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3. My mind is clearer now

My mind is clearer now -
at last all to well.
I can see
where we all soon will be...
Mein Verstand ist jetz klarer -
sehr viel klar.
Ich kann sehen,
wo wir alle bald sein werden..

Judas beginnt seinen Auftritt mit "my mind is clearer now". Er sagt nicht "Ich denke klarer" sondern "mein Verstand ist jetzt klarer". In diesem Wort schwingt ungewollt ein Mythos mit, der Mythos vom Aufgang der Sonne. Es ist diese ungewollt mythische Sprache, das die rationale Aussage von Judas zu einer Ganzheit zusammenfügt. Das rationale "mind" drückt patriarchale Werte und Normen aus, an denen Judas seine Analyse entwickelt, während der mitschwingende Mythos eine andere Dimension belebt, die Gesetzmässigkeit von Leben und Tod, Symbole der Grossen Mutter, die sich kompensatorisch zu den Werten des Grossen Vaters einbringt.

In der Analyse des Judas tauchen Begriffe wie God, Messiah, Fire, Father, Carpenter auf, die Symbole des Sonnenmythos zu verstehen sind. Es sind aber auch mythische Grössen, die zum Symbolkreis der Grossen Mutter gehören.  Und vor allem das im 1. Auftritt völlig nebensächliche "Chest" (Kiste, Sarg) ist Sinnbild der Grossen Mutter. "Chest" ist eigentlich das Ziel seines Weges, das Aufgeben seines patriarchalisch genormten Ichs hin zu einem ganzheitlichen Menschen. Da diese Aufgabe sehr schwer ist, projiziert Judas die Bedrohung auf Jesus, der dafür den konkreten Tod stirbt.

My Mind ist geprägt vom abendländische Denken, ist identisch mit "sein" gemäss Descartes Satz "Cogito, ergo sum!" Weiter drückt das Possessivpronomen "my mind" auch ein Besitzverhältnis vom Verstand zu Judas aus, und so ist mind nicht ganz identisch mit ihm. My mind entwickelt im ersten Auftritt sogar eine unbewusste Eigendynamik, die Judas nicht mehr kontrollieren kann. Doch was ist der unbewusste Bedeutung von mind? Mind vermittelt dem Judas mittels der symbolträchtigen Begriffe den Weg nach innen ins Unbewusste. Doch Judas erkennt die symbolträchtigen Begriffe nur als Gerede der Menschenmenge ausserhalb.

3.1. "Mind" etymologisch betrachtet

Mind ist ein vielschichtiges Wort. Nach Cassell's Wörterbuch bedeutet es Geist, Verstand, Gesinnung, Seele, Gemüt, Absicht, Vorhaben, Wille, Meinung, Ansicht, Überzeugung, Neigung, Lust, Gedächtnis, Erinnerung, Sinn, Beachtung und Aufmerksamkeit.

Judas versteht unter "my mind" den rationalen Aspekt, den Verstand, doch "mind" repräsentiert auf der emotionalen Ebene eben auch Seele, Gemüt und Lust, Begriffe des Gefühlsbereichs, der im patriarchalen Bewusstsein mit weiblich assoziiert wird.

Verfolgen wir "mind" zurück auf seine lateinischen, griechischen und Sanskrit-Wurzeln, wie es Erich Neumann (4) getan hat, dann entdecken wir eine geschichtliche Bewusstseinsentwicklung, dessen Potential dem heutigen Menschen zur Verfügung steht: Mind geht hervor aus dem lateinischen mens, mentis und dem griechischen menos. Die Wurzel des griechischen menos ist im Sanskrit-Wort manas zu finden. Das Sanskrit-Wort manas beinhaltet den Sanskrit-Stamm ma- oder me-. Aus diesem Wortstamm stammen auch Begriffe wie Mond (engl. moon, attisch-griechisch men, jonisch-griechisch mene), Mutter (mater, meter, matar) und Materie. Mit Matar sind die griechischen Wörter Weisheit und Klugheit verbunden,  denn die Klügeste aller Götter ist Metis. In den mütterlichen Bereich gehört methiesthai meditieren, im Sinne haben, träumen und menos Geist, Seele, Mut, Feuereifer, aber auch menoiuan an etwas denken, meditieren, wünschen, memoua im Sinne haben, beabsichtigen, main(d/s)mai denken, aber auch in Gedanken versunken sein.

Die etymologische Betrachtung zeigt, dass mind Verstand, Überlegung, Geist, Seele, Mut ursprünglich in den Betreich der Grosse Mutter und ihrer Weisheit gehört. In der mütterlichen Weisheit einbezogen ist auch der Mond, welcher häufig der männliche Aspekt der Grossen Mutter darstellt. Der Mond galt häufig als numinoser Vater der menschlichen Kinder.

