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8. And remember, when this whole thing began

I remember
when this whole thing began,
no talk of God then -
we called you a man.
Ich erinnere mich,
wie das Ganze begann,
Keine Rede von Gott -
wir nannten dich einen Mann

Also wir haben „my mind is clearer now“, "you've started to believe", "you've begun to matter more", „set on fire“ und nun „when this whole thing began“. Diese Motive signalisieren einen Anfang, der einerseits das Auftreten Jesu als Mensch bezeichnet, aber auch das Auftreten des Selbst, das im Unbewussten ruht und als numinoses Licht, als Mond oder als Sonne in der Unterwelt symbolisiert wird. Auch in „no talk of God then - we called you a man“ ist die Ambivalenz zwischen dem Archetyp des Selbst und dem Menschen Jesus ausgedrückt. Der Archetyp des Selbst wird entsprechend unserer patriarchalen Norm „männlich“ aufgefasst und der Vertreter des Neuen wird ebenfalls nur in Gestalt eines Mannes wahrgenommen.

In „I remember, when the whole thing began“ scheint es, als ob sich Judas im Zurückbesinnen nun auch seine Projektion zurücknimmt. Doch er verharrt auf sein Dilemma, das in „no talk of God, then we called you a man" zum Ausdruck kommt, indem er in Jesus einen Mann wie Judas selber einer ist, sieht. Aber er fühlt auch das Andersartige an Jesus. Da aber sein Gefühl identisch ist mit seinem Unbewussten, hat es auch die Ambivalenz von fascinosum-tremendum, das Judas zeitlich verschoben erfährt: Zuerst war er so euphorisch wie die Jünger um Jesus und die Menschenmasse, jetzt fürchtet er sich vor dem, was kommt. In seiner Furcht schleudert er Jesus ein Nein entgegen, ein Nein, das aber dem Selbst gilt, eine numinose Grösse ohne Zeit und Raum, die von einzelnen Menschen repräsentiert wird. Sein Nein gegen Jesus löst in Judas grosses Unbehaben aus, denn der Auftrag vom Unbewussten an ihn, der göttliche Auftrag ist seine Ganzwerdung. Und diesen Auftrag erkennt er mit seiner unbewussten Intuition projiziert auf Jesus. Er beschwört Jesus „and believe me - my admiration for you has’t died“. Er versucht Jesus klarzumachen, dass Judas um das Gute, das von Jesus kommt, weiss, ABER die Menschenmenge etwas anderes daraus macht: „But every word you say today, gets twisted round some other way“. Das stimmt, aber er macht das vor allem, denn er ist es eigentlich, der am meisten spricht und Jesus nicht versteht.

And believe me -
my admiration for you hasn't died,
but every word you say today
Gets twisted round some other way
And they'll hurt you
if they think you've lied
Und glaube mir -
meine Bewunderung für dich
ist nicht gestorben.
Doch jedes Wort von heute
hüpft herum auf anderen Wegen.
Und sie werden dir verletzen,
wenn sie denken, du hast gelogen

„And believe me - my admiration for you hasn’t died“ soll auch seine Ernennung zur rechten Hand Jesu "I'm your right man all along" legitimieren, denn wieder spürt er, das etwas die falsche Richtung geht. Gleichzeitig erfährt er in diesem Zugeständnis einen partiellen Verlust seiner Persönlichkeit. Nach unserer patriarchalen Norm will er der beste sein und nun muss er feststellen, dass Jesus, der ihm nicht zuhört, irgendwie besser ist als er. Wenn Judas freiwillig auf „der beste sein“ verzichtet, erfährt er dies als Opfer.

In „my admiration for you hasn’t died“ birgt aber ein weiteres Mal sein Problem, denn wenn seine Bewunderung noch nicht gestorben ist, kann er auch die Projektionen auf Jesus nicht zurücknehmen. Statt dessen erkauft er sich als Opfer das Recht, Jesus weiterhin objektiv dessen Scheitern vorzurechnen: „but every word you say ...“.

