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4. Die Sonne als Gottheit
4.1. Die alteuropäische Sonnengöttin
Die Sonne als Muttergottheit war im Alten Europa und im Vorderen Orient allgegenwärtig. Sie ist, wie Marija Gimbutas (7) eindrücklich gezeigt hat, uns als Auge der Vogelgöttin überliefert .
Das Sonnenauge spendet Regen in Form von Tränen, der zusammen mit Flüssen und Quellen zum fruchtbaren Aspekt der Grossen Mutter gehört. Flüsse und Quellen werden als mütterliche Brüste und mütterlichen Schoss dargestellt.
Der Statuette im Bild rechts fliessen die Ströme aus den schlitzförmigen Augen einer Muttergottheit über deren schweren Brüsten herab (Mähren, ca. 24'000 v. Chr.).
Neben der Fruchtbarkeit spendenden Eigenschaft sieht das Sonnenauge der Grossen Mutter auch alles. Und zwar nicht nur am Tage sondern auch in der Nacht, nicht nur draussen sondern auch drinnen in den geheimsten Winkeln der Seelen. In dieser Funktion wird sie als Eule dargestellt, die mit ihren Augen die Dunkelheit durchdringen. Das alles sehende Sonnenauge hielt den Menschen zum moralischen Handeln an. Als moralische Instanz wirkt die Göttin auch im finstern Grabe über den Tod hinaus zur Schwelle der Wiedergeburt.
Kehren wir zum Satz "my mind is clearer now" zurück. Judas drückt wie bereits gesagt seinen Verstand aus, das Immer-klarer-werden seiner Gedanken. Doch die klarer werdenden Gedanken zeigen auch auf der intuitiv mythischen Ebene das Bild der Sonne, das einerseits den aktuellen Gedanken wie das tägliche Licht repräsentiert, das aber auch zurückgeht in das Dunkle, aus dem der Gedanke wie ein Licht hervorkommt. Die Rückwärtsbewegung erinnert an die Eulenaugen, die das Dunkle, Abgründige schauen, wo Tod und Leben sich vereinen.
Betrachten wir nochmals das Yin-Yang-Symbol als Darstellung des Bewusstseins am Anfang
des Abschnittes "Judas der Denker": Wir sehen die Wahrnehmung zwischen dem bewussten Denken
und der unbewussten Intuition und dem unbewussten Fühlen. Wenn Judas die Fakten, die ihm die Wahrnehmung zuspielt, aufgreift,
kommen auch Inhalte mit aus dem kollektiven Unbewussten. Diese Inhalte werden als Bilder von seiner
Intuition aufgegriffen und passieren die Wahrnehmung ungehindert und werden erst im Denken gewertet, nach patriarchalen Werten beurteilt.
Vom hellsten Punkt zum dunkelsten Punkt und dann wieder zum hellsten ist auch der Weg der Sonne. Der Sonnenlauf erzählt die Wanderung jedes Menschen in seine Tiefen und Höhen und ist Sinnbild eines jeden Mysterienweges.
4.2. Der Lauf der Sonne im Dunkeln als Mysterienweg
Erich Neumann (8) hat anhand den prähistorischen Höhlenfresken im franko-kantabrischen Raum den Mysterienweg sehr schön beschrieben. In den Fresken sieht er Abbilder des archetypischen Mysterienweges hin zur Grossen Mutter. Jede/r von uns hat solche Bilder, die sie/er im seelische Prozess als Mysterienweg vollzieht.
Seit jeher fühlen sich Menschen vom Berginnersten angezogen, so auch die Frühmenschen im franko-kantabrischen Raum. Hier hatten sie die Möglichkeit tief ins Innere der Berge einzudringen. Um ins Innere des Berges, in den Schoss der Allmutter zu gelangen, überwanden sie grosse Gefahren. Erich Neumann schreibt: Nach stundenlangen erschöpfenden Wanderung durch die Höhlengänge, durch unterirdische Seen schwimmend und sich in engen Schächten verirrend, gelangten sie in eine grossen Halle. Hier in absoluter Finsternis und Stille kam es zur Erleuchtung, zur göttlichen Vision. Marie E. P. König (9) weist daraufhin, dass die bebilderten Höhlen tausende von Jahren rituell begangen wurden.