Die Kombination Mond, Mutter, Weisheit (metis) wird im patriarchalen Bewusstsein prophetisch verwirrlich und geheimnisvoll empfunden. Auch dies kommt in den griechischen Begriffen vor wie maindmai rasen, mania Besessenheit, Raserei und mantheia Wahrsagung zum Ausdruck, aber auch in menuo anzeigen, offenbaren, meno, maneo, bleiben, verweilen und man (Sanskrit) zögern, abwarten, manthano lernen, memini sich erinnern und mentiri lügen.

Es sind die Begriffe, die sich bei Judas wieder finden: Wenn er das Resultat seiner Überlegungen als zukünftiges Ereignis voraussieht, dann wird er zum Propheten. Doch da er den eigenen unbewusst weiblichen Aspekt auslässt, wird er zum Lügenprophet (mentiri). Emotional merkt er, das etwas nicht stimmt. Es treibt ihn hin und her und zuletzt wird er Jesus an die Priester verraten.

Doch betrachten wir nochmals die griechischen und lateinischen Begriffe, aus denen mind hervorgeht: Menos, menis bedeutet im Griechischen der Zorn, Mens/-tis Absicht, Zorn, Denken, Gedanke, Verstand, Besinnung, Sinnesart, Denkart, Vorstellung. Dazu schreibt Jean Gebser in "Ursprung und Gegenwart":

Er, der Zorn, gibt dem Denken und der Handlung Richtung; und er ist rücksichtslos, das will besagen: er sieht nicht nach rückwärts, er wendet den Menschen fort von der bisherigen mythischen Welt der Eingeschlossenheit und ist vorwärts gerichtet wie die zielenden Lanze, die des in den Kampf stürzende Archill. Er einzelt den Menschen von der bis anhin gültigen Welt und ermöglicht sein Ich.

Dieses Bewusstsein nennt Jean Gebser mentales Bewusstsein. Dem mentalen Bewusstsein ging nach Jean Gebser das mythische voraus, das den Menschen in einem Bildernetz, den Seelenbildern, einschloss. Das Eingeschlossensein in den Seelenbildern versteht Jean Gebser als Eingeschlossensein in der mütterlichen Geborgenheit, aus der das zornig denkende männliche Ich ausbrach. Rücksichtslos und nach vorwärts strebend sucht es die mütterliche Geborgenheit hinter sich zu lassen. Doch die hinter sich gelassene mütterliche Geborgenheit ist nicht einfach weg sondern in unserem Bewusstsein unterschwellig immer vorhanden und wird in Bildern sichtbar.

Noch etwas sehr Zentrales hat der Übergang vom mythischen zum mentalen Bewusstsein bewirkt, die Konkretisierung mütterlicher Symbole auf die Welt, die Natur, das Land, das Volk, die Mutter, die Materie. Das heisst das mentale Bewusstsein sucht die Grossen Mutter als blosse Erscheinung der irdischen Welt zu sehen. Das zeigt sich auch im Alten Testament, in dem das Volk Israel oder Juda als Frauen Jahwes eigentlich die Grosse Mutter repräsentieren. In unserer Zivilisation sind wir längst gewohnt, die Symbole der Grossen Mutter in die Materie zu projizieren, in die konkrete Welt, in die Natur. Und so verfährt der moderne Mensch wie einst der alttestamentliche Schöpfer und Beherrscher der Welt: Er durchleuchtet alle Winkel und Ecken und durch sein Streben seine Welt immer besser zu schaffen, zerstört er die natürlichen Grundlagen.

Zur heutigen Zivilisation schreibt Jean Gebser:

Die ursprüngliche Wurzel ma: me enthält latent und komplementär auch das weibliche Prinzip. Denn das griechische Wort für Mond, men, geht auf diese Wurzel zurück. Und die Sekundärwurzel mat erlebt ja in der heutigen patriarchalen Welt ihre Glorifizierung, die sich in dem Beherrschtsein des rationalen Menschen durch die Materie und den Materialismus zu erkennen gibt. War der Mond für den frühen Menschen der zeitliche Massstab, so ist die Materie für den heutigen Menschen der räumliche Massstab (Jean Gebser, Ursprung und Gegenwart I, 131).