9. Nazareth your famous son should have stayed a great unkown

Im neuen Ansatz, die ihm Klärung bringen soll, greift Judas auf das Städtchen Nazareth. „Stadt“ ist ein Symbol der Grossen Mutter. Sie schützte den Bürger mit ihren gewaltigen Mauern gegen das Chaos draussen (24), dass die Stadtmauern immer wieder zum Stürzen brachte. Und wer war dieses Chaos? Fremde Legionen, das archetypisch Männliche in seinem destruktiven Aspekt, welche die Stadt als Kosmosordnung verwüstete. Im patriarchalen Bewusstsein ist die Stadt Besitz eines mächtigen Mannes. Repräsentierte die „Stadt“ die Kosmosordnung, so war es der mächtige Mann oder Gott, welcher diese Kosmosordnung anordnete. Im Alten Testament sind die Städte Jerusalem und Samaria die töchterlichen Ehefrauen Gottes, die von diesem Gott ihre Macht und ihren Besitz erhalten haben sollen.

Die konkrete Mutter wird im Patriarchat von einer symbolischen Grösse ersetzt, so nennt Judas nicht die konkrete Mutter Jesu sondern die Stadt, in der Jesus lebte. Demgegenüber ist der Vater Jesu eine reale Grösse, ein Schreiner. Der Schreiner ist ein Urbild des Grossen Vaters, das sich in der Geborgenheit der Grossen Mutter in der Jungsteinzeit entwickelt hatte (25). Der Schreiner schafft eine neue Schöpfung, eine bequeme Schöpfung, die wir nicht missen können. "Stühle, Tische" sind Grundlagen unseres Lebens wie Luft, Wasser und Erde. Sie sind wichtiges Mater-ial.  Der Schreiner erschafft in der Mater-ie das Mütterliche und entwertet es gleichzeitig. Ein schönes Beispiel aus dem Alten Testament ist die Erzählung eines anderen Handwerkers, dem "Töpfer" vom Propheten Jeremia 18: Jahwe als Töpfer kann mit den Töpfen machen, was er will. Er kann sie wunderbar gestalten, sie aber auch zerstören. Dass der Töpfer angewiesen ist auf das Mater-ial, dem Ton, der eine Eigendynamik hat, vergisst er dabei.

10. Like his father carving wood - he'd made good

Jesus soll bei den Leisten seines Vaters bleiben, ihm nachfolgen. Die Idee der Sukzession, die in der katholischen Kirche eine so wichtige Rolle spielt. Der Papst leitet seine Autorität direkt von den Aposteln ab.

Die Verdrängung des Archetyps der Grossen Mutter, welcher in „Nazareth“ ein weiteres Mal aufblitzt, zwingt Judas zur Auseinandersetzung mit der Gegenposition, der Auseinandersetzung mit dem Grossen Vater. Die Vorstellung „Vater“ empfindet er als ungefährlich, weil er sie konkret auf den Vater Jesu projizieren kann. Nun scheint er die Lösung seines Problems gefunden zu haben. Endlich kann er die ihn aufgebrachte Messias-Vorstellung, für die er bislang keine Erklärung gefunden hat, denkerisch entfalten. In „like his father carving wood - he’d made good“ setzt er der herumschwirrenden Idee von Messias und God einen konkreten Vater gegenüber. Der Vater entspricht Gott als der Ewige Macher, er kreiiert aus Holz Stühle, Tische und Truhen.

Erleichtert greift er auf kollektive Vorstellungen, die im Materialismus das Heil erblicken. Und so zielt er mit „he’d made good“ auf die Güter (good) ab. Wäre Jesus still bei den Leisten des Vaters geblieben und hätte für andere Konsumgüter erschaffen, wäre die bisherige patriarchale Struktur unangetastet und alles heilvoll ausgegangen. Darin verbirgt sich der Machtanspruch der patriarchalen Struktur, die dem Menschen ständig Gutes verspricht und sie gleichzeitig in seinen einschränkenden Normen wieder untergräbt. Die Ambivalenz von heilvollem Zustand eines geordneten Berufes und den einengenden Gesetzen setzt Judas in eine irrationale Situation hinein, den die Welt hat sich geändert. Der Widerspruch von Vergangenheit und seiner aktuellen Lage kommt durch die plötzliche irrationale Form zu Tage, auch spricht er von he und nicht mehr von you.

