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1 . Judas und das patriarchale Bewusstsein
Der Text zur Rock-Oper stammt von Tim Rice, die Musik von Andrew Lloyd Webber. Der Film "Jesus Christ - Superstar" erschien anfangs der 70er Jahren zum ersten Mal und war damals weltberühmt. Der Text von Tim Rice gehört meines Erachtens zu den besten Interpretationen des Neuen Testaments.
Die Hauptfigur ist Judas, ein begnadeter Denker. Mit seinem analytischen Denken glaubt Judas die Wirklichkeit zu erfassen, doch achtet er nicht darauf, dass in seiner Sprache eine Symbolik durchschimmert, in der eine andere Realität mitschwingt, die Realität der Grossen Mutter.
Die Symbolik in "Jesus Christ - Superstar" und besonders im 1. Auftritt, hat einen unmittelbar sichtbaren Teil, der die Wirklichkeit spiegelt, eine patriarchale Wirklichkeit. Doch die Symbolik greift auch unsichtbare Inhalte auf, in der sich viel Verdrängtes findet, Verdrängtes, das zum Archetyp der Grossen Mutter gehört.
Die Kulisse des Films zeigt ein Ruinenfeld mitten in einer Wüste. Zu Beginn des Films fährt ein Car mit den jungen Schauspielern vor, die die Passion Jesu spielen wollen. Im Neuen Testament gilt die Passion Christi als Ereignis, das bereits im Alten Testament vorausgesagt worden ist. So erinnert auch der ankommende Car an den Auszug der Israeliten aus Ägypten. Statt zum Berge Sinai/Horeb gelangen die jungen Leute im Film aber in die Trümmer einer längst vergangenen Zivilisation.
Die vergangene biblische Zivilisation wurde beherrscht von Jahwe, einem Gott, der alles in seinem glühenden Zorn zu vernichten drohte. Das Vorbild Jahwes war der altorientalische Wüstengott Mot ("Tod"). Dieser trocknete während dem Sommer alles aus und versengte es. Mot hatte aber auch eine positive Seite, er liess mit seiner Hitze Korn und Reben reifen. Jahwes wurde nicht nur von Mot beeinflusst sondern auch vom ägyptischer Hauptgott, dem altägyptische Sonnengott Amun-Re: Amun-Re brachte Fruchtbarkeit und seine Strahlen leuchteten die hintersten Winkeln der menschlichen Seele aus. Dies zwang den Menschen zu ethischen Verhalten, das zum staatlichen Zusammenleben befähigte. Vom alttestamentlichen Gott ging ebenfalls eine ungeheure ethische Kraft aus, die den Menschen formte und gestaltete. Doch diese ethische Kraft basierte auf den zerstörerischen Aspekt seines Wesens, auf den glühenden Zorn, der sengend und brennend ins Land zieht und den Menschen das Fürchten lehrte.
Mot und Amun-Re waren beide Götter in ihrem jeweiligen Pantheon. Doch Jahwe war der einzige Gott, neben ihm hatte es keine Götter. Vor Jahwe erhob nur ein Gott den Anspruch alleiniger Gott zu sein, Aton. Aton wurde im 14. Jahrhundert vor Christus vom ägyptischen Pharao Echnaton als einziger Gott ausgerufen(1). Doch schien die Zeit damals für einen einzigen Gott noch nicht reif zu sein.
Das biblische Gottesbild kam mit dem Christentum nach Europa und wurde in der Gestalt Jesus Christus zur Grundstruktur der europäischen Seele. Christus ist der lichte Weltenherrscher und als solcher das numinose Vorbild unseres kollektiven Ichs, wie es Alfred Adler in "Über den nervösen Charakter" beschrieben hat. Die Figur Jesus Christus behielt aber auch die ambivalente Funktion des alttestamentlichen Gottes, einerseits war er der gütige Beschützer andererseits der rächende Richter.
Auch die heutige westliche Welt ist geprägt von der Ambivalenz des alttestamentlichen Gottes: Positiv gesehen leben wir heute in einer gerechteren Welt als je zuvor. Auch ist den meisten von uns ein langes Leben und ein relativer Wohlstand beschieden. Andererseits unterliegen wir der Eile und der Hetze, ein Motiv, das dem alttestamentlichen Gott so eigen ist. Die Identifizierung mit Gott, der in seiner glühenden Eifersucht das Land zerstört, erklärt auch unseren Energieverbrauch, der immer grösser wird und unaufhaltsam unsere Welt zerstört.