Ein markantes Motiv der Höhlenfresken ist der sterbende Bisonstier. Er bricht unter den Pfeilen des
Jägers zusammen. Der Stier ist ein Symbol des Mondes. Marie E. P. König zeigt am
Fresko, dass seine Hörner
die vier Mondphasen darstellen. Die vier Mondphasen brachte der Mensch schon immer in Verbindung mit Tod und Geburt.
Der Mond stand wie der Stier seit jeher auch in enger Beziehung zur weiblichen Fruchtbarkeit und damit auch zur Geburt, die für Mutter und Kind bis vor ein paar Jahrzehnten eine bedrohliche Angelegenheit war. In der Geburt kommt Tod und Leben am engsten zusammen.
Der Bisonstier auf dem Bild ist von Pfeilen getroffen. Pfeile gehören seit jeher zur Symbolik der Sonne. Sie stellen deren Strahlen dar, die das Opfer tötet. Wie aber muss man sich ein solches Ereignis von Jäger und Opfer vorstellen? Leo Frobenius berichtet in "das unbekannte Afrika" (10): Vier Jäger (drei Männer und eine Frau) trafen sich am Abend auf einem Platz, wo das zu jagende Tier in den Sand gezeichnet wurde. Der erste Sonnenstrahl, der die Zeichnung am frühen Morgen traf, hatte auf magische Weise das Tier getötet. Der konkrete Vollzug des Tötens durch die Jäger war nur noch die Vollstreckung des magischen Geschehens. Ähnlich darf man das Jagdritual der Frühmenschen in den franko-kantabrischen Raum vorstellen. Der Pfeil vollstreckte die Absicht der Sonne, den Stier als irdische Gestalt des Mondes zu töten. Nach Jean Gebser, der die Beschreibung von Leo Frobenius übernommen hatte, überantworteten die prähistorische Jäger mit dem Ritual die Tötung des Bison auf die Sonne, statt die volle Verantwortung für die Tat zu übernehmen, wie man das heute tut. Diese Schlussfolgerung von Jean Gebser ist aber blauäugig, ist es doch unser sonnenhaftes Ich-Bewusstsein, das nicht nur einzelne Bison erlegt sondern ganze Tierarten unwiderruflich ausrottet und dies ohne allzu viel Schuldgefühle.
In der Höhle zu Lascaux (Frankreich) überspringt eine Kuh mit verkürzten Beinen eine Pferdeherde. Sie erinnert an Hathor,
an die
ägyptischen Kuhgöttin. Überhaupt scheint der Alte Orient aus den europäischen
Höhlenfresken Motive
übernommen und weiterentwickelt zu haben.
Davon ist auch Marie E. P. König überzeugt und Jürgen Spanuth zeigt in "die Philister -
das unbekannte Volk", dass Europäer im 4. Jahrtausend vor Christus Rinder und
ihre Kultur nach Ägypten gebrachten hatten.
4.3. Die Sonne als Manifestation des männlichen Archetyps im Alten Ägypten
Eine zentrale Figur im Alten Ägypten war der Totengott Osiris. Als Leichnam wurde er
vom Apsis-Stier in die Unterwelt getragen, und ab und zu erscheint er selber in der Gestalt eines Stieres.
Das Alte Ägypten war lebensfroh und festfreudig, doch andererseits befiehl der Ägypter eine eigentümliche Faszination vom finsteren Reich des Todes und dessen Herrscher Osiris. Dazu schreibt Gregoire Kolpatchy:
Der alte Ägypter war fasziniert, hypnotisiert vom Rätsel des Todes. Das ganze Weltall war für ihn ein grandioser, kosmischer Sarkophag, in dessen Mitte sich Osiris befand, der gefallene kosmische Mensch, gefesselt, eingekerkert, paralysiert. Sein Leib war den Kräften des Bösen preisgegeben. Er war identisch mit dem "Ersten Menschen" der Gnostiker und des Mani, mit dem Adam Kadmon der Kabbala, als der Protagonist der kosmischen Urtragödie. Das "gütige Wesen" wurde geopfert, preisgegeben; und dieses Opfer bleibt bis auf heute rätselhaft und voll Geheimnis (Das ägyptische Totenbuch, S. 14)
Osiris ist meistens mit seinen Schwestern Isis und Nephthis anzutreffen. Die beiden Göttinnen schützen ihn mit ihren Flügeln.