Holz, Baum war früher das Symbol der Grossen Mutter. Im Alten Orient wurde die Vegetationsgöttin als Baum dargestellt. Im 1. Jahrtausend wurde der Baum stilisiert und als Göttin verehrt. Aus dem Alten Testament kennen wir die Bundeslade, in der Vorstellung eines Kastens ebenfalls ein stilisierter Baum.

Da der Grosse Vater nicht gebären kann, wird er zum Macher. Im Alten Testament macht er seine Partnerin „die Weisheit“ (Prov. 8) und schuf den Menschen (Gen. 1 und 2). Weiter gab Jahwe dem Mose den Auftrag, nach dem Urbilde die Lade (chest) zu machen (Ex. 25). D.h. heisst, in der Lade wandelt Mose die  Grosse Mutter zu Materie.

Das Gefühl, nun endlich die Lösung gefunden zu haben, die aber keine Lösung ist, weil sie der Satz im Irrationalen gehalten ist, beflügelt Judas, dass er geradezu übermütig all diejenigen Güter aufzählt, die in Bälde für die Hinrichtung Jesu nötig wird: Tables, chairs and oaken chests would have suited Jesus best: Die Stühle, damit sich die Priester und Richter sich setzen konnten, die Tische, um darauf das Todesurteil zu unterzeichnen und die Kiste, um den Toten hineinzulegen.

11. OAKEN CHEST

Im Alten Testament wird die Lade im Ersten Samuelbuch als Kriegsheiligtum beschrieben. König David brachte sie nach Jerusalem, wo sie zu Ruhe kam (II. Samuel 6).Durch Jeremia erfahren wir, dass von der Lade auch die Fruchtbarkeit der Menschen und des Landes hervorgeht (Jer. 3,16). In diesem prophetischen Spruch repräsentiert die Lade die Vegetationsgöttin der Judäer. Im 2. Buch Mose 25.10ff. soll die Lade aus Akazienholz hergestellt werden, um die Zehn Gebote hineinzulegen. Akazie ist der Baum der Göttin Al-Uzza. Al-Uzza war neben Al-Lat die Hauptgöttin der vorislamischen Arabern.

oaken chest

Im Alten Ägypten wird der tote Osiris in eine Truhe gelegt und dem Nil übergeben. Auch Joseph, der zweitjüngste Sohn Jakobs, wurde nach seinem Tod in Ägypten einbalsamiert und in eine Lade gebetet (I. Mose 50,26). Mose nahm ihn im Sarg mit auf die Wüstenwanderung (II. Mose 13,19). Als die Israeliten im Gelobten Land ankamen, beerdigten sie ihn in Sichem (Josua 24.32). Das Mitführen der Gebeine Josephs durch die Wüste zeigt, dass es bei dieser Wanderung um einen Initiationsritus handelte.

Aber Chest, die Kiste ist auch ein Symbol der Wiedergeburt. So wird das Sonnenkind nach seiner Geburt in ein Kästchen hineingelegt und dem Wasser übergeben. Aus dem Alten Testament kennen wir die Arche Noah und das Binsenkörbchen, in dem Mose dem Nil ausgesetzt wurde.

Judas betont auch aus welchem Holz die Lade besteht: oaken chest. Die Eiche hatte bei den Germanen eine grosse Bedeutung (26). Die Eiche war der heilige Baum des Himmels- und Donnergottes. Wegen der Härte des Holzes und des stattlichen Wuchses gilt die Eiche als Symbol der Stärke und Männlichkeit, ein Bild für Kraft und Beharrlichkeit. Die Eiche überdauert Jahrhunderte und war deshalb bei den Germanen der Gerichtsbaum (27).

