Schafe Mose als Hirte mit Schlange

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3.1.4. Der Gott der Hebräer

Der Begriff "Hebräer" kommt im Alten Testament wenig vor (11) und hauptsächlich im II. Mose. Gott der Hebräer ist Jahwe der Gott Israels. Der Gegner des "Gott der Hebräer" ist der Pharao, und die beiden Völker Israel und Ägypten unterscheiden sich in "Gottesvolk" und "Unterdrücker" (12).

Die Erzählungen vom Auszug aus Ägypten stammen aus früh nachexilischer Zeit (13) und sind Projektion in eine ferne Zeit um 1200 vor Christus. Aus der Zeit Ende des 2. Jahrtausends vor Christus sind in Israel keine Belege für den Namen "Hebräer" gefunden worden. Aus Ägypten kennt man die pr.w, Kriegsgefangene unterschiedlicher Herkunft. Sie wurden bei staatlichen Bauarbeiten eingesetzt (14), wie zum Beispiel ein Musterbrief Ramses II.:

Gib Getreideproviant … den ‚pr, welche für den grossen Pylon von ‚ […..] Ramses Miamum‘ Steine ziehen (15).

Diese Kriegsgefangene heissen in keilschriftlichen Quellen hap/bîru. Die Hapiru machten als marodierende Banden den Vorderen Orient unsicher.

Im Alten Testament kommen die Begriffe "Hebräer" oder "Gott der Hebräer" häufig in Texten vor, die entweder von Frauen handeln oder von der Grossen Mutter in ihrem fruchtbaren und furchtbaren Aspekt, wie sie Erich Neumann eingehend beschrieben hat (16): So befiehlt der Pharao den hebräischen Hebammen Siphra und Pua alle Knaben zu töten, die von hebräischen Frauen geboren werden (II. Mose 1,15-22 befiehlt). Ein Kapitel weiter sieht eine Pharaonentochter den kleinen Mose im Körbchen auf dem Nil schwimmen:

Und da sie es auftat, sah sie das Kind; und siehe, das Knäblein weinte. Da jammerte es sie, und sprach: Es ist der hebräischen Kindlein eins. Da sprach seine Schwester zu der Tochter Pharaos: Soll ich hingehen und der hebräischen Weiber eine rufen, die da säugt, daß sie dir das Kindlein säuge? Die Tochter Pharaos sprach zu ihr: Gehe hin. Die Jungfrau ging hin und rief des Kindes Mutter. Da sprach Pharaos Tochter zu ihr: Nimm hin das Kindlein und säuge mir's; ich will dir lohnen. Das Weib nahm das Kind und säugte es. Und da das Kind groß war, brachte sie es der Tochter Pharaos, und es ward ihr Sohn, und sie hieß ihn Mose; denn sie sprach: Ich habe ihn aus dem Wasser gezogen ( II. Mose 2,6-10).

Ungeachtet des Verbotes ihres Vaters lässt sie den Kleinen von seiner Mutter nähren und nimmt ihn später an den Hof. Die Prinzessin ist es auch, die ihm nach alter Müttersitte den Namen Mose gibt.

Die Plagen, die der Gott der Hebräer den Ägyptern schickt, gehören bei Erich Neumann zum furchtbaren Aspekt der Grossen Mutter, zum Beispiel soll das Wasser in Blut verwandelt werden.

Jahwe, der Hebräer Gott, hat mich zu dir gesandt und lassen sagen: Laß mein Volk, das es mir diene in der Wüste. Aber du hast bisher nicht wollen hören. Darum spricht Jahwe also: Daran sollst du erfahren, daß ich Jahwe bin. Siehe, ich will mit dem Stabe, den ich in meiner Hand habe, das Wasser schlagen, das in dem Strom ist, und es soll in Blut verwandelt werden, … (II. Mose 7,16f.)

Ebenso gehören die Frösche (17), die zwei Pestwellen, die über Vieh und Mensch kommen (II. Mose 9), die Finsternis und die Tötung der männlichen Erstgeburt in den Einflussbereich der Grossen Mutter. Die Tötung der Erstgeburt ist das Opfer an die Grosse Mutter (18).