Gegen Jean Gebser möchte ich darauf hinweisen, dass der gerichtete Zorn nicht erst bei den alten Griechen von grosser Bedeutung war sondern seine Vorläufer in altorientalischen Göttern wie Marduk in Babylon, Re-Amon in Ägypten, Jahwe in Israel/Juda hatte und und erst spät im antiken Griechenland Zeus. Zu den Göttern meint Jean Gebser:

Diese Götter waren männlich und wegen ihres gerichteten Zornes jeder für sich gross- und einzigartig.

Das fascinosum-tremendum, das von diesen Göttern ausging, liess sie zu Manifestationen des numinosen Ideal-Ichs werden, mit dem sich das menschliche Ich bereits im Alten Orient identifizierte. Die ersten menschlichen Identifikationen dieser Götter finden wir in den Titeln altorientalischer Herrschern, der Hethiterkönig zum Beispiel bezeichnete sich als "Sonne" oder der ägyptische Pharao verstand sich als Inkarnation des Sonnengottes Amun-Re. Jean Gebser denkt an die Herrschern mit die ma-haltigen Namen, die an der Schwelle zum mentalen Bewusstsein auftauchten, an den indischen Gesetzgeber Manu, den krethische König Minos, den erste Pharao von Ägypten Menes: Menes bedeutet der "Wäger" oder "Messende" im Sinne eines Gesetzgebers:

Man dürfte nicht fehlgehen, wenn man in dem fast gleichzeitigen Auftauchen dieser drei* legendären Gestalten, die ein menschheitliches Mutationsprinzip verkörpern, einen Hinweis auf eine erste Sichtbarwerdung der mentalen Bewusstseinsstruktur erkennen wollte: denn wo der Gesetzgeber in Erscheinung tritt und nötig wird, da ist das alte Gleichgewicht (das ein polar-mythisches war) gestört, und es beginnt jenes Setzen und Fixieren, das es wiederherstellen soll. Nur die mentale Welt bedarf des Gesetzes, die in der Polarität geborgene mythische Welt bedarf seiner nicht und kennt es nicht. (I/130)

* auch der alttestamentliche Moses als Vermittler des göttlichen Gesetz gehört dazu.

Gegen Jean Gebser möchte ich doch darauf hinweisen, dass die Identifikation des Ich-Bewusstsein mit dem numinosen Überich uralt und magisch ist. So identifizierte sich einst die Schamanin oder der Schamane mit der ihr erscheinenden Gottheit. Diese Gottheit vertrat sie/er vor ihrem Clan. In der Bibel, die magische Züge aufweist, ist die Identifikation eines Menschen mit Jahwe zwar verpönt und doch dringt die ursprüngliche Idee der Identifizierung etwa in II. Mose, 4,15-17 durch: Hier soll Mose auf ausdrücklichem Geheiss Jahwes als Gott auftreten:

Rede also mit ihm (Aaron) und lege ihm die Worte in den Mund;
ich aber will mit deinem und seinem Munde sein und euch lehren, was ihr tun sollt.
Er soll für dich zum Volke reden und dein Mund sein, und du sollst ihm an Gottes (elohim) Statt sein.
Und diesen Stab da nimm zur Hand; damit sollst du die Zeichen tun. (II. Mose, 4,15-17)

Wieso hat die Bibel magische Züge? Schon das man an göttliche Worte glauben soll, ist magisch. Aber eigentlich ist Magie Energie. Magie ist das Bewusstsein der Energie, seelische Energie, die der intuitive Mensch auf Dämonen und Fabelwesen projiziert. C.G. Jung definiert die introvertierte Empfindung als Erkennen der durchschnittlichen Erfahrung der Lebewesen. Und was ist die durchschnittliche Erfahrung der Lebewesen? Energie, die durch die Intuition als Bilder veranschaulicht und vom Denken als Begriffe definiert werden.  Yin und Yang

Schauen wir das eingangs beschriebene Diagramm vom Yin-Yang- Symbol an, so liegen Wahrnehmung/Empfindung und Intuition gegenüber. "Schwarz" bezeichnet die Introversion, das Schauen nach Innen, die weisse Farbe Extraversion, das Schauen nach aussen. Beide Bewusstseinsformen haben sowohl introvertierte wie extrovertierte Anteile. Die Energie der Wahrnehmung wird durch die Bilder der Intuition nach aussen projizert. Und da die Intuition introvertierter und für den Denker unbewusster ist, ist auch die Projektion der Bilder unbewusster.

