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5. The myth from the man
5.1. If you strip away the myth from the man
| I can see, where we all soon wil be If you strip away the myth from the man, you will see where we all soon will be. |
Ich kann sehen, wo wir alle bald sein werden, wenn du den Mythos vom Manne abstreifst. Du wirst sehen, wo wir alle bald sein werden |
Judas ringt um das begriffliche Erfassen des Phänomens Jesu. Über die Intuition ergreift er den Mythos vom Manne, den er selber eigentlich sein soll, den er aber auf Jesus projizierend sogleich ablehnt.
Der Mythos ist bei Judas weiblich besetzt. Da erscheint der Mensch, ein Mann, der eigentlich Judas werden soll, noch in der unbewussten, mütterlichen Geborgenheit (14). Der Mann, der Judas werden soll, ist zwar geboren, aber noch nicht sichtbar. Im Gegenteil, er wehrt sich gegen das Bild und wirft Jesus vor: "if you strip away the myth from the man". Bei "strip away" schwingt etwas Erotisches mit: Jesus soll den Mythos vom Mann abstreifen, wie eine Dirne ihre Kleider abstreift. Damit projiziert Judas erstmals das von ihm verdrängte Weibliche auf Jesus und zwar in der moralisch negativen Wertung des Patriarchats.
In dieser Wertung versteht sich das mental-patriarchale Ich als moralisch gut, wie es das numinose Überich, der Sonnengott oder der alttestamentlichen Gott Jahwe, vormacht. Jahwe steht für Recht und Ordnung, wird im zum absolut Gute und Heile. Ihm tritt seine Ehefrau als Sinnbild für Unmoral in Gestalt einer Dirne entgegen. Da wir diese frevelhafte Gestalt nur in den Vorwürfen Jahwes, ihres Ehemannes kennen, sind seine Anschuldigungen als Projektionen seines eigenen Schattens zu werten, die er an seiner Ehefrau respektive Ehefrauen Israel und Judäa erkennen kann.
In unserem Text scheint Judas etwas von der Integrität des Weiblichen bei Jesus zu spüren (15). Und das sucht er mit "strip away" zu treffen. "The myth" gilt im patriarchal mentalen Bewusstsein als Nicht-Wahr im Sinne von "nicht den Fakten entsprechend". Judas delegiert Jesus in das Mythenreich. Und da Judas weiblich mit negativ wertet, vertritt Jesus auch das Weibliche, das Judas eigentlich in sich integrieren soll.
5.2. Der Messias (der Gesalbte) unter dem Archetyp der Grossen Mutter
You have set them all in Fire. They think they've found the new Messiah!
Der altorientalische Messias war der König. Er ist Garant für Leben, Wohlstand und Frieden. Mit der Thronbesteigung läutet er einen neuen Weltenfrühling ein, eine neue Schöpfung, in dem sich alles Leben neu entfaltet. Doch der König stirbt und nimmt alles Leben auf Erden mit in den Tod. Dies war natürlich eine Tragödie, die beweint und beklagt wurde. In der Totenwelt ist der König Totenrichter und Heilbringer. Diese Art von König geht auf den Mythos vom sterbenden und auferstehenden Gott zurück, der unter der Dominanz der Grossen Mutter, der einstigen allumfassenden Gottheit, stand.
Diese ursprüngliche Vorstellung hat sich bis in Stellen des Alten Testament bewahrt. Dort heisst es im berühmten Thronbesteigungspsalm:
Er sprach zu mir: Ich nehme dich auf meinen Schoss -
ich selbst habe dich heute geboren (Psalm 2, 7).
Im jetzigen hebräischen Text steht "ich habe dich heute gezeugt", was nach Hugo Gressmann falsch ist (16) . Der erste Satz: "Ich nehme dich auf meinen Schoss" gehört zur bekannten altorientalischen Symbolik, wonach der König auf den Knien der Göttin sitzt. Allgemein bekannt sind die Darstellungen des ägyptischen Pharaos auf den Knien der Isis, aber auch der assyrischen Grosskönig Assurbanipal sass auf dem Schoss der Isthar, der Königin von Ninive und trank von ihren Brüsten. In Psalm 2,7 ist also die ursprüngliche Göttin durch einen Gott ersetzt.

Auch der biblische Jesus erscheint als Sohn der Grossen Mutter: So taucht zum Beispiel während seiner Taufe eine Taube auf. Die Taube war im ganzen Alten Orient das Begleittier der Grossen Mutter. Die Salbung des biblischen Jesus durch eine Frau gehört ebenfalls zum kultischen Akt einer Mutterreligion. Die Evangelisten hatten dieses Ereignis nachträglich ihrer patriarchalen Gesinnung entsprechend umgewandelt. Und es ist ebenfalls nicht verwunderlich, dass auch heutige Theologen dieses Ereignis herunterspielen und und als "Mythos" verdrängen. So schreibt Martin Dibelius (17) etwa, die Salbung in Bethanien bei Markus sei ein später eingefügtes Paradigma am Anfang der Passionsgeschichte, welches den Tod Jesu vorwegnähme. Es ist eigenartig, wie Theologen immer wieder Gegebenheiten, in denen Männer vorkommen als historisch betrachten, und solche, die von Frauen handeln, als sekundäre Erzählung abtun.