Eine weitere Auffälligkeit bei den Plagen, Mose tritt stets mit seinem Bruder Aaron beim Pharao auf. Aaron gilt im uns überlieferten Text als Sprachrohr Moses:

Danach ging Mose und Aaron hinein und sprachen zu Pharao: So sagt Jahwe, der Gott Israels: Laß mein Volk ziehen, dass es mir ein Fest halte in der Wüste. Pharao antwortete: Wer ist Jahwe, des Stimme ich hören müsse und Israel ziehen lassen? Ich weiss nichts von Jahwe, will auch Israel nicht lassen ziehen. Sie sprachen: Der Gott der Hebräer hat uns gerufen; so lass uns nun hinziehen drei Tagereisen in die Wüste und Jahwe, unserm Gott, opfern, daß uns nicht widerfahre Pestilenz oder Schwert. (II. Mose 5,1-3)

Doch es scheint, dass ursprünglich Aaron allein die Macht hatte, den Stab in eine Schlange zu wandeln und die Wunder zu vollziehen.

Wenn Pharao zu euch sagen wird: Beweist eure Wunder, so sollst du zu Aaron sagen: Nimm deinen Stab und wirf ihn vor Pharao, dass er zur Schlange werde (II. Mose 7,9)

Gewisse Spannungen, wer Gewalt über den Stab hat, liest man in II. Mose 7,14-20: Zuerst soll Mose nach Befehl Jahwes, den Gott der Hebräer, den Stab als Schlange aufs Wasser schlagen. Zwei Verse weiter gibt Gott dem Mose den ausdrücklichen Befehl, dass Aaron den Stab schwingen soll:

Und Yahweh sprach zu Mose: Das Herz Pharaos ist hart; er weigert sich das Volk zu lassen. Gehe hin zu Pharao morgen. Siehe, er wird ins Wasser gehen; so tritt ihm entgegen an das Ufer des Wassers und nimm den Stab in deine Hand, der zur Schlange ward, und sprich zu ihm: Yahweh, der Hebräer Gott, hat mich zu dir gesandt und lassen sagen: Laß mein Volk, daß mir's diene in der Wüste. (Ex. 7,14-16)

Jahwe sprach zu Mose: Sage Aaron: Nimm deinen Stab und recke deine Hand aus über die Wasser in Ägypten, über ihre Bäche und Ströme und Seen und über alle Wassersümpfe, daß sie Blut werden; und es sei Blut in ganz Ägyptenland, in hölzernen und in steinernen Gefäßen. Mose und Aaron taten, wie ihnen Jahwe geboten hatte, und er hob den Stab auf und schlug ins Wasser, das im Strom war, vor Pharao und seinen Knechten. Und alles Wasser ward in Blut verwandelt (II. Mose 7,19-20).

Diese Verdoppelung zeigt, dass die Gabe ursprünglich Aaron gehört hatte, was der Redaktor korrigierte und in der Berufungsgeschichte Mose übertrug.

Aharon  Es ist sowie so eigenartig, wie immer wieder an bedeutenden Stellen die vier Konsonanten auftauchen: AHRN.

Aaron ist im Pentateuch der Bruder Moses. Doch kann etwa Heinrich Valentin in seinem Buch "Aaron, eine Studie zur vorpriesterlichen Aaron-Überlieferung" nirgends nachweisen, dass Aaron jemals existiert hatte. In der Fachwelt gilt der Name Aaron als Eponym und repräsentiert einen ursprünglich fremden Glauben. H. Seebass meint, die Bedeutung Aarons und zugleich seine strikte Unterordnung unter Mose nur so deuten zu können:

dass Aaron Repräsentant eines ursprünglich fremden Glaubens war und dass man diesen nur so aufnehmen konnte, dass man dessen sakralen Vertreter aufs Schärfste an Mose band. (Seite 21)

Wie ich an anderen Stellen gezeigt habe, geht der Name Aaron an die hethitische Sonnengöttin von Aruna oder Arinna zurück (19). Im 2. Jahrtausend vor Christus war das Hethiterreich eine Grossmacht, deren Zentrum im Anatolien lag und sich über ganz Mesopotamien, Syrien und Palästina erstreckte. In den Städten Palästinas herrschten die Hethiter (20) und demnach auch deren Sonnengöttin von Arinna.

