G E N E S I S    3 8,27-29

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Altes Testament

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Ein Mythologem zum Aspekt der Grossen Mutter und�
ihrer �berwindung durch den Grossen Vater

Die G�ttin Nut als Baumg�ttin spendet Leben in Form von Essen und Trinken aus Othmar Keel, Die Welt der altorientalischen Bildsymbolik,
S. 166

�bersetzung von Genesis 38,27-29

27. Und es kam die Zeit, da sie geb�ren sollte. Und siehe, Zwillinge waren in ihrem Leib. 28. Bei der Geburt aber streckte einer eine Hand vor; die Hebamme ergriff sie und band einen roten Faden darum. Dies will sagen: Dieser ist zuerst gekommen. 29. Da zog er aber seine Hand zur�ck und siehe, sein Bruder kam heraus. Und sie sprach: Wie hast du dir doch einen Riss gerissen! Und sie nannte ihn Perez (Riss). 30. Darnach kam sein Bruder heraus, der den roten Faden um die Hand hatte, den nannte man Serah.

Interpretation

Unser Text mutet wie die Notiz aus einer Familiengeschichte an. Doch zumindest der Name Serah deutet auf mythologisches Erz�hlmaterial hin, denn Serah heisst "Sonnenaufgang". Es geht also um die Geburt der Sonne. Darauf weist auch der Name der Mutter, die Thamar heisst. Thamar bedeutet Dattelpalme. Und die Geburt der Sonnenhelden aus einem Baum ist auf der ganzen Welt bezeugt. Im Alten Orient wird Isthar und Hathor als Palme dargestellt. Sie sind die G�ttinnen, die den Menschen mit ihren Fr�chten speisen und tr�nken. Nach dem mythischen Abstraktionsverm�gen ist die Summe dieser Fr�chte die Frucht. Und als kosmische Frucht h�ngt sie einerseits am Himmel als Sonne und regiert andererseits als K�nig auf Erden. Als kosmische Gr�sse bringt die Sonne selber Vegetation hervor, kann sie aber auch durch ihre Hitze zerst�ren.

Frucht und Sonne erscheinen als Kind der Grossen Mutter. Als Kind �bernehmen sie die uroborische Ambivalenz des M�tterlichen, sind fruchtbar und zerst�rerisch. Als ungeborenes Kind ist die Frucht respektive die Sonne unsichtbar in der Mutter enthalten, nach der Geburt erscheint die Frucht als Sohn sichtbar und getrennt von der Mutter am Himmel. Als das Tageslicht tritt die junge Sonne nun in Gegensatz zur Mutter, die nun als das Dunkle, Unsichtbare erscheint. Gleichzeitig ist nun hell und dunkel geschlechtlich fixiert: Das Dunkle wird der Grossen Mutter zugeordnet, das Helle dem sohnhaften M�nnlichen, der �bergang von der m�tterlichen Geborgenheit in die patriarchale Herrschaft ist vollzogen.

Der �bergang von der m�tterlichen Geborgenheit in die patriarchale Struktur, welches das Ich-Bewusstsein vollzogen hat, wird in I. Mose 38,27-30 als Kampf im Mutterschoss dargestellt. Es ist nicht die Sonne selber, welche sich den Austritt aus der Dunkelheit des Mutterschosses bahnt sondern sein Zwillingsbruder. Dieses Motiv klingt ebenfalls an die alt�gyptische Mythologie an: Dort ist es Re, der als Manifestation der Staatsnorm reglos in der Nachtbarke sitzt, w�hrend Seth die Apophis-Schlange, das Unterwelts-Ungeheuer, bek�mpft. Doch die Apophis-Schlange stellt nicht einen Aspekt der Grossen Mutter dar sondern das uroborisch M�nnliche, welches den Archetyp der Grossen Mutter kompensiert. Am besten wird dies am Symbol des Yin-Yang erkenntlich:

Erscheint Yin als n�chtliches Himmelszelt und Allmutter Nut, so gibt es ein sie kompensierendes M�nnliche, das mit Yang identisch ist. Dieses Yang wird von der Apophis-Schlange vertreten. Und es ist nicht von ungef�hr, dass Seth einmal als Chaosk�mpfer auftritt, dann aber selber als diese Chaosmacht erscheint. Denn er Gott der Fremden, die von der W�ste her nach �gypten kommen. In unserem Text, Genesis 38, erzwingt sich das uroborisch M�nnliche in Gestalt des Sohnes, den Austritt aus der Mutter. Damit bek�mpft er das Chaos als Mutter, in dem er sich gewaltsam den Austritt verschafft.

Mit dem Austritt aus der Mutter erscheint das uroborisch M�nnliche in seiner urt�mlichen Gestalt, als Seth, als Gott der Feinde, als Gott der gl�hende W�stenhitze, die das bl�hende Land versengt, das er als Chaos und weiblichen Feind erf�hrt. Und genauso verh�lt es sich im Alten Testament. Die Gestalt Jahwes als der Gott vom Sinai ist die Kopie des W�stengottes Mot. Er erscheint in seiner destruktive Gewalt, welches das archetypisch Weibliche in seiner Symbolik wie Land, Volk oder Frau zerst�rt.

Dieses Muster ist ja nicht nur auf den Alten Orient und das Alte Testament beschr�nkt, sondern auch in unserer Zeit gut fassbar in der Zerst�rung von Natur und in der Vernichtungsgewalt, die in den nuklearen Anlagen droht.

revidiert 16.06.2001
neu gestaltet: 31.12.03


Text und Gestaltung: Esther Keller-Stocker, Horgen (Schweiz)


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