Im europäischen Mittelalter hatte ein Ereignis  eine wichtige Bedeutung für die Entwicklung des rationalen Denkens: Es geschah 722 n. Chr. als Bonifazius das Dorf Geismar an der Eder besuchte, wo die uralte Eiche des Kriegsgott Thor stand. Bonifazius nahm kurzerhand eine Axt und fällte den Baum. Trotz der sakralen Bedeutung des Baumes und des ganzen Ortes, der Kriegsgott Thor rächte sich nicht dafür.

Heute stehen wir am anderen Ende dieser Entwicklung. Der Maler Ferdinand Hodler hat in seinem Bild "der Holzfäller" das Fällen von Bäumen ad absurdum geführt. Den auf diesem Bild fällt der Mann mit der gleichen Energie einen Baum wie im Mittelalter Bonifazius, obwohl praktisch keine Bäumen mehr da sind, die das gebirgige Gebiet eigentlich vor Erosion schützen sollten.

In Griechenland war die heilige Eiche von Dodona ein wichtiger heiliger Ort. Er beherbergte das älteste griechische Orakel. Der Tempel des Zeus erhob sich am Fuss des Berges Tamaros. Es war eine wilde, dramatische Landschaft und war bekannt für heftige Gewitter und grosse Kälte. In Dodona gaben nach Pausanias (2. Jh. vor Chr.) Prophetinnen Besuchern Rat. Die Ratsuchenden näherten sich der Eiche; der Baum regte sich einen Augenblick, worauf die Frauen in Ekstasen berichten: "Zeus verkündet dies und jenes".

Diese Orakelstätte mit den Prophetinnen hatte eine matriarchale Struktur. Denn in matriarchalen Strukturen war es üblich, dass Frauen einen männlichen Gott verehrten. Er war das unbewusste Männliche ihrer Seele, der numinose Animus. In patriarchalen Strukturen nehmen Männer die Stellung des numinosen Animus ein und sind dessen Vertreter.

In der Aufzählung des Judas kommt der Begriff "Oaken Chest" so unscheinbar daher, und doch sind es die zwei bedeutendsten Wörter im 1. Auftritt und in der ganzen Rockoper überhaupt. Jesus als Inkarnation des Selbst ist wohlbehütet, wie in einer Kiste aus dem Ozean des Unbewussten hervorgekommen und wird uns nun auf der Projektionsfläche zum Tode gemartert sichtbar gemacht.

 "Oaken chest" ist wie die Trennlinie zwischen Bewusstsein und der unbewusste Symbolik, die das neue Bewusstsein begründet. Die Energie, die dabei frei gesetzt werden, verlangt ein Opfer.

"Oaken Chest"  weist auf das Tote hin, das Judas mit sich herumschleppt, das Überlebte, das im Film in den Ruinen zum Ausdruck kommt. Das Tote manifestiert sich in der Wüste, seine Argumentationen weist auf die Dominanz des Grossen Vaters.

Wenn Judas in unserem Text betont von "oaken chest" spricht, nimmt er den Beschluss der Priester symbolisch vorweg. Denn die Priester als Vertreter des Grossen Vaters beargwöhnen die Massenbewegung. Eine laut singende Menschenmenge bedeutet Aufruhr, Aufruhr gegen die Behörde. Diese Gefährdung "you set them all on fire", denn wie die Eiche vor dem Blitzschlag gefährdet ist, ist die Behörde durch den Funken der Masse

Zählt Judas auf "Tables, chairs and oaken chest" weicht er bei chest von der Kontinuität tables und chairs ab, indem er chest ein Attribut anhängt. Chest ist ein Symbol der Grossen Mutter und deshalb fügt Judas ganz spontan oaken hinzu. Oak, Eiche steht für den Ratschluss Gottes. Es ist das gleiche Paar wie "Nazareth" und "dein Vater", männlich und weiblich, oder vorher "myth of the man", Mythos steht für das Reich der Grossen Mutter, dessen Repräsentant Jesus ist. Der ganze Text dreht sich also um das Mythologem der Eltern, dem Ursprung ewiger Zeugung und Geburt, aus dem das neue Bewusstsein entspringt.

Pfeil

ENDE

Text und Design: Esther Keller-Stocker, überarbeitet im Oktober 2009

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