Die andere grosse göttliche Gestalt war der Sonnengott Re aus Hieropolis. Im Neuen Reich wurde er mit Amun aus Theben zur Gestalt Amun-Re verbunden. Der helle Sonnengott Amun-Re, der auf seiner Bahn die dunkelsten Winkeln der Erde und der Seele durchleuchtet, wirkt wie die Kompensation zu Osiris. Amun-Re bahnt sich seinen Sonnenweg im Kampf und liess zur Mittagszeit durch seine Crew ein Ungeheuer, die Apophisschlange, töten. Am Abend zog er im Westen in die Nachtbarke, ging in den Mund der Himmelsgöttin Nuth ein und durchfährt die Nacht begleitet von Dämonen und Toten. Mitten in der Nacht trifft Re den Totengott Osiris. Die beiden umarmen sich. Diese Umarmung wird als Vereinigung von Vergangenheit und Zukunft ausgelegt. Am Morgen verlässt Re als neugeborenes Kind, als Horus, den Nachthimmel, indem er aus dem Mund der Himmelsgöttin fährt, während Osiris als Leichnam in der Unterwelt zurückbleibt.
Eine wichtige Gestalt in der Crew des Sonnengottes war Maat, die Göttin der Gerechtigkeit und der Weltordnung. Sie ist es auch, die den Gott Re mit Gerechtigkeit füttert und bekleidet. Wie Hans Heinrich Schmid zeigt, ist mit dieser Gerechtigkeit nicht nur Gerechtigkeit in unserem juristischen Verständnis gemeint sondern die Kosmosordnung schlechthin im Gegensatz zum Chaos. Im Tagesboot der Sonne steht sie mit Isis am Bug des Schiffes, erkennbar an der Feder auf ihrem Kopf.

Mit dem Pharao Echnaton um 1340 v. Chr. kam es zu einem tiefen Bruch in der altägyptischen Religion. Er versuchte den wuchernden Götterstaat und den damit verbundenen Einfluss der Priesterscharen einzudämmen. Kurzerhand verkündete er die Sonnenscheibe als Gott Aton. Aton soll der einzige Gott sein. Neben Aton gab es keine Götter und Göttinnen mehr, auch keine Dämonen und Geister. Mit Aton verschwand aber auch die wichtige Frage nach der Unterwelt und nach dem Tod. Das Volk rumorte und die alte Priesterschaft kämpfte um ihren Einfluss. Nach dem Tode Echnatons wurde der Aton-Glaube sogleich wieder abgeschafft. Doch die reformatorischen Ideen um den Gott Aton erlangten unter den Ramessiden eine neue Blüte und wurden im altbekannten Sonnengott Re-Amun verehrt. Hier begann die Vorstellung von der Erschaffung der Welt, indem nämlich Amun-Re die Welt im Prozess seiner eigenen Gestaltwerdung und Ausdehnung erschafft. Jan Assman schreibt:
"Jetzt erschafft sich Amun-Re die Welt im Prozesse seiner eigenen Gestaltwerdung und Ausdehnung.
In diesem Werden in der Welt dehnt sich Amun-Re in alle Richtungen aus und
erfüllt die Welt von innen her aus bis weit über ihre Grenze
Sein Leib ist der Wind,
der Himmel ruht auf seinem Haupt
das Urwasser trägt sein Geheimnis.
Sein Priester ist der Falke auf der ...
Du bist der Himmel,
du bist die Erde,
du bist die Unterwelt
du bist das Wasser,
du bist die Luft zwischen ihnen.
Deine beiden Augen sind Sonne und Mond,
dein Kopf ist der Himmel,
deine Füsse sind die Unterwelt"
Als einziger Gott und Schöpfer tritt er auch als alleinige ethische Instanz auf. Dabei war unrechtes Verhalten der Menschen nicht mehr verzeihliches Missgeschick wie vor Echnaton sondern Sünde vor Gott. Mit diesem Verständnis von Gerechtigkeit verlor die Göttin Maat ihren Einfluss. Jetzt ist es der Wille Re-Amun, der die kosmische Ordnung schafft.
