Eine Sonnengeburt
Die Grosse Mutter und ihre Überwindung durch den grossen Vater.
Interpretation
Unser Text mutet wie die Notiz aus einer Familiengeschichte an. Doch der Name des Sohnes, der hier auf die Welt kommen soll, heisst Serah. Serah bedeutet "Sonnenaufgang" und lässt auf mythologisches Erzählmaterial hindeuten. Hier geht also um die Geburt eines Sonnenhelden. Auch der Name der Mutter deutet auf eine ursprünglich mythische Erzählung. Sie heisst Thamar, Dattelpalme. Die Geburt des Sonnenhelden aus einem Baum ist auf der ganzen Welt bezeugt. Im Alten Orient wird Isthar und Hathor als Palme dargestellt. Sie sind die Göttinnen, die den Menschen mit ihren Früchten speisen und tränken. Nach dem mythischen Abstraktionsvermögen ist die Summe aller Früchte die Frucht. Und als kosmische Frucht hängt sie einerseits am Himmel als Sonne und regiert andererseits als König auf Erden. Als kosmische Grösse bringt die Sonne selber Vegetation hervor, kann sie aber auch durch ihre Hitze zerstören.
Frucht und Sonne erscheinen als Kind der Grossen Mutter. Das Kind übernimmt die uroborische Ambivalenz des Mütterlichen, es ist fruchtbar und zerstörerisch. Als ungeborenes Kind ist die Frucht respektive die Sonne unsichtbar in der Mutter enthalten, nach der Geburt erscheint die Frucht als Sohn sichtbar und getrennt von der Mutter am Himmel. Als Tageslicht tritt die junge Sonne nun in Opposition zur Mutter. Das Kind, der Knabe repräsentiert das Licht, den Tag, die Mutter das Dunkle, Unsichtbare. Gleichzeitig ist nun hell und dunkel geschlechtlich fixiert: Das Dunkle wird der Grossen Mutter zugeordnet, das Helle dem sohnhaften Männlichen Der Übergang von der mütterlichen Geborgenheit zur patriarchalen Herrschaft ist vollzogen.
Der Sonnenheld ist das numinose Vorbild des Ich-Bewusstseins. Der Mensch identifizierte sich beim Übergang vom mythischen zum mentalen Bewusstsein mit dem Mythos vom Sonnenhelden. Wie Mircea Eliade gezeigt hat, ist das mentale Bewusstsein aber rational, das heisst, das Ich entledigt sich der mythischen Bildern. Doch die mythischen Bilder sind nicht einfach aus unserem Bewusstseinssystem verschwunden sondern nur abgetaucht in das kollektive Unbewusste.
Der Übergang von der mütterlichen Geborgenheit in die patriarchale Struktur wird in I. Mose 38,27-30 als Kampf im Mutterschoss dargestellt. Es ist nicht die Sonne selber, welche sich den Austritt aus der Dunkelheit des Mutterschosses bahnt sondern sein Zwillingsbruder und Gefährte. Dieses Motiv erinnert ebenfalls an die altägyptische Mythologie: Dort sitzt Re-Horus die Manifestation der Staatsnorm reglos in der Nachtbarke, während Seth die Apophis-Schlange, das Unterwelts-Ungeheuer, bekämpft.
Die Apophis-Schlange repräsentiert das Ur-Chaos, das Ur-Meer. Im Ur-Chaos sind die Ur-Eltern eins, erst wenn das eine zum andern in Opposition tritt, werden sie auch geschlechtlich unterschieden. Am Ausgang der Unterwelt, dem mütterlichen Schoss tritt die Apophis-Schlange als das Ur-Männliche in Erscheinung und wird von Seth getötet.
Aber Seth tritt nicht nur als Chaoskämpfer auf, sondern er selber ist diese Chaosmacht. Doch als Chaosmacht ist er nicht nur in der Finsternis der Nacht verborgen sondern erscheint auch als Gott der Feinde aus der Wüste. Und als solcher wird er von Horus bekämpft.
Seth der Gott der Wüstenbewohner findet seine Entsprechung im alttestamentlichen Jahwe. Jahwe verlangt vom Pharao, dass dieser das Volk Israel aus Ägypten ziehen lassen soll. Am Berge Horeb mitten in der Wüste zerstört Jahwe in seinem glühenden Zorn sein Volk beinahe. Da Jahwe der EINZIGE Gott ist, übernimmt Israel die Rolle der Grossen Mutter. In Gestalt Israel wird die Grosse Mutter nun vom patriarchalen Jahwe geknechtet. Unsägliches Leid!
Übertragen wir das alttestamentliche Verhältnis von Jahwe und Israel auf unsere heute westliche Welt so leben wir einerseits wohl in einer der gerechtesten Zeiten überhaupt. Andererseits zerstören wir die Natur. Natur ist wie das Volk Israel nicht nur eine konkrete Grösse sondern auch ein Seelenbild in uns - ein Seelenbild von der Grossen Mutter. Da wir uns mit Licht identifizieren, und dieses Licht ist ja bewusst oder unbewusst mit männlich besetzt, bekämpfen wir das Seelenbild Natur, die Mutter Natur, aussen. - Ein Beispiel: Atom-Anlagen.
Letzte Revision: 15.04.2012