SpurenAndererseits haben sich am Ende des 2. Jahrtausends vor Christus einige semitische Stämme zu einem Stämmebund zusammengetan, um sich gegen die gut organisierten Städten behaupten zu können. Ihr Stämme übergreifendes zentrale Heiligtum war die Gottheit, deren Namen uns als "Aruna" überliefert ist. Wie ist es möglicherweise dazu gekommen? Städte, Staaten und ihr Reichtum hatte schon immer eine ungeheure Anziehung auf weniger organisierten Gruppen, Stämme und Völker. Da jeder Stamm im israelitischen Stämmebund seine eigenen Götter, Dämonen und Ahnen hatte, musste eine übergeordnete Figur gefunden werden, die die übergeordnete Struktur des Stämmebundes verkörperte. Dazu kommt, dass die israelitischen Stämme matrilokal strukturiert waren, wie Leo Frobenius ausführlich berichtet hatte (21). Da kam ihnen die hethitische Staatsgöttin von Arinna als übergeordnete Mutter gelegen. Sie ersetzte die einzelnen Stammesmüttern. Doch mit diesem Ersatz war auch die Macht der Mütter gebrochen. Denn Grossreiche  sind patriarchalisch strukturiert und haben sich in grausamen Kriegen ausgedehnt. Wer sich ihnen gegenüber behaupten will, muss sich ihnen anpassen, sowohl in der patriarchalen Struktur wie im Krieg. Der israelitische Stämmebund musste sich gegen die Grossmächte der Hethiter und der Ägypter behaupten, aber auch gegen die Philister, die damals den Alten Orient überschwemmten oder gegen die Midianiter, die als erste mit Kamelen auf Raubzügen gingen. Für den Zusammenhalt des israelitischen Stämmebundes bedurfte es einen Heerführer und Krieger, und die matrilokale Struktur wich allmählich der patriarchalen Ordnung. Die Sonnengöttin von Arinna verlor ebenfalls ihre Macht. In Israel wurde sie von Salomon ins Allerheiligste, also in ein finsteres Verliess, verbannt. In der Zeit judäischer Könige war sie Fruchtbarkeits- und Todesgöttin, die Deuteronomisten machten sie zum "Behälter der 10 Gebote" und im Priesterkodex wird sie einerseits zur Lade aus Akazienholz, andererseits taucht sie als Bruder und Hohepriester Aaron auf.

Ziegenbock als Flamme/EngelDoch zurück zum Begriff "Hebräer": Abraham wird ausdrücklich als Hebräer bezeichnet (I. Mose 14,13). Sein Gott und der Gott seiner Söhne war, wie bereits erwähnt, El Schaddaj:

Und Elohim sprach zu Mose. Und er sagte zu ihm: "Ich bin Jahwe, und ich bin erschienen Abraham, Isaak und Jakob als Gott Schaddaj*; aber mein Name Jahwe ist ihnen nicht offenbart worden. Auch habe ich einen Bund mit ihnen aufgerichtet, daß ich ihnen geben will das Land Kanaan, das Land ihrer Wallfahrt, darin sie Fremdlinge gewesen sind (II. Mose 6,2-4)

* statt Elohim (plural) wie üblich steht hier El Schaddaj (singular) (22).

Nach dieser Aussage war El Schaddaj der Gott, genauer die Göttin der Hebräer.

Auch Joseph wurde Hebräer genannt (23) und musste wegen der Frau Potifars ins Gefängnis, wo er die Träume des Bäckers und Mundschenks deutete und später den Traum des Pharaos. Traumdeutung gehört in den Bereich der Grossen Mutter. Sie hat offenbar auch sein Geschick vom Hause Potifars ins Gefängnis gewirkt. Seine Reise von Israel nach Ägypten, Fall und Aufstieg gleicht einem Mysterienweg, hinter dem die Grosse Mutter steht (24).

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Text und Design: Esther Keller-Stocker, Horgen, Zürich (Schweiz)
Letzte Korrektur am 03.02.2010

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