Im 1. Jahrtausend vor Christus hat das Sonnenhafte alle Gottheiten erfasst. Man kann von einer psychischen Inflation der Sonne, des Lichtes im menschlichen Bewusstsein sprechen. Es drückt die Faszination der Grösse und der unabhängigen Macht des Archetyps des Grossen Vaters aus. Der Sonnengott wird zum numinosen Überich, mit dem sich der Mensch identifiziert. Das Resultat ist die Fähigkeit Staaten aufzubauen und zu verwalten. So betont Mircea Eliade, dass Ratio, Staat und Geschichte sich nur entwickelten, wo der Sonnenkult eine überragende Bedeutung spielte.
4.4. Das Sonnenhafte im Alten Testament
Die Faszination von Macht und vollständiger Unabhängigkeit von der Grossen Mutter, wird im Alten Testament von Jahwe vertreten. Er duldet keine Götter neben sich (11). Die Autoren des Alten Testaments, die den Auszug Israels aus Ägypten aufschrieben, lebten vom 8. bis 6. Jahrhundert v. Chr. zuerst in Israel dann in Judäa. Sie projizierten die Geschichte vom Auszug Israels aus Ägypten ins 13. Jahrhundert v. Chr., in die Zeit Ramses II. Es war die Zeit, in der Amun-Re zum alleinigen Staatsgott erhoben wurde. Obwohl heutige Theologen den Einfluss altägyptischer Religionsgeschichte auf den Jahwe-Glauben ablehnen, ist es doch nicht von ungefähr, dass gerade zu jener Zeit Jahwe das Volk Israel aufgefordert haben soll, zu ihm in die Wüste zu kommen. Die Wanderung durch die Wüste soll 40 Jahre gedauert haben. Sie ist wie die Begehung der frühen Europäer im franko-kantabrischen Raum ein Mysterienweg, deren Höhepunkt die Begegnung des Volkes mit Jahwe darstellt. Doch anders als im südlichen Europa, wo der Weg ins Innerste des Berges, in den Mutterschoss zurückführte, wandern die Israeliten unter der gleissenden Sonne zum Berge Sinai, (Horeb) zum Grossen Vater, der mit gewaltigem Getöse und Feuer das Volk genauso in Todesangst versetzt wie die Höhlenschlünde der Grossen Mutter in den alteuropäischen Höhlen.
Die Theophanie Jahwes auf dem Sinai lässt offen, ob Gott aus dem Berge stieg oder als Sonne über dem Berge schwebt. In der heutigen Forschung geht man von einem Vulkanausbruch aus, obwohl es in der vermuteten Gegend keine Vulkane gibt oder gab. Ich denke, bei der Theophanie im II. Buch Mose 17 und im V. Buch Mose 5 handelt es sich nicht um historische Aussagen sondern um das geistige Bild der betreffenden Bibelautoren . Sie beschreiben darin die Inflation des Lichtes, ihre Seelen waren in Flammen, ihr Credo ein Vorwärts nach oben, wo das Göttliche waltet. Im Alten Orient war der Gott des Berges der Überwinder des Chaos, der Überwinder der Tiamat, des Urozeans und der Urmutter. Der Berg war das Sinnbild für Majestät und Unerschütterlichkeit. Im Film Jesus Christ - Superstar schreit Judas rot gekleidet vom Berg herab, also von oben herab seine Kritik. Er erscheint wie der schwarze Teufel, der dem blonden weiss gekleideten engelhaften Jesus die Leviten erteilt (12).
Der Gang Israels zum Berge Horeb (Sinai) ist der Mysterienweg zum Grossen Vater. Und wie einst die Begehung der Höhlen ist hier der Weg durch die Wüste begleitet von Furcht und Entsagung, eine ständige tödliche Bedrohung, die von Gott selber ausgeht. Dies wird in drastischer Weise in V. Buch Mose beschrieben. In V. Mose 5 gelten die Zehn Geboten als göttliche Anweisung zum Leben und zum Heil, doch rund um diese Zehn Gebote herrscht ein Klima von Terror und Destruktion, die zur unmittelbaren Präsenz Jahwes gehört.
