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2.2. Der Bote Jahwes/Der Bote Gottes

Und der Bote Jahwes erschien ihm in einer Feuerflamme mitten aus dem Dornbusch. Und er schaute und siehe da, der Dornbusch stand in Flammen, aber der Dornbusch wurde nicht aufgezehrt. (II. Mose 3,2)

Das Einsetzen eines Boten Jahwes anstelle der Erscheinung Jahwes ist wie gesagt spät und soll eine gewisse Scheu vor dem Gott bezeugen. "Bote Jahwes" und "Jahwe" kombiniert ist typisch für den Jahwisten (5). Der Bote Jahwe kommt vor allem im 1. Buch Mose, Richter und beim Propheten Sacharja vor. In Richter 6,22 zum Beispiel will Gideon sicher sein, dass er von Gott zum Anführer Israels gegen die Midianiter auserwählt ist. Wie in II. Mose 3 wechseln hier die Benennung, einmal ist es Jahwe, der mit Gideon redet, dann der Bote Gottes respektive der Bote Jahwes und später wieder Jahwe. Als Zeichen für seine Berufung verlangt Gideon mehrere Wundertaten (6):

Und Jahwe sprach zum ihm: Wenn ich mit dir bin, wirst du Midian schlagen wie einen einzigen Mann. Er aber sprach zu ihm: Wenn ich Gnade gefunden habe in deinen Augen, gib mir ein Zeichen, dass du es bist, der mit mir spricht. Geh nicht weg von hier, bis ich zu dir zurückkomme und meine Gabe herausbringe und sie vor dir niederlege. Und er sprach: Ich werde bleiben, bis du zurückkommst. Und Gideon ging hinein und bereitete ein Ziegenböcklein zu und ungesäuerte Brote aus einem Efa Mehl. Das Fleisch hatte er in einen Korb gelegt und die Brühe in einen Topf gegossen, und er brachte es zu ihm hinaus unter die Terebinthe und trat hinzu. Und der Bote Gottes sprach zu ihm: Nimm das Fleisch und die ungesäuerten Brote und lege es auf diesen Felsen und giesse die Brühe aus. Und so machte er es. Und der Bote Jahwes streckte den Stab aus, den er in der Hand hatte, und berührte mit der Spitze das Fleisch und die ungesäuerten Brote. Da schlug das Feuer aus dem Felsblock und verzehrte das Fleisch und die ungesäuerten Brote. Der Bote Jahwes aber war seinen Augen entschwunden. Und Gideon sah, dass es der Bote Jahwes gewesen war. Und Gideon sprach: Wehe, Herr, Jahwe, denn ich habe den Boten Jahwes gesehen, von Angesicht zu Angesicht. Aber Jahwe sprach zu ihm: Friede sei mit dir! Fürchte dich nicht, du musst nicht sterben. Und Gideon baute Jahwe dort einen Altar und nannte ihn: Jahwe ist Friede. Er ist dort geblieben bis auf den heutigen Tag, im abi-esritischen Ofra. (Richter 6,16-24).

Vergleichen wir einmal die Szenen von Gideon und Mose:

Gideon Mose
Gideon verlangt ausdrücklich ein Zeichen von Gott für seine Erwählung Jahwe setzt von sich aus ein Zeichen zur Beglaubigung Mose
Gideon opfert Jahwe Brot und  ein Ziegenböcklein Das Tieropfer, das im Alten Testament auch sonst bei der Begegnung mit Gott üblich ist, fehlt bei Mose gänzlich.
Gideon opfert unter einem Pistazienbaum Bei Mose steht ein Dornbusch im Zentrum der Erzählung
Der Bote Jahwes berührte das Opfer mit einem Stab, Jahwe vollzieht am Stab Mose seine Zeichen
da schlug Feuer aus dem Felsblock und verzehrte das Fleisch und das ungesäuerte Brot Der Dornbusch brannte ohne zu verzehren.
Der Bote Jahwes verschwindet und Gideon fürchtet sich Mose verhüllt sein Angesicht, weil er sich fürchtet, Gott anzuschauen.
Gideon baut Jahwe einen Altar und gibt Gott den Namen "Jahwe ist Friede". Mose verlangt von Gott Auskunft, wer er sei.