6. And remember - I've been your right man all along
| And remember - I've been your right man all along. |
Und denke daran - Ich bin stets der Mann an deiner Seite. |
Die Etymologie von "remember" ist nicht so ergiebig wie von "mind": Remember stammt aus der romanischen Sprachlinie des Englischen, mittelenglisch remembren, altfranzösisch remembrer, das auf das spätlateinische Wort remorari zurückgeht, was to call to mind heisst. Das Substantiv von remember ist memory, das aus der Sanskrit-Wurzel *smer stammt, was sich sorgen für, ängstlich sein, besorgt sein (to be care for, anxious about) bedeutet, ferner denken, erwägen und erinnern. Auf die *mer-Wurzel geht das griechische Wort mermeros (Angst, Besorgnis verursachen) zurück. Das Wort kann aber auch Unheil, Schaden, Übelstand (mischievous) und verderben, tödlich, giftig (baneful) bedeuten. Im Griechischen kommt das schwundstufige Wort mrtys Zeuge, Blutzeuge vor, das über das Kirchenlatein Martyrium (Blutzeugnis für den christlichen Glauben) vom Englischen martyr und Deutschen im Begriff Marter (Qualen, Folter, Peinigung) übernommen wurde (18).
Judas versteht den Satz "I've been your right man all along" positiv im Sinne von Solidarität mit Jesus. Judas drückt seine Besorgnis um das Schicksal Jesu und der Jesus-Gruppe aus. "Right" meint aber auch Recht und "rechtes Bewusstsein" im patriarchalen Sinn. Und damit ist Judas Nachfolger der alter Gesetzgeber, er folgt biblisch ausgedrückt, Mose und dessen Geboten. Doch die Gebote Mose sind eingebettet in einer chaotischen Welt, in der das Recht des Stärkeren gilt und alles niederschlägt, was sich diesem Stärkeren in den Weg stellt (vgl. z.B. das V. Buch Mose). Diese kriegswütige Welt ist die Schattenseite des patriarchalen Sonnenbewusstseins, die mit allen Mitteln ideologisch gerechtfertigt wird.
So ist der Hintergrund von "And remember - I've been your right man along" nicht so positiv wie es auf den ersten Blick scheint: Steht Judas rechts, so Jesus links und damit vom patriarchalen Verständnis her auf der dunklen, unbewussten aber auch falschen Seite. Als auf der rechten Seite stehend verurteilt Judas seinen Kontrahenten, der seinerseits ein neues Bewusstsein vertritt. Mit diesem Bewusstsein taucht auch die verdrängte matriarchal-lunare Seite auf.
Mit dem Urteil des Judas regt sich nun sein unbewusster Schatten, der Jesus dem Martyrium und dem Tod ausliefert. Judas wird mit seinem Urteil "I've been your right man all along" zum eigentlichen Richter und Henker Jesu.

7. You have set them all on fire
| You have set them all on fire, they think they've found the new Messiah. |
Du hast sie alle in Brand gesetzt, Sie denken, sie haben den neuen Messias gefunden. |
Etwas in Brand setzen gehört zu den ersten Leistungen des Menschen. Feuer machen hebt den Menschen über das Tierische hinaus. Doch mit dem konkreten "Feuer entfachen", vollzog sich auch ein inneres Ereignis. Mit dieser Tat setzt der Mensch geistige Energien frei, die er als Gespenster, Dämonen und Göttern in der Aussenwelt wahrnimmt. Auch dürfte das Feuer entfachen das Bewusstsein von hell und dunkel geschärft haben. In der griechischen Mythologie ist es der Titane Prometheus (ein me-haltiger Name), welcher das Urfeuer von den Göttern stahl, um es den Menschen zu bringen. Zur Strafe wurde Prometheus an einen Felsen des Kaukasus gefesselt, und ein Adler frass täglich an der Leber, welche ihm jede Nacht wieder nachwuchs, bis Herakles den Vogel des Zeus mit einem Pfeil erlegte und den Unglücklichen von seiner Pein befreite (19). Nach einer jüngeren Version ist Prometheus der Erschaffer der Menschen.
Das Entfachen des Feuers ging einher mit einer Inflation des archetypischen Lichts . Die Inflation des Lichtes wurde dann auch zum zentralen Thema unserer religiösen Wurzel, des Alten Testaments, denn der alttestamentliche Gott gibt sich inmitten der Wüste zu erkennen als eifersüchtiger, glühend zorniger Gott. In seiner eifersüchtigen Glut erinnert er an einen Wüstengott, welcher im Hochsommer alles Lebendige zerstört.