Am dritten Tage aber, als es Morgen wurde, erhob sich ein Donnern und Blitzen, und eine schwere Wolke lag auf dem Berge, und mächtiger Posaunenschall ertönte, sodass das ganze Volk im Lager erschrak. ... Der Berg Sinai aber war ganz in Rauch gehüllt, weil Jahwe im Feuer auf ihn herab gefahren war. ... Als nun Jahwe auf den Berg Sinai herab gefahren war, auf die Spitze des Berges, rief er .... (II. Mose 19, 16-20)
Jahwe als düsteres, qualmendes Ungeheuer aus den Tiefen des Bergesinnern erscheint wie der Ausbruch aus der mütterlichen Geborgenheit, denn der Berg galt einst als mütterliche Achse der Welt (13). Der Ausbruch war die Entfesselung archetypischer männlicher Kraft. Dieser Entfesselung erfuhren die Völker auch von den altorientalischen Herrschern, die mit ungeheurer Brutalität mit Ross und Wagen durch die Länder zogen, sie eroberten und diese in ihre eigenen Reiche eingliederten.
Der Unterschied psychischer Befindlichkeit zwischen alteuropäischen Jägern und altorientalischer Herrschern lässt sich an den zwei folgenden Bildern aufzeigen:
Ein Bild aus dem Alten Europa zeigt den Jäger an der Nabelschnur
der Grossen Mutter. Im Töten des Tieres sieht er sich als Teil der
mütterlichen Geborgenheit. In ihr kommen Leben und Tod zusammen.
Im Gegensatz dazu tritt der altorientalische Jäger als Krieger auf und
unterwirft sich die Welt. Die ungeheure seelische Energie, die mit dem
Loslösen aus der mütterlichen Geborgenheit entstand, spaltet das
menschliche Bewusstsein in einen hellen männlichen und einen dunklen,
weiblichen Aspekt.
Zum hellen Aspekt gehört nun die Ratio, der Verstand, welcher alles Mythische vermeintlich entkleidet. So gilt das Alte Testament als entmythisiertes Werk. Doch das ist nur Schein, denn die alten Mythen, die im Alten Testament verdrängt sind, werden durch einen anderen Mythos ersetzt - vom Mythos des einzigen Gott, der wie jeder Tyrann keine Gleichgestellten neben sich duldet und bedingungslosen Gehorsam erwartet. Die Gefahr, die von ihm ausgeht, zeigt sich in seinem glühenden Zorn, der als ständig tödliche Bedrohung über Volk und Völker schwebt. - Was ist das Mittel, um als Mensch diesem Gott zu entfliehen? Die Antwort hat Horst E. Richter gegeben: Sich mit ihm identifizieren.
4.5. Judas und Jesus im Lichte des Sonnenhaften
Judas kämpft wie einst der Sonnengott den Kampf gegen das kollektive Unbewusste. Dieses nimmt er aussen als aufgebrachte Menschenmenge wahr, dem Sinnbild des Chaos, Er kämpft für die rechte Ordnung. Sein verzweifelter Versuch gilt aber der Restaurierung seines früheren Lebensabschnitt - einer Situation, die er eigentlich verlassen wollte. Er schildert einmal mehr den verzwackten Pakt zwischen Vergangenem und Zukünftigen, in dem das Neue eng mit dem Überholten verknüpft ist. In seinem Gang nach vorn wird Judas von seiner Vergangenheit eingeholt und zwar äusserlich wie innerlich: äusserlich, indem er zurück an seinen angestammten Platz in der Gesellschaft gehen will und innerlich, indem er sich auf sein Denken verlässt, das sich genauso zornig verhält, wie einst Jahwe, der sich von seinen mütterlichen Wurzeln befreit und das Denken seiner Anhänger mit dem auswendig lernen und Halten unzähliger Geboten diszipliniert. Doch im Gegensatz zu früher, als das zielgerichtete Denken identisch war mit dem Erreichen heiliger Ziele, ist es jetzt eine Rückwärtsbewegung "We must keep in our place!"
Gegenüber Judas repräsentiert Jesus eine neue Ordnung. Jesus ist nach der
Typenlehre von C.G. Jung am ehesten der introvertierte Empfindungstyp. Er sagt
nicht viel, und was er sagt, entspricht dem, was ist und nicht einer
intellektuellen Wertung. Von ihm kommt auch keine symbolische Sprache, denn die
Intuition liegt seinem Bewusstsein am Entferntesten. Dafür kann er sich der Wohltat, die ihm
Maria Magdalena entgegenbringt, annehmen und sie den Menschen weitergeben in den
Berührungen, die die Menschen als Heil und Wunder erleben. Dies weist auf die starke
Hilfsfunktion des Fühlens hin, die er entwickelt hat. Und mit dem Fühlen ist er
dem Weiblichen sehr nahe. So entwickelt sich während den nächsten Auftritten eine
Szene mit drei Personen, Judas, Jesus und Maria Magdalene. Sie schildert den
altägyptischen Mythos von Seth, Osiris und Isis neu: Seth tötet Osiris, um
seine Macht durchzusetzen und Isis trauert um ihren verstorbenen Mann.