Im nächsten Kapitel möchte ich am Beispiel von Metis und Zeus zeigen, wie die Weisheit der Grossen Mutter verdrängt und vom patriarchalen Herrscher übernommen wurde.

my mind is clearer now

3.2. METIS UND ZEUS

Vom vorherigen Absatz kennen wir die Göttin Metis ("kluger Rat") als Göttin von Vernunft und Intelligenz. Unter den Göttern und Menschen war sie die Meistwissende (5). Sie konnte sich lange vor der Gier Zeus verstecken, doch letztlich schwängerte er sie. Doch nun fürchtete Zeus, die ihm geborenen Nachkommen könnten ihm, wie er einst Kronos, die Herrschaft streitig machen, und so verschlang er die schwangere Metis auf listige Weise. Mit Hilfe Hephaistos gebar Zeus widernatürlich die zwei Kindern, die glanzäugige Kriegsgöttin Athene und ihren Bruder Ares. Indem Hephaistos mit der Axt auf den Kopf schlug, schlüfte das Geschwisterpaar heraus.

In der Tragödie Orestes I-III von Aischylos (6) opferte Agamemnon seine Tochter Iphigenie.  Die Mutter des Mädchens, Klytaimnestra tötete dafür den Vater. Darauf erschlug der Sohn Orestes aus Rache für seinen Vater die Mutter. Nun brach ein Streit aus, ob der Mord an die Mutter oder den Mord an den Vater ein schlimmeres Verbrechen sei. Bis anhin war der Mord an der Mutter das grössere Verbrechen, doch Apollon und Athene sahen im Vatermord das schlimmere Vergehen. Appollon und Athene sprachen den Muttermörder frei, weil er durch seinen Mord den Vater rächte. Sie fügten als Begründung an:

Apollon
Drauf sag ich also, mein gerechtes Wort vernimm:
Nicht ist die Mutter ihres Kindes Zeugerin
Sie hegt und trägt den eingesäten Samen nur;
Es zeugt der Vater, aber sie bewahrt das Pfand,
.....
Denn Vater kann man ohne Mutter sein - Beweis
ist doch die eigne Tochter des Olympiers Zeus,
Die nimmer eines Mutterschosses Dunkel barg,
Und dennoch kein Gott zeugte je ein edler Kind.
.....

Und Athene sprach ihrem Bruder nach:

Denn keine Mutter wurde mir, die mich gebar,
Nein, vollen Herzens lob ich alles Männliche,
Bis auf die Ehe; denn des Vaters bin ich ganz
(Orestie III - die Eumeniden von Aischylos)

Apollon und Athene hatten vergessen, dass Metis sie zuerst im Bauch des Zeus geboren hatte, bevor sie aus dem Haupt des Vaters gelangten. Der Gewaltakt der zweiten Geburt beweist die Unnatürlichkeit des Geschehens. Als Mythos, welcher dem patriarchal mentalen Bewusstsein zugrunde liegt, weist die zweite Geburt auch auf die ungeheure destruktive Energie hin, die diesem Bewusstsein innewohnt.

In der heutigen Psychologie ist immer nur vom verschlingenden Aspekt der Grossen Mutter die Rede. Doch das Motiv des Zeus, der die Metis verschlingt, zeigt den verschlingenden Aspekt des Grossen Vaters. Dass der Grosse Vater seine Söhne und Töchter verschlingt, ist uns aus den griechischen Mythologie mit Kronos und dessen jüngsten Sohn Zeus bestens bekannt. Die grösste Anstrengung des Grossen Vaters ist es aber, die Grosse Mutter als eigenständige Grösse zu verschlingen, zu zerstören. Dies zieht sich wie ein blinder Fleck durch Theologie und Religion, aber auch durch unser individuelles Leben, denn wir zerstören die Welt, die Natur, die Mater-ie zu unserem Wohle.

Unser Beispiel zeigt, wenn Zeug Metis verschlingt, sucht er sich die Schwangerschaft aber auch die Klugheit der Metis anzueignen. Und dies tut er im Zustand primitiven Kannibalismus, in dem er durch Essen sich die weiblichen Eigenschaften aneignet. Damit anerkennt er auch die Überlegenheit der verschlungenen Göttin. Und die Antwort auf die Frage, wie reagiert ein patriarchaler Gott auf weibliche Überlegenheit? Mit Gewalt!

Im Bauch des Zeus verkörpert Metis das Vergangene, das Alte. Und da das Vergangene, Uralte als abgespaltener Teil des Göttlichen im kollektiven Unbewussten auf ihre Wiedererweckung harrt, vertritt Metis auch das Zukünftige, das Noch-nicht-Dagewesene, denn das Vergangene, das im mentalen Bewusstsein wieder integriert werden muss, ist etwas Neues.

Pfeil

Text und Design: Esther Keller-Stocker, überarbeitet im Oktober 2009

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