Schafe

5. Seite von 10 Seiten

pfeile

2.3 Der brennende Dornbusch

Die Bezeichnung "Dornbusch" sei despektierlich gemeint, heisst es etwa in der Fachliteratur. Kann es da sein, dass der Dornbusch von II. Mose 3 an die Baumfabel in Richter 9 erinnern soll? In dieser Fabel wird erzählt, dass der Dornbusch als unfähigster Baum zum König der Bäume gewählt wurde und zwar gerade, weil er nichts Gescheiteres zu tun hat.

Die Bäume gingen hin, dass sie einen König über sich salbten, und sprachen zu dem Ölbaum: Sei unser König! Aber der Ölbaum antwortete ihnen: Soll ich meine Fettigkeit lassen, die beide, Götter und Menschen, an mir preisen, und hingehen, daß ich schwebe über den Bäumen? Da sprachen die Bäume zum Feigenbaum: Komm du und sei unser König! Aber der Feigenbaum sprach zu ihnen: Soll ich meine Süssigkeit und meine gute Frucht lassen und hingehen, daß ich über den Bäumen schwebe? Da sprachen die Bäume zum Weinstock: Komm du und sei unser König! Aber der Weinstock sprach zu ihnen: Soll ich meinen Most lassen, der Götter und Menschen fröhlich macht, und hingehen, daß ich über den Bäumen schwebe? Da sprachen die Bäume zum Dornbusch: Komm du und sei unser König Und der Dornbusch sprach zu den Bäumen: Ist's wahr, daß ihr mich zum König salbt über euch, so kommt und vertraut euch unter meinen Schatten; wo nicht, so gehe Feuer aus dem Dornbusch und verzehre die Zedern Libanons. (Richter 9,8-15)

Die Fabel der Bäume gehört zum deuteronomischen Geschichtswerk und dürfte dem Jahwisten als Vorlage vorgelegen haben. Der nichtsnutzige Dornbusch droht den anderen Bäumen, wenn sie sich seinem Schatten nicht anvertrauen, würde Feuer aus ihm hervorgehen und die Zedern Libanons verschlingen. In Richter 9,15 ist Feuer aus dem Dornbusch metaphorisch für Männer gedacht, die sich nicht unterordnen. In Exodus 3 interpretiert der Jahwist wie bei "vom Weg abkommen" die negative Vorgabe in eine positive Erzählung um. 

Ein anderer Gedanke über Bäume stammt vom Propheten Ezechiel:

Und sollen alle Feldbäume erfahren, dass ich, Jahwe, den hohen Baum erniedrigt habe und den niedrigen Baum erhöht habe und den grünen Baum ausgedörrt und den dürren Baum grünend gemacht habe. Ich, Jahwe, rede es und tue es auch. (Ezechiel 17,24)

Erniedrigung und Erhöhung ein bedeutendes Motiv im Neuen Testament ist hier bei Ezechiel Thema: Der unbedeutende Distelstrauch wird durch Jahwe zum grünenden Baum. In II. Mose 3 geschieht die Berufung Mose nicht unter einem gewaltigen Baum, wie das sonst bei Berufungen oder Geburten von wichtigen Persönlichkeiten üblich ist, sondern unter einem jämmerlichen Strauch, der durch die göttliche Erscheinung zu einer gewaltigen Erscheinung wird.

Der Jahwist lebte in der Zeit der neu-babylonischen Herrschaft. Jerusalem und Tempel sind zerstört. Die Bundeslade, der Wohnsitz Jahwes blieb seit der Zerstörung des Tempels durch Nebukadnezar II. verschwunden. Demnach wohnte Jahwe nicht mehr im Tempel sondern in der Wüste, wie einst in uralten Zeiten, in die der Autor seine Geschichte projiziert.

Doch eines ist heute klar, der Baum oder der Strauch war im Alten Orient nicht Attribut eines Gottes sondern einer Göttin. Die typische Baumgöttin gibt dem Verstorbenen Speiss und Trank (8). Die Baumgöttin ist auf Amuletten und Stelen auch häufig mit Tieren abgebildet, mit Schlangen und Ziegenböcken.

Vegetationsgöttin in "der brennende Dornbusch"
aus Othmar Keel, Christoph Uehlinger
"Göttinnen, Götter und Gottessymbole", S. 63

In Syrien-Palästina wurde die Fruchtbarkeitsgöttin  Aschera als natürlicher oder stilisierten Baum verehrt (9). Ihr Beiname ist "die Heilige", "die Hierodule" oder "die heilige Dirne". Man hat auch Belege gefunden, wonach im 8. und 7. Jahrhundert v. Chr. Aschera in Israel die Ehefrau Jahwes war. In den Segenssprüchen im V. Buch Mose erscheint Aschera als Schoss (Plural), aus dem das Kleinvieh geboren werden:

Gesegnet ist die Frucht deines Leibes
die Frucht deines Bodens und die Frucht deines Viehs,
der Nachwuchs deiner Rinder und die Aschteroth deines Kleinviehs
(V. Mose 28,4 ebenso Vers 18 und 51 und V. Mose 7,13)

Hier ist die mütterliche Kraft der Aschera im gleichem Atemzug wie der Leib der Frau, die Frucht der Erde und des Viehs gesegnet. Andererseits befahl der Deuteronomist oft, die Bäume der Göttin Aschera, die Ascheren, auszureissen und zu verbrennen, zum Beispiel:

Vielmehr sollt ihr so mit ihnen verfahren: Ihre Altäre sollt ihr niederreissen, ihre Mazzeben zerschlagen, ihre Ascheren umhauen und ihre Götterbilder im Feuer verbrennen. (V. Mose 7,5 ).