Sowohl Gideon als auch Mose erleben ihre Begegnung mit Gott bei einem Baum. Feuer spielt bei beiden eine Rolle. Beide Erzählungen könnten aus unserer Zeit stammen. Da wird von Gott gefordert und vor der eigenen Aufgabe gekneift, was das Zeug hält. Mose bringt nicht einmal mehr die sonst üblichen Opfergaben dar und baut ihm auch keinen Altar. Der Grund dafür könnte mit der Kritik alttestamentlicher Propheten zu tun haben, dass Gott nicht auf das Opfer schaut sondern auf die innere Einstellung des Menschen.

Denn ich habe Lust an der Liebe, und nicht am Opfer, und an
der Erkenntnis Gottes, und nicht am Brandopfer.
(Hosea 6.6 vgl. Ps. 51,17-19)

Bei Mose ist aber gerade das Gottesverständnis im Gegensatz zu den Propheten vor und während dem Fall Jerusalems eine andere, modernere. So  klagt Mose nicht wie Jeremia darüber, wieso seine Mutter ihn ausgetragen habe (Jeremia 15,10), sondern findet Einwände, um seinem Auftrag zu entgehen: Einmal weiss er nicht, mit welchem Namen er Gott den Ältesten Israels vorstellen soll, dann findet er die Ausrede, ihn hindere der Mangel an Sprache daran, vor das Volk zu treten. Er provoziert Gott. Und man hat das Gefühl, Mose nimmt Gott trotz Feuer, Zeichen und Sich-Verhüllen nicht ganz ernst. Demgegenüber verhält sich Gideon traditioneller. Er ist im Grunde genauso ungläubig und provozierend wie Mose, aber seine Furcht vor dem Göttlichen sucht er doch noch in Opfer und Altar zu beschwichtigen.

Der nächste Vergleich bringt einen neuen Aspekt ins Spiel, die Zeugung eines Sohnes, zum Beispiel in der Verheissung Simsons (Richter 13). In diesem Text erscheint der Bote Jahwes ganz konkret der Frau Manoahs, während der Gott Jahwe im Hintergrund die Gebete Manoahs erhört. Wo Jahwe wirklich ist, im Himmel, im Jenseits, als Geist in den Räumen Manoahs, ist offen.

Der Bote Jahwes begegnet einer namentlich nicht genannten Frau und verheisst ihr einen Knaben. Die Frau erzählt ihrem Mann, ihr sei ein Mann Gottes begegnet. Manoah betet zu Jahwe, er möge den Mann nochmals schicken, um sie bezüglich des angekündigten Kindes anzuleiten. Der Bote Jahwes erscheint der Frau nochmals auf dem Felde und sie holt brav ihren Mann.

Manoah sprach zu dem Boten Jahwes: Wie heisst Du? Dass wir dich preisen, wenn nun kommt, was du geredet hast Aber der Engel Jahwes sprach zu ihm: Warum fragst du nach meinem Namen, der doch wundersam ist? Da nahm Manoah ein Ziegenböcklein und Speiseopfer und opferte es auf einem Felde dem Jahwe. Und ER tat Wunderbares Manoah aber und sein Weib sahen zu; denn da die Lohe auffuhr vom Altar gen Himmel, fuhr der Engel Jahwes in der Lohe des Altars mit hinauf. Als das Manoah und sein Weib sahen, fielen sie zur Erde auf ihr Angesicht Und der Engel Jahwes erschien nicht mehr Manoah und seinem Weibe. Da erkannte Manoah, dass es der Engel Jahwes war und sprach zu seinem Weibe: Wir müssen des Todes sterben, dass wir Gott gesehen haben Aber seine Frau antwortete ihm: Wenn Jahwe Lust hätte, uns zu töten, so hätte er das Brandopfer und Speiseopfer nicht genommen von unseren Händen; er hätte uns auch nicht all dies gezeigt noch uns solches hören lassen, wie jetzt geschehen ist (Richter 13,17-23)

Manoah fragt nach dem Namen des Boten. Dieser verweigert ihn, indem er spricht, er habe "wundersame Dinge getan". Manoah opfert darauf wie Gideon ein Ziegenböcklein. Im Rauch des Opfers entschwindet der Engel. Und Manoah erkennt da den göttlichen Gesandten und glaubt sterben zu müssen. Doch seine Frau weiss es besser: "Wenn Jahwe Lust hätte, uns zu töten, hätte er die Opfer nicht angenommen". Wieso kommt die Frau dazu, in dieser Situation von "Lust haben (zu töten)" zu reden?

