo, trug das Ephod (V. 3). Etwas spter ist derselbe Priester Trger der Lade: Nun sprach Saul zu Ahia: Bringe die Lade Gottes herzu! Denn er trug damals die Lade vor Israel (I. Sam. 14,18) Hier zeigt sich, dass Knig Saul der Besitzer des Ephods und der Lade ist. Das Ephod im Sinne eines Tuches scheint am ehesten ein Banner gewesen zu sein, dessen Besitzer auch Besitzer der Lade war. Achis von Gath htte dann als Schirmherr des Ephods auch Anspruch auf Israel gehabt. Da andererseits Saul immer noch am Leben war, wre dieser Anspruch von politischer Brisanz gewesen. Wie dem auch sei, es kam zwischen den Philistern und Israel zur Schlacht bei Gilboa (Erster Samuel 29), wobei Saul sein Leben verlor. Die Philister gingen als Sieger aus dieser Schlacht hervor, und damit wre der Philisterfrst von Gath legitimer Nachfolger Sauls geworden. Doch David liess sich zu dieser Zeit zum Knig ber Juda und Israel ausrufen. Es kam wieder zum Krieg, nun aber zwischen der Elitetruppen Davids und den Philistern. In der Schlacht bei Baal-Perazim wurden die Philister vernichtend geschlagen (Zweiter Samuel 5,20). Wieso kam die Lade nach der Katastrophe zu Obed-Edom von Gath? War er ein Sohn von Achis von Gath, welcher einst David als Vasallenfrsten einsetzte? Da die Lade als Kriegsheiligtum der Israeliten in Erster Samuel 6 als Beute zu den Philistern kam, stellt sich in Zweiter Samuel 6 die Frage, ob mit der bergabe der Lade an Obed-Edom aus Gath, der Sieg Davids ber die Philister durch die Katastrophe kultisch in Frage gestellt wurde. Erst als die Lade im Hause Obed-Edom von Gath Gutes wirkte, liess sie David wieder holen. Hinter diesem Motiv drfte der Gedanke stehen, dass ein besiegter Philister oder ein ebenfalls von David besiegter Edomiter als offizielles Opfer fr die Gottheit ausgesucht wurde. Doch die Gottheit, die sich in der "Lade" reprsentiert, liess es dem Opfer gut gehen. Dies wurde als Zeichen gedeutet, dass die Gottheit den Sieg Davids ber die Philister und Edoms besttigte. In Zweiter Samuel 6,14 tanzt David, nachdem man die Lade bei Obed-Edom abholte, nur mit dem Ephod bekleidet vor der Lade. Er versteht sich also als Besitzer der Lade. 6.2. UND JAHWE SEGNETE NN UND SEIN GANZES HAUSAuffllig in II. Samuel 6,11f. ist die Formulierung Und so blieb die Lade Jahwes drei Monate im Hause Obed Edom aus Gath, und Jahwe segnete den Obed-Edom und sein ganzes Haus. Und man meldete dem Knig David: "Jahwe segnet das Haus des Obed-Edom und alles, was ihm gehrt, um der Gottesladen willen. Da ging David und brachte die Gotteslade aus dem Haus des Obed-Edom unter Festjubel in die Davidsstadt hinaus. Auch dem Abram in Genesis 12 verschaffte Jahwe in gypten Reichtum "um der Sarah willen", whrend Jahwe den Pharao und sein ganzes Haus mit einer Plage heimsuchte, ebenfalls um Sarahs willen: Da wurde das Weib in den Palast des Pharao geholt. Dem Abram aber tat er Gutes um ihretwillen: er bekam Schafe, Rinder und Esel, Sklaven und Sklavinnen, Eselinnen und Kamele. Doch Jahwe schlug den Pharao und sein Haus mit schweren Plagen um Sarais, der Frau Abrams, willen (I. Mose 12,16-17) Die Geschichte von Abram und Saraj wird zweimal wiederholt, in Genesis 20 trat Abraham Sarah dem Abimelech von Gerar ab. Doch warnt ein Engel den Abimelech, Sarah zu berhren. In I. Mose 26 bergab Isaak seine Rebekka an einem Philisterknig, der ebenfalls Abimelech heisst, ab. Doch dieser sah durch das Fenster den Isaak mit seiner Frau liebkosen und war gewarnt. In allen drei Versionen geht es um das patriarchale Motiv des rechtmssigen Besitz der Frau. Jeder, der die Ehefrau unbefugterweise berhrt, ist des Todes. Doch in der ersten Version geht es nicht um den Besitz Sarahs durch Abram sondern um die Beziehung zwischen Jahwe und Sarah. Diese Struktur entspricht einer matrizentristischen Struktur, in der der Mann nur als Manifestation des numinosen Mnnlichen erscheint. Und so ist Jahwe der Beschtzer Sarahs whrend Abram als Nutzniesser auf Kosten seiner Frau lebt. Was bei diesen drei Erzhlungen auffllt, ist die Ambivalenz von "Leben und Tod", "Heil und Unheil", die von der Frau ausgeht, und letztlich von dem hinter ihr stehenden Gott. In I. Mose wird die matrizentristische Version, wonach eine Frau im Zentrum steht, die von einem mnnlichen Gott beschtzt wird, patriarchalisch umgedeutet. Es sind zunehmend die Mnner, die agieren. In Zweiter Samuel 6 steht ein urtmlich patriarchales Muster, wonach eine weibliche Gottheit, die uns im Begriff aaron (Lade) berliefert ist, im Zentrum steht, die Heil und Unheil wirkt. Dieses Muster findet sich, wie etwa Bruno Bettelheim zeigt, in Mnner-Geheimbnde, wo die rituelle Beschneidung eine wichtige Rolle spielt. Die Ambivalenz von Heil und Unheil, die von der Lade ausgeht, ist auch sonst im Alten Testament belegt. Whrend der Deuteronomist den unheilen Charakter der Lade als Kriegsheiligtum betont, kennt der Prophet Jeremia die Lade auch in ihrem Fruchtbarkeitsaspekt: Wenn ihr euch dann mehrt und fruchtbar werdet im Lande in jenen Tagen, spricht Jahwe, so wird man nicht mehr sagen: Die Lade des Bundes Jahwes! - Sie wird keinem mehr in den Sinn kommen, und man wird ihrer nicht mehr gedenken: Man wird sie nicht vermissen und sie auch nicht wiederherstellen. Alsdann wird man Jerusalem nennen "Thron Jahwes" und es werden dorthin alle Vlker zusammenstrmen zu dem Namen Jahwes, nach Jerualem; und sie werden nicht mehr dem Starrsinn ihres bsen Herzens folgen. (Jer. 3,16). Ich denke, die Gotteslade als Gttin wurde seit den Schriftpropheten ersetzt durch "Jerusalem" personifiziert als Jungfrau. Denn sie garantiert die moralische Integritt der Bewohner und der israelitischen Pilger. Die Polemikder alttestamentlichen Autoren, die ja auf die berwindung der Grossen Mutter abzielen, ersetzen die Grosse Mutter durch den weiblichen Geistaspekt in Gestalt der Weisheit und als jungfruliches Jerusalem, wie Erich Neumann in "die Grosse Mutter" beschreibt.
7. DIE FRAU AM FENSTER
|
|||