Propheten polemisierten gegen sexuelle Ausschweifungen auf Höhen unter grünenden Bäumen. Jeremia wetterte etwa:

Auf jedem hohen Hügel und unter jedem grünen Baum
legtest du dich als Dirne hin (Jer. 2,20, vgl. 3,6)

Der Autor des brennenden Dornbusches kennt natürlich die Polemik der Propheten und interpretiert sie auf seine Weise positiv um. Derselbe Autor hat ja auch die Erzählung vom Sündenfall Adam und Evas geschrieben. Was ich mich immer wieder frage ist, weshalb die Exegeten die Ähnlichkeit zwischen dem brennenden Dornbusch und dem Baum des Lebens nicht erkennen. In der Erzählung vom brennenden Dornbusch benutzt der Jahwist das Wunder vom brennenden Dornbusch als Machtbeweis seiner Göttlichkeit. Der Baum des Lebens (und der Baum der Erkenntnis, der sekundär dazu kam) und der brennende Dornbusch symbolisieren aber die Vegetationsgöttin. In II. Mose 3 ist die Göttin gänzlich  verschwunden und kommt verdrängt im Kapitel 4 als Bruder Mose, Aharon, zum Vorschein. Doch davon später.

2.4 Heiliger Boden (II. Mose 3,5)

Marija Gimbutas schreibt:

Etwas Heiligeres als die Erde gibt es nicht.

In prähistorischer Zeit wurde die Erde in Alt-Europa und im Alten Orient als höchste Gottheit verehrt. Sie war die Einzige, die auf einem Thron sass. Die ihr zugeordneten Fruchtbarkeitssymbole sind Symbole der Kraft, der Fülle und der Vermehrung, deren Themen ewige Erneuerung des Lebens und die Bewahrung der Lebenskräfte, die ständig vom Tode bedroht sind.

Wird die Erde beleidigt, so wird sie ächzen und stöhnen. Sie duldet keine Diebe, Lügner oder eitle und stolze Menschen. In manchen Sagen und Legenden verschlingt die Erde Sünder samt ihren Häusern und Schlösser, und wenn sie sich wieder über ihnen schliesst, entsteht an dieser Stelle ein See oder ein Berg (10).

Im Alten Testament ist die moralische Kraft der Erde etwa wie folgt beschrieben:

Wenn man einen Erschlagenen findet in dem Lande, das dir Jahwe, dein Gott, geben wird einzunehmen, und er liegt im Felde und man weiß nicht, wer ihn erschlagen hat, so sollen deine Ältesten und Richter hinausgehen und von dem Erschlagenen messen bis an die Städte, die umher liegen. Welche Stadt die nächste ist, deren Älteste sollen eine junge Kuh von den Rindern nehmen, mit der man nicht gearbeitet und die noch nicht am Joch gezogen hat, und sollen sie hinabführen in einen kiesigen Grund, der weder bearbeitet noch besät ist, und daselbst im Grund ihr den Hals brechen. Da sollen herzukommen die Priester, die Kinder Levi; denn Jahwe, dein Gott, hat sie erwählt, daß sie ihm dienen und in seinem Namen segnen, und nach ihrem Mund sollen alle Sachen und alle Schäden gerichtet werden
(Dt. 21,1-9).

Um den Mord zu sühnen, der von einem Unbekannten ausgeübt wurde, muss eine einjährige Kuh an einem Wildbach das Genick gebrochen werden. Die Kuh ist Attribut der Erdgöttin, aber auch Mittlerin zwischen der Erdgöttin und den Menschen. Um die Erde zu entsühnen, muss sie stellvertretend für den Mörder sterben. Eine uns besser bekannte Erzählung ist die Tötung Abels durch Kain. Kain erhält als Strafe ein Mal auf die Stirn.

Da sprach Jahwe zu Kain: Wo ist dein Bruder Abel? Er sprach: Ich weiß nicht; soll ich meines Bruders Hüter sein? Er aber sprach: Was hast du getan? Die Stimme des Bluts deines Bruders schreit zu mir von der Erde. Und nun verflucht seist du auf der Erde, die ihr Maul hat aufgetan und deines Bruders Blut von deinen Händen empfangen (I. Mose 4,9-11)

David auf hebräisch geschrieben

Der Tempel von Jerusalem stand auf heiligem Boden. Der Tempel war heilig durch die Lade (Aaron), dem Stammesheiligtum Israels, die David nach Jerusalem gebracht hatte. Die Lade war Symbol der Sonne und der Erde. Auf dem Weg nach Jerusalem huldigte David der Lade im Tanz. Er war der Liebling "Dod" der Göttin. Denn "Dod" bedeutet "Liebling" und ist eine Bezeichnung für Baal. Die Konsonanzen von Dod und David sind identisch, beides Mal d-w-d (11).

 Pfeile

Text und Design: Esther Keller-Stocker, Horgen, Zürich (Schweiz)
 Letzte Korrektur am 03.02.2010

Ich freue mich auf Ihren Kommentar und Ihre Anregung!
Kontakt unter E-Mail.