Der Film selber repräsentiert eine wichtige Funktion des einstigen Sonnengottes, die Überwachung: Einst durchleuchtete der Sonnengott mit seinen Strahlen alles bis ins Innerste, genauso wie heute Kameras und Internet Welt und Mensch bis in ihr Innerstes, Intimsten festhält, an dem dann tausende, Millionen von Menschen teilnehmen können. Und so übernimmt die anonyme Masse die Funktion des einstigen Sonnengottes.
Unsere psychische Konstellation hat Horst E. Richter in "der Gotteskomplex" beschrieben: Der europische Mensch lebte im Mittelalter unter der Furcht Gottes. Zu Beginn der Neuzeit begann er sich von Gott zu emanzipieren. Er überwand die Furcht vor Gott, indem er sich mit Gott identifizierte. Horst E. Richter beschreibt anhand des Philosophen Nietzsches das narzisstisch überhöhte Ich des Europäers als einsam und ohne Beziehungen. Diese Beziehungslosigkeit wird ebenfalls vom alttestamentlichen Gott vorweg genommen. Gott ist stolz darauf, der einzige Gott zu sein. Neben sich duldet er keine Götter - und vor allem keine Göttin. Die Göttin wurde durch das Volk Israel ersetzt. Das Verhältnis des Volkes Israel (Jerusalem, Samaria oder Juda, Israel) zu seinem Gott wurde in der Metapher einer Ehe dargestellt. Dabei beschuldigte Gott Israel der Untreue. Und diese angebliche Untreue ahndete er mit Zerstörung. Der Haken in dieser Beziehung ist, dass das Volk Israel, manchmal ist auch die Stadt Jerusalem oder Samaria, bei diesen Anschuldigungen selber nie zur Sprache kam. Sie wurde nie gefragt, ob sie das auch so sähe. Sie wurde einfach mit Anschuldigungen überhäuft. Deshalb sind diese göttlichen Anschuldigung reine Behauptung. Auch gaben diese Unterstellungen diesem Gott respektive seinen Theologen die Möglichkeit, den destruktiven Aspekt ohne Schuldgefühl ausleben zu können.
Ich möchte das Gesagte nochmals wiederholen, um einen wichtigen Aspekt hervorzuheben: Im europäischen Mittelalter herrschte Christus als Pantokrator und verkörperte die Macht des zornigen Gottes. Die Furcht vor dem zornigen Gott wurde zur Zeit der Aufklärung intellektuell überwunden. Fortan haben die Europäer die psychische Struktur des zornigen Gottes übernommen und gelebt. Das heisst, die Europäer gestalten die Welt nach ihren Bedürfnissen und ihren Vorstellungen. Mit der Übernahme der göttlichen Struktur, übernimmt der Europäer aber auch dessen Schatten, denn wie einst unter der Glut des eifernden Gottes das Land zugrunde zu gehen drohte, droht heute die Welt in der Glut unserer Zivilisation unterzugehen.
Der altorientalische Mensch lebte mit Mythen. Diese Mythen werden im Alten Testament teils verdrängt, teils auf das Handeln Jahwes hin uminterpretiert. Die verdrängten Mythen werden historisiert, d.h. altorientalische Göttinnen und Götter finden wir in der Bibel als Ahnmütter und Ahnväter wieder. Die Bibel ist ein Buch, das sich als historisches Werk versteht, ein Buch, das zeigt, wie Gott in die Geschichte eingreift. Es ist eine patriarchale Geschichte mit dem einzigen Interesse, den Grossen Vater als einzige göttliche Instanz zu legitimieren. Und damit kommt der Mythos durch die Hintertür wieder zum Vorschein. Denn, dass Jahwe als männlicher Gott der alleinige, absolute Gott sei, ist schliesslich auch ein Mythos.
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In der Rockoper "Jesus Christ - Superstar" wird die Dominanz des Grossen Vaters beispielhaft zelebriert. Doch wird er schattenhaft von der Grossen Mutter begleitet. Im 1. Auftritt erscheint sie völlig verdrängt und taucht in Begriffen auf, die Judas benutzt, und die es nun zu untersuchen gilt.
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Text und Design: Esther Keller-Stocker, überarbeitet im Oktober 2009