Jesus erinnert auch in einer anderen Weise an Osiris. Osiris ist der Gott, der Vergangenes und Zukünftiges in der Unterwelt, also im kollektiven Unbewussten vereint. Und wie der Sonnengott Re, welcher durch die mitternächtlichen Umarmung mit Osiris zu dessen gegenwärtigen Manifestation am Tageshimmel wird, versteht sich Judas eins mit Jesus "I'm your right man all along". Als Judas Jesus zum ersten Mal begegnete, berührte ihn auch der Archetyp des Selbst. Doch das Selbst ist im Chaos des kollektiven Unbewussten, deren Bedrohung Judas nun aussen in der Menschenmenge und der Behörde sieht: "I am frightened by the crowd - For we are getting much too loud. And they'll crush us if we go too far", doch die eigentliche Bedrohung kommt von seiner Seele.
Es ist ein Teufelskreis: Er steht hinter Jesus und fängt an, das Alte zu verlassen. Doch damit hat er dem Grossen Vater den Kampf angesagt und ist in dessen Sicht in Ungnade gefallen, in den Bereich des Ungerechten, des Dämonischen, das zur Mittagszeit getötet werden muss. Und so bekommt das Denken des Judas in seiner glasklaren Folgerichtigkeit etwas Beschwörendes, Magisches. Wie einst der tote Altägypter vor dem Totengericht des Osiris seine Formeln hersagt, versucht Judas als Gerechter zu erscheinen, indem er die logischen Formeln seiner patriarchalen Erziehung aufsagt. Im Bewusstsein seiner Richtigkeit steigert er sich ins Unermessliche und wird selber zu Gott: "But I want us to live!" Sein Wille fordert das Leben. Doch dieses Leben bedingt einen Tod!
Das Prinzip, das Leben Tod bedingt und umgekehrt, gehört zum Grundthema aller Religionen. Im Alten Testament hat Gott am Anfang Himmel und Erde und alles was darin ist, erschaffen. Und diese Schöpfung erachtete Gott als "gut". Doch im Laufe des Alten Testamentes versucht derselbe Gott immer wieder seine Welt zu vernichten. Er ist Gott wie ihn Deuterojesaja neben Hiob wohl am besten erkennt:
Ich bin Jahwe, und keiner sonst,
der ich das Licht bilde und die Finsternis schaffe,
der ich Heil wirke und Unheil schaffe, ich bin's, Jahwe, der dies alles wirkt. (Jesaja 45,7)
Aber auch im Neuen Testament kann Gott nur eine neue Schöpfungstat vollbringen, indem er seinen einzig geliebten Sohn töten lässt. Und in diesem Sinne prophezeit uns Judas richtig:
Listen Jesus to the warning I give! Please remember that I want us to live
Mit dem Willen das Leben zu wollen, lehnt er aber den Weg ab, der ihm bestimmt ist: Sein bisheriges Ich zu opfern und den Weg zur Ganzheit zu gehen, indem er das Mythische, das wie seine Sprache zeigt ihm das Tor zum Unbewussten und zum Weiblichen ist. Doch wie in seinem zweiten Auftritt sichtbar wird, lehnt er dies gerade ab.
It seems to me a strangething, mystifying!
That a man like you can waste his time
on Women of her kind.
Mit diesem Satz im zweiten Auftritt reflektiert er zum ersten Mal bewusst das Weibliche. In seiner Einstellung kann er in Maria Magdalene nur die Dirne erkennen, die es nicht wert ist in der Nähe von Jesus zu sein.
Doch das Weibliche taucht bereits in seinem ersten Auftritt in den Symbolen auf und ergänzt mit magischer Penetranz die Ereignisse, die Judas zu reflektieren sucht. Das erste Beispiel kennen wir "my mind is clearer now"! Mir scheint es nicht von ungefähr, dass er fortfährt mit "if you strip away the myth from the man", in dem das verdrängt mythisch weibliche aufblitzt
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Text und Design: Esther Keller-Stocker, überarbeitet im Oktober 2009
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