Da das vertiefte Eingehen auf das Verb "Lust haben" den Rahmen dieser Interpretation sprengt, sei nur kurz erwähnt: I. Samuel 2,25 hatte Jahwe Lust die hurenden Söhne des Priesters Eli zu töten. Der junge Sichem hat Lust auf Dina, die Tochter Jakobs (I. Mose 34,19). Er vergewaltigt sie, worauf die zwölf Brüder Dinas einen Grund sehen, ihn und die ganze Stadt zu töten. In den Büchern IV. Mose 27,7.8 und Ruth 3,13 geht es um Schwagerehe. Ein Dilemma zwischen Liebe (Lust haben) und töten findet sich zwischen David und Jonathan:

Saul aber redete mit seinem Sohn Jonathan und mit allen seinen Knechten, daß sie David sollten töten. Aber Jonathan, Sauls Sohn, hatte David sehr lieb und verkündigte es ihm und sprach: Mein Vater Saul trachtet darnach, daß er dich töte (I. Sam. 19,1).

Geht es hier um eine homosexuelle Beziehung wie immer wieder in Fachkreisen erwähnt wird?

Eine andere Form von Liebe (Lust haben) kommt in der Begrüssung der Königin von Saba an Salomon zum Ausdruck:

 Gelobt sei Jahwe, dein Gott, der zu dir Lust hat, dass er dich auf den Stuhl Israels gesetzt hat (I. Kön. 10,9).

Was für eine Liebe ist hier gemeint? Im Leben Salomons spielt die Lade (aaron) eine grosse Rolle. Wie ich in der Interpretation zu II. Samuel 6 gezeigt habe, geht der Name aaron auf Aruna zurück. Aruna ist der Hauptsitz der hethitischen Sonnengöttin Wurushemu. Die Lade (aaron) war Ende des 2. Jahrtausends vor Christus das Heiligtum der israelitischen Stämmen. Die Fachwelt weiss nicht, woher der Name Aaron stammt. Da aber Ende des 2. Jahrtausend vor Christus die Hethiter in Syrien-Palästina herrschten, ist es naheliegend beim Begriff Aaron an diese hethitische Sonnengöttin zu denken. Sie musste sich im Laufe der Zeit den örtlichen Fruchtbarkeitsgöttinnen angepasst haben. In der Begrüssung der Königin von Saba an Salomon kommt noch ihre ursprüngliche Bedeutung als "Göttin des herrschenden Königs" zum Ausdruck.

Jahwe's Bote in Richter 13 ist der eigentliche Erzeuger Simsons. Der Redaktor suchte mit Begriffen wie "er tat Wunderbares" und "Lust haben (zum Töten)" den Sachverhalt zu verschleiern.

In einer ähnlichen Erzählung trifft Hagar auf den Boten Jahwes am Brunnen Beer-Lahai-Roi (Brunnen des Lebendigen, der nach mir schaut, I. Mose 16,7-13). Auch hier fand ursprünglich die Zeugung Ismaels mit diesem Boten statt, wird aber vom Autor in der behäbigen Patriarchen-Erzählung von Abraham eingebettet.

Der Bote Jahwes als zeugender Fremde taucht in mehreren biblischen Geschichten auf, zum Beispiel:

In der Berufungsgeschichte Mose stellt sich der Sachverhalt etwas anders dar:  Der Bote Jahwes erscheint dem Mose in einem brennenden Dornbusch, der nie vom Feuer verzehrt wird. Der Bote Jahwe repräsentiert eine Gottheit. Und nach Vers 2 ist es eigentlich der Bote, der in Flammen steht. Aber was bedeutet "verzehrendes Feuer, das nicht erlöst"? "Verzehrendes Feuer, das nicht erlöscht" ist doch Symbol nimmer erlöschender sexueller Lust, die grenzenlose Lust einer Vegetationsgöttin, die nach Mose verlangt. Die sexuelle Begierde im altorientalischen Kult ist uns durch reichhaltige Belege bekannt (7).

Im Alten Testament kennen wir ein berühmtes Beispiel eines solchen Ritus, die Erzählung vom Aufzug der Bundeslade nach Jerusalem (II. Samuel 6). Beim zweiten Aufzug tanzt David in seinem Schürzchen, also nackt, vor der Lade. Diese Szene ist ein weiterer Indiz, dass es bei der Lade (Aaron) um eine weibliche Gottheit geht.

 

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Text und Design: Esther Keller-Stocker, Horgen, Zürich (Schweiz)
Letzte Korrektur am 03.02.2010

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