You set them all on fire drückt die Angst vor der inflationären Bedrohung aus, die vom Feuer ausgeht. Das Feuer kann den Einzelnen verzehren, aber auch ganze Völker. Die Befreiung von dieser Inflation erfolgt in der Integration des Lichtes im menschlichen Bewusstsein. Diese Integration kommt im Sonnenmythos zum Ausdruck. Dieser Sonnenmythos kommt nach Leo Frobenius auf der ganzen Welt in verschiedenen Variationen vor. Dieser Mythos fragt, wohin die Sonne am Abend geht und woher sie am Morgen kommt. Als Antwort stellt man sich z.B. vor, dass der Sonnenheld vom Meeresungeheuer verschlungen wird. Im Bauch des Meeresungeheuer schneidet der Sonnenheld das Herz heraus oder macht ein Feuer. Damit befreit er sich und und seine Begleiter. Das Ereignis ist wie die Begehung in den Höhlen die Erneuerung des Bewusstseins, ein Symbol der Wiedergeburt.
Die Sonne als Urfeuer hatte im Alten Orient eine ungeheure Bedeutung. Mircea Eliade zeigt, dass sich rationales Denken, Geschichte, Gesetz und Staat bei allen Völkern, bei denen der Sonnenkult eine überragende Rolle spielt, herausentwickelt hatte (20). Der Alte Orient ist überflutet von Sonnengöttern und sonnenhaften Herrschern. Als ein Höhepunkt dieses Sonnenkultes erscheint Jahwe auf dem Berge Sinai. Aber gerade die Theologen, die diese Geschichte aufschrieben, suchen die Sonnensymbolik zu rationalisieren und historisch zu deuten. Damit fand genau der umgekehrte Vorgang statt als heute mit dem mentalen Bewusstsein, das sich zurück an die Wurzeln besinnen muss.
Das Inflationäre der Theophanie auf dem Horeb (Sinai) erscheint im Bild der glühenden Wüste, das Land des Totes, des Jenseits, des Unbewussten, das im Gegensatz zur dunklen mütterlichen Geborgenheit als Symbol für den Grossen Vaters steht. Das Volk Israel stand völlig entblösst von der mütterlichen Geborgenheit der Willkür des Vatergottes gegenüber. Es war der Todesgefahr dieses Gottes ausgeliefert, die im Gegensatz zum Tod in der mütterlichen Geborgenheit keine Wiedergeburt kennt. Mit dem gleichen Bild der Wüste wird das Inflationäre von "you set them all on fire" im Film dargestellt, das Licht, die Hitze als Ausdruck des Todes im Archetyp des Grossen Vaters.
Taucht Judas mit einem Teil seiner Ich-Energie ab in die Tiefe, so holt er mit "you set them all on fire" unbewusst dieses Mythologem hervor. Das Motiv ist eine Bestätigung von "my mind is clearer now".
Feuer ist aber auch Symbol sexueller Erregung (21), das in unserem Text "if you strip away the myth from the man" weiterführt. Doch hier richtet sich Judas Vorwurf nicht mehr an seine auf Jesus projizierende Anima, sondern Jesus erscheint als der Sonnenheld, bei dessen Auftreten das Volk in Verzückung gerät. Das Volk ist wie ein Symbol des weiblichen Archetyps in seiner chaotischen Form, wie Judäa und Israel als Ehefrauen für das Bewusstsein der Autoren des Alten Testaments. Und dieses Weibliche nimmt Judas negativ als Gefahr war ebenso wie die Behörde, die den geordneten Strukturen des Patriarchats und des Grossen Vaters vertritt.
Schriftpropheten im Alten Testament beschreiben das Verhältnis von Gott und Volk als Ehebund. In dieser Ehe verfällt die Ehefrau in Unzucht und wird von ihrem göttlichen Ehemann in glühendem Zorn bedroht und bestraft wird (Hosea 2, Ezechiel 16). Wichtig in der alttestamentlichen Ehebeziehung ist, dass Israel als Gemahlin nicht zu Wort kommt. Denn Jahwe erträgt keinen Widerspruch und somit sind seine Vorwürfe Projektionen seines eigenen Schattens, Wahrheit ist das, was er für wahr hält. Er sieht sich nur als Gott des Lebens, dass er in erster Linie ein Gott des Todes ist, verdrängt er und dazu muss er ein ethisches Raster schaffen, an dem Israel als Gemahlin sowie so scheitert (22).
Im Neuen Testament ist es der Erfolg des Paulus, ein theologisches Konzept zu entwerfen, welches das Weibliche als archetypische Grösse verdrängt (Röm. 3,24-26). Im Christentum kam das gespaltene Weibliche in der ewig keuschen Muttergottes und dem folterreichen Hexenprozessen wieder zum Vorschein (23).
Mit "remember" in der Rockoper taucht der patriarchale Schatten auf. Da das patriarchale Ich Judas als "richtig" erfahren wird, wird der Schatten als "nicht richtig" empfunden. Über den Schatten hinaus geht um die Integrität der Ganzheit, die Judas auf Jesus projiziert.
Text und Design: Esther Keller-Stocker, überarbeitet im Oktober 2009
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